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Dossier Fußball-WM 2006

Steilpass aus dem Abseits


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Australiens Weg zur Fußball-WM
Andreas Stummer

Landesflagge Australien
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Landesflagge Australien
Nach einem dramatischen Elfmeterschießen gegen Uruguay hat sich die australische Fußball-Nationalmannschaft für die WM-Endrunde in Deutschland qualifiziert. Das Spiel vor rund 80.000 Zuschauern in Sydney endete 4:2. Für das Team von Trainer Guus Hiddink ist es nach 1974 erst die zweite Teilnahme.

Zur Person

Andreas Stummer, 1965 in München geboren, lebt in Sydney/Australien und berichtet von dort unter anderem als freier Korrespondent für den ARD-Hörfunk.

Als Bühne für die Spiele im Jahr 2000 hat das Olympiastadion von Sydney einige Dramen erlebt. Der Abend des 16. November 2005 aber ist ein Krimi. Australien gegen Uruguay. Der Sieger fährt zur Fußball-WM nach Deutschland. Nach 180 Minuten Hin- und Rückspiel steht es Unentschieden. Es geht in die Verlängerung, ohne Ergebnis. Ein Elfmeterschießen muß entscheiden welches Team das letzte WM-Ticket löst. Uruguay vergibt zwei Strafstösse. Der weite Weg zur WM nach Deutschland ist für das australische Team zum Greifen nah. Es fehlen nur noch elf Meter. Der fünfte Schütze für die Australier ist Verteidiger John Aloisi. Trifft er, ist alles vorbei. Langsam legt Aloisi den Ball auf den Punkt, tritt ein paar Schritte zurück und wartet. Den Kopf gesenkt, die Arme auf die Hüften gestützt. Der Pfiff des Schiedsrichters zerreißt die lähmende Stille im Stadion. Entschlossen läuft Aloisi an und hämmert den Ball mit links auf die rechte, obere Torecke. Uruguays Torhüter taucht auf die richtige Seite, doch als er seine Faust nach dem Ball streckt, zappelt der Elfmeter bereits im Netz. 4:3, Australien hat gewonnen. Die Menge tobt, das Stadion bebt. Aloisi reißt sich sein Trikot mit der Nummer 15 vom Leib und sprintet ausgelassen auf eine Ehrenrunde, seine Mannschaftskameraden hinterher. Feuerwerksraketen erhellen den Nachthimmel, Konfetti regnet auf das Spielfeld herab.

32 Jahre ohne Australien
Nach 32 Jahren im internationalen Fußball-Abseits hatte sich die australische Nationalmannschaft wieder für eine WM-Endrunde qualifiziert. 83.000 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion tanzen auf den Rängen. Millionen jubeln vor dem Fernseher oder ziehen singend durch die Straßen, in den Kneipen wird Freibier ausgeschenkt. Ganz Australien steht Kopf. "Überall umarmten und küssten sich wildfremde Menschen", erinnert sich ein Fußball-Fan, "Es war wie in einem unanständigen Film. Nur dass alle ihre Kleider anhatten. Wir fühlten uns als hätten wir den WM-Titel gewonnen." Die längste Durststrecke in der Geschichte des australischen Sports war zu Ende. Das letzte, und bisher einzige Mal, hatte die Fußball-Nationalmannschaft 1974 an einer Weltmeisterschaft teilgenommen. In Deutschland. Kein Wunder, dass jeder von einem Schicksalsspiel sprach. Die FIFA führte Uruguay auf Rang 17 der Weltrangliste, Australien auf 54. Nur knapp vor Guatemala und Sambia. Auf dem Papier war das Ergebnis reine Formsache: Bolzplatztruppe vom Ende der Fußball-Welt gegen südamerikanische Ballzauberer, David gegen Goliath. Doch der Zwerg stellte dem Riesen ein Bein.

Das australische Team hatte nicht einfach nur gewonnen, es war auch haushoch überlegen. Taktisch diszipliniert, solide in der Verteidigung, gefährlich im Sturm. Die Australier spielten mit Herz und Verstand. Und mit einem Flair, den niemand der zusammengewürfelten Truppe zugetraut hatte. Die besten australischen Fußball-Profis spielen im Ausland, viele bei europäischen Spitzenclubs. Spielmacher Harry Kewell beim FC Liverpool, Kapitän Mark Viduka und Keeper Mark Schwarzer in Middlesborough, John Aloisi in Spanien, manche in Italien, einige wie Paul Agostino auch in Deutschland. Coach Guus Hiddink ist Holländer. Der 59jährige hatte erst kurz vor den Qualifikationsspielen das australische Team übernommen. Geld spielte keine Rolle. Auch nicht, dass Hiddink zusätzlich beim PSV Eindhoven auf der Bank sitzt. Seine internationale Erfahrung sprach für sich. Hiddink coachte jahrelang die holländische Nationalelf und 2002 Südkorea bis ins WM-Halbfinale. In Asien gilt er als Fußball-Gott, ein Stadion in Seoul trägt sogar seinen Namen. Als Nationaltrainer Australiens schaffte Hiddink in nur drei Monaten, was 32 Jahre lang nicht gelungen war: Den ramponierten Ruf des australischen Fußballs wieder aufzupolieren.


05. Dezember 2005

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