Dossierbild Migration

Ausländerbeschäftigung und restriktive Integrationspolitik

Spätes 19. Jahrhundert bis Ende des Ersten Weltkriegs


15.3.2005
In Deutschland wuchs in der Phase der Hochindustrialisierung nach der Reichsgründung 1871 der Bedarf an Arbeitskräften immens an. In den 1880er-Jahren war die Nachfrage nach Arbeitskräften im deutschen Bergbau und in der Schwerindustrie in die Höhe geschossen. Seit Mitte der 1890er-Jahre folgten auch andere industriell-gewerbliche Beschäftigungsbereiche nach.

In Deutschland wuchs in der Phase der Hochindustrialisierung nach der Reichsgründung 1871 der Bedarf an Arbeitskräften immens an. In den 1880er-Jahren war die Nachfrage nach Arbeitskräften im deutschen Bergbau und in der Schwerindustrie in die Höhe geschossen.

Seit Mitte der 1890er-Jahre folgten auch andere industriell-gewerbliche Beschäftigungsbereiche nach. Es gab nicht mehr das Überangebot an Arbeitskräften, das zur Massenauswanderung aus Deutschland von den 1830er-Jahren bis in die frühen 1890er-Jahre geführt hatte. Stattdessen kennzeichnete ein zunehmender Mangel an Arbeitskräften die Entwicklung in Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft. Grundlegende Verschiebungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt waren die Folge.

In der Gesamtentwicklung näherte sich der Beschäftigtenanteil der Industrie zunehmend stärker dem der Landwirtschaft an und übertraf ihn Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich. Immer weiter ausgreifende Binnenwanderungen begleiteten diesen Prozess. Sie ließen den Urbanisierungsgrad Deutschlands stark ansteigen und führten zur Entwicklung großer städtisch-industrieller Ballungsräume.

Die massenhaften Ost-West-Fernwanderungen, die sich rapide entwickelten, bedeuteten zugleich Abwanderungen aus der Landwirtschaft und Zuwanderungen in die Industrie. Parallel dazu begann in den 1890er-Jahren der Aufstieg Deutschlands zum weltweit wichtigsten "Arbeitseinfuhrland" (Imre Ferenczi) nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Ausländerbeschäftigung kontinuierlich an, von den kurzen Rezessionsphasen 1900/02 und 1907/08 abgesehen.

Die Ausländerbeschäftigung erreichte ihren Höchststand 1913 mit etwa 1,2 Millionen "ausländischen Wanderarbeitern". Die meisten davon arbeiteten in Preußen: Die wichtigsten Gruppen stellten in der Landwirtschaft beschäftigte Polen aus dem russischen Zentralpolen, in geringerem Umfang auch aus dem österreichisch-ungarischen Galizien. Hinzu kamen Italiener, die besonders in Ziegeleibetrieben und im Tiefbau, aber auch im Bergbau und in der industriellen Produktion Beschäftigung fanden.

Kontrollsystem



Preußen-Deutschland entwickelte vor dem Ersten Weltkrieg ein differenziertes System der Kontrolle ausländischer Arbeitskräfte. Es war auf eine scharfe Beobachtung und Regulierung der polnischen Zuwanderung aus Österreich-Ungarn und Russland ausgerichtet. Diese antipolnische Ausländerpolitik zielte aber nicht auf eine generelle Beschneidung oder Absperrung der Zuwanderung. Sie funktionierte auch ganz unabhängig von der Entwicklung des Arbeitsmarkts. Ihr Hauptziel war, die Zuwanderung der Auslandspolen aus nationalitätenpolitischen Gründen nicht zur Einwanderung geraten zu lassen. Drei wesentliche Instrumente nutzte das seit den 1890er Jahren entwickelte und bis zum Ersten Weltkrieg ausgebaute Kontrollsystem der preußischen antipolnischen Ausländerpolitik:

Erstens wurde zur Verhinderung der Einwanderung von Polen aus Österreich-Ungarn und Russland nur die Saisonwanderung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte zugelassen. Ausländische Arbeitskräfte unterlagen dem "Rückkehrzwang", denn sie mussten jährlich das Land in der winterlichen "Sperrfrist" (zuletzt vom 20. Dezember bis zum 1. Februar) wieder verlassen. Der Rückkehrzwang galt nur für die auslandspolnischen Arbeitswanderer. Andere Nationalitätengruppen unter den ausländischen landwirtschaftlichen Arbeitskräften in Preußen (vor allem Italiener, Niederländer und Ruthenen) durften in der Sperrfrist ("Karenzzeit") bleiben, auch wenn Bestrebungen erkennbar waren, sie ebenfalls nur saisonal zu beschäftigen.

Zweitens sollte dadurch verhindert werden, dass eine Einwanderung landwirtschaftlicher Arbeitskräfte die relativ starke preußisch-polnische Minderheit - jeder zehnte Preuße war polnischer Nationalität - stärken konnte. Polen galten in Preußen als "Reichsfeinde". Sie wurden verdächtigt, den polnischen Staat, den Preußen, Österreich und Russland Ende des 18. Jahrhunderts unter sich aufgeteilt hatten, wieder errichten zu wollen.

Dabei ging es nicht nur um die polnische Minderheit im Osten, sondern auch um die seit den 1880er-Jahren stark angewachsene, vor allem in städtisch-industriellen Erwerbsbereichen beschäftigte Minderheit der sogenannten Ruhrpolen. In das Ruhr- und Emscherrevier waren aus dem preußischen Osten rund 300.000 "Ruhrpolen" zugewandert. Um die Zunahme ihrer Zahl durch die Einwanderung von Auslandspolen zu verhindern, durften Polen aus Russland und Österreich-Ungarn außerhalb der preußischen Grenzprovinzen im Osten nicht in der Industrie beschäftigt werden.

Drittes Ziel der antipolnischen orientierten Ausländerpolitik war der Versuch, auslandspolnische Arbeitskräfte in der deutschen Landwirtschaft durch Arbeitskräfte anderer Nationalität zu ersetzen. Von vielen Versuchen mit verschiedenen Nationalitätengruppen abgesehen, die letztlich scheiterten, ging es dabei vor allem um die Privilegierung von Ruthenen/Ukrainern aus Galizien. Das führte faktisch zu einem überproportional hohen Anstieg der ruthenisch-ukrainischen Zuwanderung nach Preußen.

Das bremste die Zuwanderung von Polen. Polen und Ruthenen/Ukrainer galten den preußischen Behörden als vollkommen verfeindete Nationalitäten, bei denen keine Solidarisierung drohte. Deshalb wurde unter den Ruthenen/Ukrainern in Galizien verstärkt für eine Zuwanderung nach Preußen geworben. Für sie hatte weder der Rückkehrzwang Gültigkeit noch wurde ihre Beschäftigung auf bestimmte Beschäftigungsbereiche oder Regionen beschränkt.

Ausländische Arbeitskräfte im Ersten Weltkrieg



Selbst im Ersten Weltkrieg, der die Überseeauswanderung und kontinentale Zuwanderung abschnitt, erfüllten ausländische Arbeitskräfte in Deutschland entscheidende Ersatzfunktionen: Der rapide wachsende Mangel an Arbeitskräften bildete eines der grundlegenden Probleme der deutschen Kriegswirtschaftspolitik 1914-1918. Vor allem in drei Bereichen stieg die Nachfrage nach Arbeitskräften: in der Rüstungsindustrie, im Bergbau und in der Landwirtschaft.

Maßnahmen zur Deckung dieses Arbeitskräftebedarfs scheiterten an den begrenzten Kapazitäten der inländischen Arbeitsmärkte. Deshalb forcierten die Unternehmen und die zuständigen Behörden die Rekrutierung immer stärkerer Kontingente ausländischer Arbeitskräfte. Obgleich eine nennenswerte Anzahl von Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Ausland freiwillig in der deutschen Kriegswirtschaft arbeitete, prägten zunehmend zwangsweise Rekrutierung und Zwangsarbeit die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte.

Bei Kriegsende waren es mindestens 2,5 Millionen Menschen: fast ein Zehntel aller Erwerbstätigen des Vorkriegsstandes bzw. rund ein Siebtel aller Erwerbstätigen im letzten Kriegsjahr. Der weitaus überwiegende Teil von ihnen kam aus dem so genannten feindlichen Ausland. Bei über 1,5 Millionen handelte es sich um Kriegsgefangene. Zivile ausländische Arbeitskräfte stellten ca. eine Million Beschäftigte in der deutschen Kriegswirtschaft. Die deutschen Zivil- und Militärbehörden behandelten sie, anders als die Kriegsgefangenen, nicht als einheitliche Kategorie, obgleich auch sie zum größten Teil zur Gruppe der "feindlichen Ausländer" zählten. Das galt besonders für die bei Kriegsende 1918 etwa 500.000-600.000 auslandspolnischen Arbeitskräfte.

Vom "Rückkehrverbot" zur Zwangsrekrutierung ausländischer Arbeitskräfte im Ersten Weltkrieg



Die bereits in der Vorkriegszeit restriktive Politik gegenüber den Polen aus Russland verschärfte sich mit Kriegsbeginn weiter und kehrte sich gleichzeitig um ? vom Rückkehrzwang zum Rückkehrverbot, unter das die Polen aus Russland als "feindliche Ausländer" sogleich reichsweit gestellt wurden. Sie unterlagen außerdem einem Ortswechselverbot und blieben an ihre Arbeitgeber gebunden. Faktisch waren die Polen aus Russland zu Zwangsarbeitern geworden, die über ihren Aufenthaltsort und ihren Arbeitgeber nicht frei entscheiden konnten. Selbst Polen und Ruthenen aus dem österreichisch-ungarischen Galizien, und damit aus einem Territorium der verbündeten Donaumonarchie, wurde die Rückkehr - trotz schärfster Proteste aus Wien - anfangs erschwert.

Die von deutschen Truppen in Polen und Belgien besetzten Gebiete wurden seit 1915/16 zum Objekt der deutschen Arbeitskräftepolitik. Polen blieb in erster Linie Rekrutierungsgebiet für landwirtschaftliche Arbeitskräfte. In Belgien hingegen wurden vornehmlich Arbeitskräfte für die Rüstungsindustrie angeworben. Weil die Zahl freiwilliger Meldungen insgesamt weit unter dem erwünschten bzw. für notwendig erachteten Niveau blieb, griffen die deutschen Behörden immer häufiger zu Zwangsmitteln.

Angesichts der massiven Kriegsanstrengungen und der weithin erfolgreichen alliierten Blockade des Außenhandels wurde Ausländerbeschäftigung für die deutsche Kriegswirtschaft im Ersten Weltkrieg immer notwendiger. Ohne die zunehmende Internationalisierung der Arbeitsmärkte hätte der Krieg von deutscher Seite nicht so lange fortgeführt werden können. Die unter Zwang erfolgten Massenbewegungen von Menschen im Ersten Weltkrieg führten zu einem "Lernprozess" (Ulrich Herbert) mit einem folgenschweren Ergebnis in der weiteren Entwicklung: dem "Ausländereinsatz" in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und im von Deutschland besetzten Europa.



 
Film: Die Piroge

Die Piroge

Der Film "Die Piroge" erzählt die Geschichte afrikanischer Flüchtlinge auf ihrer gefährlichen Reise nach Europa. 30 Menschen wagen die Flucht von Dakar zu den Kanarischen Inseln in einem einfachen offenen Fischerboot, einer Piroge. Als unterwegs immer mehr Probleme auftauchen und der Motor ausfällt, wird die Reise zu einem Albtraum. Weiter... 

Zahlen und Fakten 3D

Zahlen und Fakten 3D: Migration

Migration

Weltweit waren im Jahr 2010 mehr als 210 Millionen Menschen Migranten – sie lebten also in einem anderen Land als sie geboren wurden. Jeweils fast ein Viertel aller Migranten weltweit lebte in Nordamerika und Europa. Mit dem interaktiven Angebot "Zahlen und Fakten 3D" können Sie Regionen und Staaten der Welt miteinander vergleichen, Entwicklungen über mehrere Jahre oder Jahrzehnte hinweg verfolgen und so Infografiken nach Ihren eigenen Vorgaben erstellen. Weiter... 

Lebenswelt "With Wings and Roots”

Lebenswelt "With Wings and Roots”

Berlin und New York - Städte der Einwanderung. Der Film "With Wings and Roots" berichtet von sechs jungen Menschen und ihrem Identitätsbewußtsein. Welche Rolle spielen für sie Kultur, Staatsangehörigkeit, Herkunft und Zugehörigkeit? werkstatt.bpb.de hat die Regisseurin des Films interviewt. Weiter...