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Konfliktporträts

Afghanistan


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Bente Aika Scheller
Mit der Übergabe der Sicherheitsverantwortung für mehrere Provinzen, Städte und Distrikte an die afghanische Regierung werden erste Vorbereitungen für den schrittweisen Abzug der internationalen Truppen getroffen. Angesichts des Vormarschs der Taliban erscheint eine dauerhafte Befriedung des Landes jedoch in weite Ferne gerückt.

Kontrollpunkt der US-Armee in Afghanistan. Foto: AP
Kontrollpunkt der US-Armee in Afghanistan. Foto: AP
Aktuelle Konfliktsituation

Von den Stabilisierungsansätzen im Rahmen des "Bonner Prozesses" von 2002 bis 2005 und den Anstrengungen nach dem 2006 in London unterzeichneten "Afghanistan Compact" ist nicht viel übrig geblieben. Die Vereinbarung von London zielte darauf ab, bis 2010 Schritt für Schritt mehr "afghanische Eigenverantwortung" zu erreichen. Zwar wurde die Übergabe der Sicherheitsverantwortung an die afghanische Regierung 2011 fortgesetzt. Zwei Provinzen und vier Provinzhauptstädte – darunter Mazar-e Sharif im deutschen Verantwortungsgebiet – wurden von der afghanischen Regierung übernommen. Doch dehnten die Taliban und andere Aufständische gleichzeitig ihr Operationsgebiet auf weitere Landesteile aus. Die Sicherheitslage hat sich erneut verschlechtert.

Zur Person
Bente Aika Scheller
Bente Aika Scheller, Dr. des., Jahrgang 1975 ist Leiterin des Landesbüros Afghanistan der Heinrich-Böll-Stiftung in Kabul. Sie studierte Politikwissenschaft, Lateinamerikanistik, und Arabistik und promovierte an der Freien Universität Berlin über syrische Außenpolitik. In Afghanistan betreut sie Projekte im Bereich der Demokratisierung, Frieden und Sicherheit sowie Ökologie.

Die bereits unter der Bush-Administration erfolgte Ausdehnung der militärischen Aktionen auf das benachbarte Pakistan ("Afpak"-Strategie) hat bislang nicht den erwarteten Erfolg gebracht. Auch die Militäroffensiven amerikanischer und britischer Truppen im Süden ("Surge") führten zu keinen dauerhaften Resultaten. Vor allem mangelt es nach wie vor an Kapazitäten, befreite Dörfer langfristig zu sichern und mit Strukturmaßnahmen zu stabilisieren.

Ein afghanischer Mann beim Zeitungslesen. Foto: AP
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Ein afghanischer Mann beim Zeitungslesen, November 2009. Foto: AP
Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass der Aufbau von Armee und Polizei deutlich langsamer voranschreitet als geplant. Die Fluktuation ist hoch. Angesichts der ständigen Bedrohung durch die Aufständischen können die afghanischen Sicherheitskräfte nur begrenzt effektiv arbeiten. Seit der „Friedensjirga“ im Juni 2010 wird intensiv auf eine Stabilisierung der Lage durch die Einbindung von Taliban und anderen Aufständischen hingearbeitet. Zur Vorbereitung von Verhandlungen ist der „Hohe Rat für Frieden“ etabliert worden. Die internationale Gemeinschaft unterstützt den Prozess der gesellschaftlichen Wiedereingliederung von Kämpfern mit rund 180 Mio. US$. Im September 2011 hat der Prozess durch die Ermordung von ex-Präsident Rabbani, der im Auftrag des „Friedensrates“ Verhandlungen mit den Taliban anbahnen wollte, einen Rückschlag erlitten.

Der zivile Wiederaufbau konnte im Bereich von Straßenbau und Wasserversorgung begrenzte Erfolge erzielen. Auch der Ausbau des Schul- und Universitätswesens wurde vorangetrieben. Zugleich mangelt es an Lösungen zur Überwindung der wirtschaftlichen und finanziellen Abhängigkeit Afghanistans. Das Vertrauen der Bevölkerung in die eigene Regierung und in ausländische Hilfsbestrebungen ist weiter rückläufig. Nur in Städten wie Kabul, Mazar-i-Sharif, Bamian oder Herat sind Verbesserungen der Infrastruktur sichtbar.

Ursachen und Hintergründe

Afghanistan
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Afghanistan
Karte: CIA The World Factbook

Eine Hauptursache für den Konflikt ist die Teilung des Siedlungsgebiets der Paschtunen durch Großbritannien von 1893. Die sog. Durand-Linie bildet seit 1947 die Grenze zu Pakistan, wo heute mit 27 Mio. die meisten Paschtunen leben. Seit der Unabhängigkeit 1919 versuchen die starken Volksgruppen Paschtunen (42%,), Tadschiken (27%), Usbeken (9%) und Hazara (9%), die Kontrolle über den Staat zu erlangen bzw. dessen Einfluss abzuwehren. Diese Rivalitäten werden regelmäßig durch äußere Mächte angeheizt und für eigene Interessen genutzt. Die pakistanische Unterstützung der (v.a. paschtunischen) Taliban zielt unter anderem darauf ab, Bestrebungen nach einem unabhängigen Patschunistan zu unterlaufen.

Das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet bildet für die Taliban und andere „oppositionelle militanten Kräfte“ (OMK) nach wie vor einen wichtigen Versorgungs- und Rückzugsraum. Deshalb sind erfolgreiche Stabilisierungsbemühungen wesentlich von einer regionalen Lösung abhängig. Die Anschläge von Aufständischen orientieren sich offenkundig an den „Kill or Capture“-Taktik der amerikanischen Truppen. Gezielt werden wichtige Institutionen, die afghanische Polizei oder Persönlichkeiten angegriffen.

Vom Vordringen der Aufständischen, meist Taliban, nach Norden ist hauptsächlich die nördliche Provinz Badakhshan betroffen. Nachdem die Versorgung der Streitkräfte und der Hauptstadt über den Khyberpass zu unsicher geworden ist, gerät nun zunehmend auch die lebenswichtige Versorgungsroute aus dem Norden ins Visier der (OMK). Besonders in den Grenzregionen spielt die Drogenökonomie eine unvermindert große Rolle. Machtkämpfe zwischen lokalen Stammesführern und Warlords wirken zusätzlich destabilisierend.


01. November 2011

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Redaktion
Schriftenreihe (Bd. 713)
Geliebtes, dunkles Land
Geliebtes, dunkles Land
In ihren faszinierenden und zum Teil schockierenden Reportagen berichten die Autoren hautnah über den Konfliktherd Afghanistan.Sie sprechen mit Beteiligten aller Seiten und geben dem Konflikt damit ein menschliches Gesicht.
Geliebtes, dunkles Land
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