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Kalkutta


Abgehängte Megastadt, trotz Kultur und Tradition
Sonja Ernst
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Hintergrund

Ein wichtiges Symbol Kalkuttas ist die Howrah Brücke, die über den Hooghly hinweg das Stadtgebiet Kalkutta mit Howrah verbindet. Mit einer Spanne von 457 Metern ist sie eine der längsten Auslegerbrücken weltweit. Und sie ist eine der verkehrsreichsten: Täglich passieren tausende von Fußgängern, PKWs, Bussen sowie die für Kalkutta typischen gelben Taxis die Brücke. 1943 löste die Howrah Brücke eine alte Pontonbrücke ab. 1965 bekam sie den offiziellen Namen Rabindra Brücke: Nach dem bedeutsamen und bis heute einflussreichen bengalischen Dichter und Reformator Rabindranath Tagore. Der erste asiatische Nobelpreisträger ist ein Kind Kalkuttas – er wurde 1861 in der Stadt geboren und verstarb dort 1941.

Kalkutta
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Tradtion und Moderne, im Hintergrund die Rabindra Brücke
Foto: Arnab Banerjee

Kalkutta ist die Hauptstadt von Westbengalen, einem von insgesamt 28 indischen Bundesstaaten. Westbengalen liegt im Osten Indiens, an der Grenze zu Bangladesch. Mit der Unabhängigkeit Indiens 1947 und der Teilung des kolonialen Indien zerfiel Bengalen in einen Ost- und Westteil. Ostbengalen wurde zunächst der Ostteil Pakistans – bis zur Gründung des unabhängigen Staates Bangladesch in 1971. Westbengalen wurde zum indischen Bundesstaat. Bis heute erlebt die Region einen erheblichen Zustrom von Migrantinnen und Migranten aus Bangladesch, ebenso kommen Menschen aus den angrenzenden Bundesstaaten in der Hoffnung auf Arbeit, auf ein wenig Zukunft. Das machte Westbengalen zu einem der am dichtesten bevölkerten Bundesstaaten im heutigen Indien. Und Kalkutta zu einem der wichtigsten Bevölkerungsmagneten.

Entstanden aus drei Dörfern
Den Grundstein für das moderne Kalkutta legte 1690 Job Charnock. Er stand der Ostindienkompanie vor, der privilegierten britischen Handelskompanie in Indien wie auch China. Charnock siedelte das Hauptquartier in dem Dorf Sutanuti am Ostufer des Hooghly an. Wenige Jahre später wurde Sutanuti mit zwei weiteren Dörfern, Gobindapur und Kalikata, zusammengelegt und die Stadtgeschichte Kalkuttas begann. Auch andere europäische Mächte hatten in der Nähe ihre Handelsniederlassungen – die Portugiesen, Franzosen, Niederländer und auch die Dänen.

Ab dem 18. Jahrhundert begann der Aufstieg Kalkuttas als politisches und ökonomisches Zentrum des Subkontinents. Ende des Jahrhunderts verlegte die Ostindienkompanie ihren Hauptsitz in die Stadt. Und Kalkutta blieb Hauptstadt auch nachdem 1858 die Ostindienkompanie ihre Machtbefugnisse an die britische Krone abtreten musste.

Mehr als 200 Jahre war Kalkutta die führende Stadt Indiens unter britischer Kolonialherrschaft. Im Jahr 1911 verlegten die britischen Machthaber die Hauptstadt nach Delhi. Nach und nach verlor Kalkutta an Bedeutung. Der Abwärtstrend wurde durch die Unabhängigkeit Indiens und die Teilung noch verstärkt: Kalkutta rückte an den äußersten Rand Indiens. Die Metropole Bombay, heute Mumbai, wie auch Delhi gewannen hingegen stetig an Bedeutung.

Blumenverkaeufer
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Ein Großteil der Menschen arbeitet im informellen Sektor
Foto: Arnab Chatterjee

Wenn sich die Bevölkerungszahl verdreifacht
Das rasante Wachstum Kalkuttas ab 1947 brachte die Stadt und ihre Infrastruktur schnell an ihre Grenzen. Die Wasserver- und Abwasserentsorgung, wie sie noch unter britischer Herrschaft gebaut wurde, war für wenige Millionen Menschen ausgelegt. Doch zwischen 1950 und 2000 verdreifachte sich die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner – von 4,5 auf 13 Millionen Menschen. Heute leben rund 14 Millionen Menschen in Kalkutta. Auch wenn das enorme Wachstum der Bevölkerung langsam nachlässt, die Stadt wird schon 2015 fast 17 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner zählen, die Wohnraum, eine Trinkwasser- und Gesundheitsversorgung und vieles mehr brauchen.

Heute leben über 30 Prozent der Menschen im Stadtgebiet Kalkuttas in Slums – rund 1,5 von 4,5 Millionen Menschen. Davon sind zehn Prozent unter Sechsjährige – etwa 140.000 Jungen und Mädchen. Es gibt fast 5.000 "bustees" in Kalkutta, so heißen die von der Stadtverwaltung registrierten Elendsviertel. Hinzu kommen nicht registrierte Slums und eine unbekannte Zahl an Obdachlosen. Teils wohnen ganze Familien unter einer Plane am Straßenrand, auf dem Bürgersteig. Dort wird gekocht, geschlafen und gelebt. Der Schriftsteller Günther Grass, der Mitte der 1980er Jahre einige Monate in Kalkutta verbrachte, zeichnete in "Zunge zeigen", einer Art Tagebuch, ein elendes Bild von Kalkutta und nannte die Stadt "Gottes Scheißhaufen". Grass kehrte als Nobelpreisträger 2005 noch einmal nach Kalkutta zurück: Er erkannte Fortschritte, aber auch neue Misstände wie den komatösen Verkehr.

Kalkutta
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Der Fluss Hooghly ist die Lebensader Kalkuttas
Foto: Darko Penjalov

Das Wirtschaftswachstum Indiens hat auch in Kalkutta eine aufstrebende Mittelschicht entstehen lassen, konsumfreudig und zukunftsgläubig. Östlich vom Zentrum liegt beispielsweise der Stadtteil Salt Lake City, eine schicke Enklave mit Banken und Hotels. Das aufstrebende Geschäftsviertel ist durch und durch geplant. Es ist nur wenige Kilometer vom internationalen Flughafen Netaji Subhash Chandra Bose entfernt. Im Stadtzentrum liegt der große Maidan Park, die grüne Lunge der Stadt, an dessen südlichen Ende das Victoria Memorial steht: Der koloniale Bau wurde zu Ehren der englischen Königin – und indischen Kaiserin – Victoria aus weißem Marmor erbaut und 1921 fertiggestellt. Bis heute wurde das Gebäude nicht umbenannt, wie viele andere Bauten aus der Kolonialzeit. In der Nähe findet sich der Kali-Tempel, der heiligste Tempel der Hindus in Kalkutta. Er ist Kali geweiht, der Schutzgöttin Kalkuttas, der schwarzen Göttin. Nach dem hinduistischen Glauben ist Kali die Gattin Shivas. Der Tempel wurde in seiner heutigen Form 1809 gebaut. Er ist auch ein Pilgerort für Menschen aus ganz Westbengalen.

Kalkutta ist ein Zentrum des Theaters und der Musik. Es gibt eine Vielzahl von Festivals, Hochschulen und Kunst-Akademien. Die Stadt verfügt über eine pulsierende Filmszene. Zu den wichtigsten Festen Kalkuttas zählt die Durga Puja, ein zentrales Fest der Hindus zu Ehren der Göttin Durga. Doch vor allem ist es auch ein soziales Ereignis für die Bewohnerinnen und Bewohner Kalkuttas, das über mehrere Tage in den Tempeln, Höfen und auf den Straßen zelebriert wird. Nachbarn und Vereine bauen im Vorfeld gemeinsam Altare mit Durga-Statuen, die überall zu finden sind.


 
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Redaktion
Links ins Internet

Kolkata Municipal Corporation

Howrah District

Kolkata Metropolitan Development Authority

Ministry of Urban Development

Ministry of Statistics And Programme Implementation

The Statesman (englischsprachige Zeitung aus Kalkutta)

The Telegraph (englischsprachige Zeitung aus Kalkutta)

Outlook India (englischsprachiges Magazin)

India Today (englischsprachiges Magazin)
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