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Konzepte, Strategien und Tätigkeitsfelder
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Bildungsarbeit und Friedenserziehung in Post-Konfliktgesellschaften |  |
| Uli Jäger |
| Bildung und Erziehung haben in Post-Konfliktgesellschaften einen hohen Stellenwert. Sie helfen, Mauern und Feindbilder in den Köpfen zu überwinden, um aus Gewaltspiralen aussteigen zu können.
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| UN-Mitarbeiter verteilten im Jahr 2005 das Brett-Spiel "Der Weg zum Frieden" an afghanische Flüchtlinge, um sie über die Vergangenheit und die Zukunft Afghanistans zu belehren. Foto: AP |
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Wenn die Waffen schweigen, ist der Frieden noch längst nicht gewonnen. Große Herausforderungen sind zu bewältigen, damit auf dem Boden des prekären Friedens in Post-Konfliktgesellschaften nicht neue Gewalt entsteht. Die Neuausrichtung des formalen und nicht-formalen Bildungsbereichs zielt auf die Überwindung der Feindbilder und Mauern in den Köpfen. Gewaltverherrlichende, diskriminierende und die (Konflikt-)Geschichte einseitig darstellende Schulbücher müssen überarbeitet, neue Curricula entwickelt und Lehrpersonal ausgebildet werden.
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Zur Person |
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Uli Jäger Uli Jäger M.A. (geb. 1958), hat an der Universität Tübingen Politikwissenschaften, Soziologie und Erziehungswissenschaften studiert.Seit 1986 ist er Geschäftsführer des Instituts für Friedenspädagogik Tübingen e.V. und Lehrbeauftragter an an der Universität Tübingen sowie der Universität Heidelberg Zahlreiche Veröffentlichungen zu den Themen Friedenspädagogik, Zivile Konfliktbearbeitung, Globales Lernen sowie Sport und Friedensförderung sind von ihm erschienen.
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 |  | Dabei ist das Verhältnis von Frieden und Bildung stets kritisch zu reflektieren. Zu Recht wird gefordert, "die scheinbar per se friedensstiftende Kraft der Bildung zu entmystifizieren". Denn Bildung kann bewusst missbraucht werden und zu Feinbildern, Hass, übersteigertem Nationalismus und zur Militarisierung des Denkens beitragen. Den verantwortlichen Akteuren stellt sich deshalb die Aufgabe, Bildungssysteme "konfliktsensitiv" auszurichten. Doch es geht um mehr: Durch breit gefächerte Bildungsarbeit und gezielte Friedenserziehung müssen individuelle und kollektive Lernprozesse zur Förderung einer tragfähigen Kultur des konstruktiven Konfliktaustragens und des Friedens
angestoßen, begleitet und ausgewertet werden.
Lernarrangements für Frieden
Friedenspädagogik kann im Kontext von Entwicklungszusammenarbeit die notwendigen Schritte prinzipiell auf zwei Ebenen begleiten und unterstützen: Erstens kann sie zur Qualifikation der beteiligten Akteure beitragen, indem sie durch eigene Erfahrung und die Vermittlung einschlägiger Ergebnisse aus der Friedensforschung und anderen relevanten Disziplinen deren inhaltliche Kompetenzen und methodische Fähigkeiten bereichert. Zweitens kann sie sich mit der Konzeption, Umsetzung und Evaluation von friedenspädagogischen Lernarrangements selbst gezielt an ausgewählte Zielgruppen (Multiplikatoren, Jugendliche, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen, Vertreter von Konfliktparteien) wenden, um Erfahrungsräume für gemeinsames Friedenlernen zu öffnen.
Trotz großer Unterschiede hinsichtlich der Definitionen von Friedenspädagogik dürfte bei Theoretikern und Praktikern Konsens über vier Zielfelder bestehen, die auch für die Konzeption von Maßnahmen in Konflikt- und Kriegsregionen Bedeutung haben:
- die Auseinandersetzung mit und die Ächtung von Krieg;
- das Widerstehen gegenüber allen Formen der (Alltags-)Gewalt bzw. der Faszination der Gewalt und damit auch die Förderung der Aufarbeitung individueller und kollektiver Gewalterfahrungen in Vergangenheit und Gegenwart;
- die konstruktive Auseinandersetzung mit Konflikten bzw. die Wahrnehmung von Konflikten als Chance für positive Veränderung und damit die Befähigung zum konstruktiven Umgang mit Konflikten und zur Auseinandersetzung mit "dem Anderen";
- die Entwicklung von Visionen des Friedens und des gemeinsamen Zusammenlebens.
Jede Gesellschaft muss ihre "Roadmap to Peace" immer wieder überdenken und neu konzipieren. Friedenspädagogik ist gefordert, das Interesse der Menschen für Friedensprozesse zu wecken und ihr kompetentes Mitwirken zu fördern.
Forschungsprojekte und Systematisierungsversuche
Das im Jahr 2005 gestartete Forschungsprojekt "Friedensbauende Bildungsmaßnahmen bei bewaffneten Konflikten" an der Universität Heidelberg leistet einen ersten Beitrag zur Systematisierung des Handlungsfeldes "Friedenspädagogik in Konflikt- und Kriegsregionen". In zehn ausgewählten Konfliktgebieten werden friedenspädagogische Aktivitäten im formalen und nicht-formalen Bildungsbereich untersucht und in einer Datenbank erfasst.
Als friedensbauende Bildungsmaßnahmen werden bildungsbezogene Aktivitäten und Aktivitätenbündel bezeichnet, die (1) explizit und direkt darauf gerichtet sind, Frieden zu stiften, zu bauen und zu erhalten oder die (2) mit besonders kriegsbetroffenen Zielgruppen (wie landesintern Vertriebenen oder Kindersoldaten) durchgeführt werden.
Im Blickfeld sind 25 Maßnahmenmuster, die von "Ausbildung von Ausbildern" über "Erinnerungsarbeit", "Friedensbildungspakete" und "Traumata-Behandlung" bis zu "Werteerziehung" reichen und unterschiedlichen Konfliktformen (ethnisch-nationale Konflikte, religiös-kulturelle Konflikte, politisch-ökonomische Konflikte) zugeordnet werden. Die Evaluation der Wirkungen dieser Maßnahmen ist einer zweiten Projektphase vorbehalten, die 2008 begonnen hat. Ziel des Gesamtprojektes ist es, über die Systematisierung und Bewertung hinaus einen Werkzeugkasten von Bildungsmaßnahmen zur Verfügung stellen zu können. Ein Ergebnis der ersten Projektphase liegt in der Erkenntnis, dass "die Herangehensweise über die Schule von den Projektorganisatoren nicht als der ’Königsweg’ friedensbauender Bildung angesehen wird".
Gleichwohl darf der formale, schulische Bereich nicht unterschätzt werden. Darauf macht das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung mit seinem Arbeitsbereich "Konflikt" aufmerksam. Dabei geht es um die Rolle von Schulbüchern in Konfliktsituationen, um "Schulbucharbeit" als Mittel zur Konfliktbearbeitung, um Konfliktdarstellungen im Schulbuch sowie um das "Lernen unter Konfliktbedingungen". Eines der Ergebnisse ist: Schulbücher zementieren Konflikte, "indem sie sie an immer neue Schülergenerationen weitergeben".
Friedenspädagogik in der Entwicklungszusammenarbeit
Die systematische Einbeziehung von Ansätzen der "Friedenspädagogik in Konflikt- und Kriegsregionen" in die Entwicklungszusammenarbeit steht noch am Anfang. Am aktuellen Diskussionsprozess beteiligen sich Akteure mit unterschiedlichen professionellen Anbindungen, Interessen und Zielvorstellungen. Dazu gehören z.B. die am Zivilen Friedensdienst (ZFD) beteiligten Organisationen, die in Krisenregionen tätig sind. Friedensfachkräfte müssen sich auch im Handlungsfeld "Friedenspädagogik" beweisen und benötigen eine entsprechende Ausbildung und Vorbereitung.
Auch andere Nichtregierungsorganisationen aus dem Entwicklungs- und Friedensbereich sowie die Träger der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit (GTZ, InWent) sehen in den von ihnen geförderten Projekten friedenspädagogischen Handlungsbedarf, solange Gewaltkulturen nicht überwunden sind und Konflikte immer wieder eskalieren können. Die (vergleichsweise ressourcenschwachen) Einrichtungen der Friedenspädagogik tragen mit ihren langjährigen Erfahrungen und eigenen Pilotprojekten zur Entwicklung geeigneter Ansätze bei.
Nicht zuletzt sind internationale Organisationen und NGO-Netzwerke an der Konzeptionsentwicklung und Umsetzung von Bildungsprogrammen beteiligt, die auch friedenspädagogische Komponenten enthalten. Unter dem Oberbegriff "Learning to live together" hat z.B. die GTZ in Zusammenarbeit mit dem International Bureau of Education (IBE) eine Handreichung für die Entwicklung, Umsetzung und Auswertung von Bildungsmaßnahmen erarbeitet. Eine bedeutende Rolle im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit spielt das von der UN-Flüchtlingskommission (UNHCR) und vom Interagency Network for Education in Emergencies (INEE) aufgelegte "Peace Education Programme".
Einige Detailstudien geben bereits Auskunft darüber, wie Dialog- und Begegnungsarrangements (was kann man sich darunter vorstellen?) unter friedenspädagogischen Gesichtspunkten konzipiert werden können und wie deren Wirksamkeiten einzuschätzen sind. Die Reichweite von Begegnungsprojekten in Konflikt- und Kriegsregionen ist im Hinblick auf die politischen Folgewirkungen umstritten. Zu klein sei die Zahl derjenigen, die mit diesen Maßnahmen erreicht werden können. Es wird kritisiert, dass diese kaum breitere gesellschaftlich-politische Auswirkungen haben. Zudem fänden viele Maßnahmen außerhalb des staatlichen Erziehungssystems statt. "Wenn hier negative Stereotype und Hass gegen die jeweils anderen Gruppen gepredigt werden, können punktuelle Friedensprojekte (...) sehr wenig bewirken". Das Zusammenspiel formaler und nicht-formaler Angebote ist der Idealfall und muss gefördert werden. Gleichwohl darf der Einfluss friedenspädagogischer Projekte nicht unterschätzt werden, zumal wenn diese einflussreiche Zielgruppen wie Multiplikatorinnen und Multiplikatoren erreichen und im Dialog auf Augenhöhe mit den Partnern vor Ort umgesetzt werden.
Literatur
Jäger, Uli (2008): Friedenspädagogik in Konflikt- und Kriegsregionen, in: Renate Grasse/ Bettina Gruber/ Günther Gugel (Hrsg.): Friedenspädagogik. Grundlagen, Praxisansätze, Perspektiven. Reinbek, S. 233-252.
Lenhart, Volker (2007): Bewaffneter Konflikt und friedensbauende Bildungsmaßnahmen, in: Andresen, Sabine/ Inga Pinhard/ Stefan Weyers (Hrsg.): Erziehung – Ethik – Erinnerung. Pädagogische Aufklärung als intellektuelle Herausforderung. Micha Brumlik zum 60. Geburtstag. Weinheim, S. 216-228.
Lenhart, Volker/ Reinhard Mitschke / Simone Braun (2008): Friedensbauende Bildungsmaßnahmen bei bewaffneten Konflikten. Abschließender Forschungsbericht über das von der Deutschen Stiftung Friedensforschung (DSF) Februar 2006 bis April 2008 geförderte Vorhaben, Heidelberg.
Mc Glynn, Claire/ Michalinos Zembylas/ Zvi Bekerman/ Tony Gallagher (Hrsg.) (2009): Peace Education in Conflict and Post-Conflict Societies, Macmillan: New York.
Salomon, Gavriel/ Baruch Nevo (Hrsg.) (2002): Peace education. The Concepts, Principles and Practices around the World, Mahwah, New Jersey, London.
Schimpf-Herken, Ilse/ Ingrid Jung (2002): Das Fremde als Chance. Wie entstehen Lernprozesse? Erfahrungen in der Bildungsarbeit mit chilenischen und deutschen LehrerInnen, Frankfurt a.M./ London.
Links
Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) (2008): Learning to live together. Design, monitoring and evaluation of education for life skills, citizenship, peace and human rights.
http://www.gtz.de/de/dokumente/gtz2008-en-learning-live-together-education.pdf
Jäger, Uli (2007): Friedenspädagogik in Konflikt- und Kriegsregionen: Ansätze und Herausforderungen für die Entwicklungszusammenarbeit.
http://www.friedenspaedagogik.de/themen/ friedenspaedagogik_in_konflikt_und_krisenregionen/ ansaetze_und_herausforderungen_fuer_die_ entwicklungszusammenarbeit_uli_jaeger
Jäger Uli (2006): Friedenspädagogik: Grundlagen, Herausforderungen und Chancen einer Erziehung zum Frieden, in: Imbusch, Peter / Zoll, Ralf (Hrsg.): Friedens- und Konfliktforschung. Eine Einführung, Wiesbaden, S. 537-557.
http://www.friedenspaedagogik.de/themen/ friedenspaedagogik_in_konflikt_und_krisenregionen/ ansaetze_und_herausforderungen_fuer_die_ entwicklungszusammenarbeit_uli_jaeger
Pfaffenholz, Thania (2008): Zivilgesellschaft und Friedensförderung, in: FriEnt-Impulse, Ausgabe 4, S. 8-10.
http://www.frient.de/downloads/FriEnt_Impulse0408.pdf
Schell-Faucon, Stephanie (2001): Bildungs- und Jugendförderung mit friedenspädagogischer und konfliktpräventiver Zielrichtung. Eschborn.
http://www2.gtz.de/dokumente/bib/02-0002.pdf
Seitz, Klaus (2004): Bildung und Konflikt. Die Rolle von Bildung bei der Entstehung, Prävention und Bewältigung gesellschaftlicher Krisen – Konsequenzen für die Entwicklungszusammenarbeit. Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, Eschborn.
http://www.friedenspaedagogik.de/themen/ friedenspaedagogik_in_konflikt_und_krisenregionen/ ansaetze_und_herausforderungen_fuer_die_ entwicklungszusammenarbeit_uli_jaeger
UNESCO/ INEE (2005): Inter-Agency Peace Education Programme. Skills for Constructive Living. Paris.
http://www.ineesite.org/index.php/post/ peace_education_programme/
Friedenspädagogische Analysen zur Gewalt und aktuelle Handlungsansätze Dokumentation der Tagung vom 18./19. November 2008 in München, Redaktion: Renate Grasse, Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik e.V.
http://www.agfp.de/projekte/friedenspaedagogische-fachtagung/doku.html

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26. Januar 2010 |  |
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Dossier |
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Menschenrechte
Auf der Flucht vor Zwangsheirat, hinter Gittern wegen der "falschen" Meinung, in der Textilfabrik von Kindesbeinen an: Auch sechzig Jahre nach Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte ist die Frage nach Freiheit und Würde des Menschen aktuell. Sind Menschenrechte universell? Wer verfolgt Verstöße gegen Menschenrechte? Und wie sieht die Situation in verschiedenen Regionen aus? |
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