
 |
Interview: Was ist Open Source?
 |
 |

Zirkulieren plus Zahlen |
|
| Volker Grassmuck |
Das Open-Source-Modell wird derzeit ausschließlich für Software und Kulturgüter verwendet. Lässt es sich auch auf andere Güter und Dienstleistungen ausweiten? Wo wäre die Grenze?
Das ist die große Frage, die uns seit der Jahrtausendwende beschäftigt. In verschiedenen Wissensbereichen ist das eins zu eins möglich. Die Netlabels machen es im Grunde genommen genau so, wie es in der freien Software funktioniert: Die kulturellen Artefakte – das eine Mal Software, das andere Mal Musikstücke – werden zur freien Zirkulation im Netz freigegeben, mit den entsprechenden Lizenzen. Sie sind kostenlos kopierbar, herunterladbar, weitergebbar.
Auch modifizierbar?
Das ist eine offene Frage. Bei der Software ist es eine essentielle Voraussetzung, dass sie verändert werden kann. Bei so genannten expressiven Werken gibt es Gründe dafür, zu sagen: "Das ist meine Meinungsäußerung, das ist mein kreativer Ausdruck, und ich möchte nicht, dass andere in einem Gedicht einzelne Wörter umstellen und dann sagen, das ist das Gedicht, Version 1.1." Dann gäbe es eine Kontributorenliste, mit dem ursprünglichen Autor am Anfang, und ich schreibe, wenn ich diese drei Wörter verändert habe, meinen Namen darunter, der nächste kommt, verändert fünf Wörter, und schreibt seinen Namen darunter. Das ist bei Gedichten durchaus fragwürdig.
Andererseits gibt es auch bei anderen Werken als Software diesen Austauschprozess. Niemand existiert, niemand ist kreativ im luftleeren Raum. Wir alle hören Musik, und schaffen neue Musik auf Grundlage dessen, was wir gehört haben, was wir gelernt haben in unserer musikalischen Ausbildung, was die Instrumente anbieten – was Gemeingut ist, aber auch was Ausdruck individueller Einzelner ist. Was das angeht, sie die Samples in der Musik ein großes Thema.
In der Wissenschaft ist das noch deutlicher. Die wissenschaftliche Ethik stützt sich darauf, dass Forschungsergebnisse frei weitergegeben werden können, zugänglich sind für die "Peers", die Kollegen im eigenen Fachgebiet, das Experimentalergebnisse in einer Form dokumentiert werden, dass andere die Experimente wiederholen können, um zu gucken, ob bei den Ergebnissen alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Auch hier ist das Open-Source-Modell eins zu eins übertragbar.
Können Menschen mit Open-Source-Produkten ihren Lebensunterhalt verdienen? Wird das Modell nicht immer auf eine klassische Marktwirtschaft im Hintergrund angewiesen bleiben, oder auf Fördergelder?
Bezahlt werden die Leute für Dienstleistungen: Auftragsprogrammierungen, Anpassungen der Software an die jeweilige Umgebung des Kunden, Systemintegration. Bei den Netlabels sind es Konzerte, Clubauftritte. Wie bekommen diese Leute Auftritte? Dadurch, dass sie bekannt werden. Die Clubbesitzer und Konzertveranstalter müssen ja erst einmal aufmerksam werden auf neue Acts, die sie buchen möchten. Und dafür ist die freie Zirkulation der Musik besser geeignet als jede andere Form von Marketing.
Kein Millionen-Dollar-Marketing-Etat kann einen Effekt erzielen wie das Freigeben von Musik auf der eigenen Website, in Peer-to-Peer-Netzen, mit der expliziten Aufforderung: Wenn euch das gefällt, kopiert es, gebt es an eure Freunde weiter, stellt es in andere Peer-to-Peer-Netze, auf eure eigene Homepage. Natürlich nur, wenn es gut ist. Es gibt keine Garantie dafür, dass jemand, der drei Akkorde spielen kann und seine Musik ins Netz stellt, in zwei Wochen weltberühmt ist. Natürlich muss es Leute geben, die das anspricht. Aber dann wird es sich gewissermaßen von selber verbreiten.
Es gibt Beispiele wie Benegao. Das ist ein brasilianischer Musiker, der Musik auf seine Homepage gestellt hat, und dann Emails aus Spanien bekommen hat, mit einer Einladung zu einem Festival. Er hat das für einen Witz oder Spam gehalten. Dieses Festival wollte ihn aber wirklich haben. Warum? Sie haben seine Musik heruntergeladen, in Clubs gespielt, die Gäste in den Clubs fanden das einen coolen Sound und haben gefragt: Wo kommt denn das her?
Dann haben sie recherchiert, alles Mögliche in Bewegung gesetzt, ihn direkt angesprochen und gesagt: Ja, das ist wirklich ernst, das ist wirklich eine Einladung. Und dann ist er nach Spanien gefahren und hat festgestellt, dass er dort bereits berühmt ist, ohne es zu wissen. Vom Festival ist er gleich weg aufs nächste Festival nach Italien eingeladen worden. Der Effekt wäre nie möglich gewesen, wenn er mit seiner Musik wie sonst üblich zu einem Indie-Label gegangen wäre, mit der Hoffnung, dass das Indie-Label irgendwann aufgekauft wird von einem Major-Label mit einer internationalen Distribution, die seine Musik in die Plattenläden in Spanien gebracht hätte, um dann von den Clubs entdeckt zu werden.
Wenn man das so erzählt, wird klar: Das ist ein Nadelöhr, durch das nur ganz wenig Musik hindurchkommt, von der das Label eben denkt, sie sei geeignet für eine internationale Distribution. Das sind Entscheidungen von Leuten, die natürlich Ahnung haben von Musik, aber jeder von denen hat seinen beschränkten Bereich. Es gibt neue Trends, niemand weiß, was den Leuten gefällt, das wissen die Leute nur selber. Das können die Leute nur entscheiden, wenn sie mit Musik konfrontiert werden, wenn sie sie hören können, sie von Freunden empfohlen wird, wenn sie von Webseiten empfohlen wird, die in die entlegensten Ecken des Internets gehen, um neue Dinge zu entdecken.
05. Januar 2007 |
 |
3 / 4 |
 |
|
|

|
 |
 |
Online-Publikation |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Freie Software
Freie Software wirft ein neues Licht auf die Geschichte von Internet und Software, auf das Eigentum an geistigen Gütern, auf die Infrastruktur des Wissens und seine Vermittlung in der Bildung. |
 |
|
 |
 |
 |
|
 |
 |

|