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Dossier USA

Die USA sind anders


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Peter Lösche
Land der unbegrenzten Möglichkeiten und der unbegrenzten Widersprüche; einzig verbliebene Supermacht nach Ende des Ost-West-Konflikts; Speerspitze des Imperialismus und Hort von Demokratie und Freiheit. Urteile und Vorurteile, Klischees und Stereotype prägen häufig unser Bild von den Vereinigten Staaten.

Die Freiheitsstatue in New York ist ein Symbol der Vereinigten Staaten von Amerika. (Bild: AP)
Es fällt Außenstehenden mitunter schwer, dieses Land zu begreifen, seine Kultur, seine Gesellschaft und auch sein politisches System. Das beginnt manchmal schon mit der irrigen Annahme, die USA seien, da im 18. und 19. Jahrhundert ganz überwiegend von Europäerinnen und Europäern besiedelt, nichts anderes als die Verlängerung Europas über den Atlantik, gleichsam die westliche Ausdehnung Großbritanniens.

Zur Person
Peter Lösche
Prof. em. Dr. Peter Lösche, lehrte am Seminar für Politikwissenschaften der Georg-August-Universität in Göttingen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Politik und Gesellschaft der USA. Parteien und Verbände sowie Parteien- und Wahlkampffinanzierung.

Wir erwarten Bekanntes und gehen nicht auf jene Distanz, die zum Verstehen notwendig ist. Dies ist bereits der Ausgangspunkt vieler Missverständnisse. Wer die Vereinigten Staaten tatsächlich begreifen will, sollte sie zunächst als fremdes Land analysieren und versuchen, sie von innen heraus zu verstehen, nicht allein in der Rolle, in der sie uns immer wieder begegnen, nämlich als Weltmacht im internationalen System.

Die USA unterscheiden sich fundamental von Deutschland und anderen europäischen Ländern. Um die Besonderheiten amerikanischer Politik und Gesellschaft kenntlich zu machen, werden im folgenden drei analytische Kategorien benutzt, die aus dem Vergleich Deutschlands bzw. Westeuropas mit den Vereinigten Staaten gewonnen worden sind.

Gesellschaftliche Segmentierung

Während die Gesellschaften Westeuropas - einschließlich Deutschlands - durch vergleichsweise zusammenhängende, übersichtliche Klassen- und Schichtenstrukturen gekennzeichnet sind, die sich in vielen Lebensbereichen - wie dem Bildungssystem - niederschlagen, ist die US-amerikanische charakterisiert durch Segmentierung im Sinne von vielfältiger, unzusammenhängend erscheinender, unübersichtlicher Zergliederung. Diese Segmentierung verlief als naturwüchsiger, unbewusster, prinzipiell ungesteuerter und bis in die Gegenwart andauernder Prozess in Geschichte und Gesellschaft, der jeweils erst im Nachhinein deutlich wird.

Zur Segmentierung haben verschiedene Faktoren beigetragen: die zeitlich je unterschiedliche Einwanderung verschiedenster ethnischer Gruppen und die damit verbundene Besiedlung des Landes, der Regionalismus und der Lokalismus. Konkret: Provinzialismus und Lokalpatriotismus in den USA wurzeln in den Nachbarschaften und Stadtvierteln, als seien diese selbstständige kleine Inseln. Auf diesen Nachbarschaftsinseln leben häufig Menschen gleicher ethnischer Herkunft, die sich in punkto Einkommen, Sozialprestige, Kirchenzugehörigkeit, Schulbildung, Ausbildungsweg ihrer Kinder und Wohnverhältnisse weitgehend annähern. Dies sind Inseln der Gleichheit und Glückseligkeit (oder - in sozial benachteiligten Wohnvierteln - eher Inseln der Unglückseligkeit), auf denen der amerikanische Traum geträumt werden kann und deren Bewohnerinnen und Bewohner ähnliche Werte, Einstellungen und Überzeugungen haben.

Die Segmentierung der US-amerikanischen Gesellschaft lässt ein Solidaritätsgefühl, das mehrere Klassen und Schichten, verschiedene ethnische Gruppen und alle Landesteile vereint, nur schwer entstehen. Sie enthält immer auch ein Element der Entsolidarisierung. Gesellschaftliche Segmentierung meint also die schichten- und klassenmäßige, geografisch-räumliche, ethnische, kulturelle und religiöse Aufgliederung der US-Gesellschaft, die im Grad ihrer Aufteilung und Abschottung der einzelnen Teile gegeneinander bei weitem das übertrifft, was in Deutschland und Westeuropa gewohnt ist. Damit wird das Klischee relativiert, die US-amerikanische Nation sei ein riesengroßer Schmelztiegel, in dem nationale, sprachliche, kulturelle und religiöse Unterschiede zwischen den Einwanderern eingeschmolzen würden. In Wirklichkeit gleicht die US-amerikanische Nation einem bunten Flickenteppich, in dem die einzelnen Bestandteile sehr wohl erkennbar bleiben.


02. Oktober 2008

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Redaktion
fluter
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