Europa aus dem All. Aufgenommen vom Satelliten "Envisat"

Der demografische Wandel in Europa schafft enorme regionale Verwerfungen

Standpunkt Steffen Kröhnert


25.3.2011
Deutschlands Osten wird zu den größten Demografie-Verlierern gehören, meint Steffen Kröhnert, ebenso wie der Osten Europas. Der demografische Trend kann seiner Meinung nach nicht mehr aufgehalten werden, aber seine Auswirkungen abgemildert.

Dr. Steffen KröhnertDr. Steffen Kröhnert (© Steffen Kröhnert)
Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1990 endete nicht nur die politische Teilung Europas, auch die demografische Entwicklung veränderte sich in den meisten Ländern des Kontinents entscheidend. Als sich die Schlagbäume öffneten, entflohen die Menschen zu Millionen den schwierigen Lebensbedingungen in den ehemaligen Ostblock-Staaten. Zusätzlich dazu strömen jährlich hunderttausende Nicht-Europäer auf den Kontinent, um nach Arbeit und einer besseren Zukunft zu suchen. Die europäische Integration machte selbst jene Länder Westeuropas, die bislang Abwanderungsgebiete waren, zu neuen Zielen der Migration. Vor allem Spanien, wo sich die Zahl der Ausländer zwischen 1995 und 2006 fast verachtfachte. Oder Italien, wo die Ausländerzahl in dieser Zeit auf das Dreifache anstieg. In Irland endete 1993 gar eine 150-jährige Auswanderungsgeschichte. Der wirtschaftliche Boom machte Irland bis 2007 zu einem der wichtigsten Zuwanderungsländer des Kontinents - zwischen 1995 und 2006 hat sich die Zahl der dort lebenden Ausländer verdoppelt. Selbst Finnland und Portugal verzeichneten fast doppelt so viele Ausländer wie noch 1995.

Aber auch auf die natürliche Bevölkerungsentwicklung, vor allem auf die Zahl der Geburten, nahm die veränderte politische Situation Einfluss. Überall in Mittel- und Osteuropa boten sich den Menschen plötzlich neue Lebensoptionen, viele waren durch den massiven Abbau von Arbeitsplätzen aber auch verunsichert und verschoben Familiengründungen auf später. Die Geburtenzahlen brachen auf teils dramatische Weise ein. In Ostdeutschland erreichte die durchschnittliche Kinderzahl je Frau, die etwa zwei betragen müsste, wenn die Bevölkerung ohne Zuwanderung stabil bleiben soll, im Jahr 1993 vorübergehend ein Niveau von nur mehr 0,77. Eine "halbierte Generation" kam zur Welt. Doch auch Rumänien und Bulgarien, Estland und Lettland, Polen und Ungarn erlebten die demografischen Auswirkungen des Systemwechsels auf die Fertilität, meist verstärkt durch die Abwanderung vor allem junger Menschen im potenziellen Familiengründungsalter. Die Kinderzahlen je Frau sanken auf Werte, wie sie in west- und südeuropäischen Ländern mit fehlender oder unmoderner Familienpolitik schon länger zu verzeichnen sind - auf etwa 1,3 Kinder je Frau oder gar darunter. Dies bedeutet, dass jede Kindergeneration ein Drittel kleiner ist, als die ihrer Eltern.

Die einheimische (autochthone) Bevölkerung fast aller europäischen Länder altert und schrumpft. Bereits ab 2010 wird in der Europäischen Union die Bevölkerung im Erwerbsalter zwischen 15 und 65 Jahren abnehmen. Dann gehen nach und nach die starken Geburtsjahrgänge der 1950er- und 1960er-Jahre in den Ruhestand. Da alle später geborenen Jahrgänge zahlenmäßig kleiner sind, wird die Erwerbsbevölkerung anschließend kontinuierlich schrumpfen. In Deutschland wird die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter in den kommenden 50 Jahren aktuellen Prognosen zufolge um etwa 30 Prozent abnehmen. Dies ist historisch eine völlig neue Situation - denn in der Vergangenheit stand wirtschaftliches Wachstum stets auch mit einer Zunahme der Zahl der Erwerbstätigen in Zusammenhang. In Zukunft kann nur noch technologische Innovation den Wohlstand der Menschen sichern. Auch wenn dies für angespannte Arbeitsmärkte zunächst eine Entlastung bedeutet - auf lange Sicht dürfte diese Entwicklung zu einem Mangel an qualifizierten Erwerbstätigen führen und so zur Innovationsbremse werden.

Die Auswirkungen der demografischen Entwicklung sind regional sehr verschieden. In der Gegenwart zeigt sich der Effekt anhaltend niedriger Kinderzahlen vor allem in peripheren, ländlichen Gebieten, in denen früher kinderreiche Familien die Regel waren. Diese Regionen haben immer schon die nachwuchsärmeren und wachsenden Ballungszentren mit jungen Menschen versorgt. Seit aber selbst in der Peripherie die Kinderzahlen je Frau zum Teil weit unter den Wert von 2,1 gesunken sind, der eine langfristig stabile Bevölkerungszahl verspricht, haben entlegene Regionen der Abwanderung nichts mehr entgegenzusetzen. Sie bluten demografisch aus. Nur in Staaten mit höherer Fertilität und anhaltender Zuwanderung, etwa in Frankreich, Irland oder Norwegen, gibt es genug Menschen, um auch in ländlichen Regionen die Bevölkerungszahlen zu stabilisieren.

Das europäische Statistikamt Eurostat geht davon aus, dass bis 2030 für drei Viertel aller europäischen Regionen die Zuwanderung der einzig mögliche Wachstumsfaktor sein wird (Eurostat-Regionalprognose 2004 bis 2030). Die Hälfte dieser Gebiete wird trotz Zuwanderung einen Bevölkerungsrückgang erleben, weil der natürliche Bevölkerungsrückgang - der Überschuss von Sterbefällen über die Geburten - dort besonders groß ist. Nur ein Viertel aller Regionen erreicht Stabilität oder Wachstum aus eigener Kraft. Ohne Zuwanderung von außen würde die Bevölkerung der EU bis 2050 um etwa 50 Millionen Menschen schrumpfen (Eurostat-Länderprognose 2007 bis 2050).

Im zentraleuropäischen Gebiet, das von Südschweden und Dänemark über Westdeutschland bis nach Norditalien, Ostösterreich und Slowenien reicht, wird der attraktive Wirtschaftsraum voraussichtlich für eine stabile, gleichwohl alternde Bevölkerung sorgen. Deutschlands Osten wird weiterhin zu den größten Verlierern gehören, vor allem weil es dort schon heute an jungen Menschen und damit potenziellen Eltern fehlt. Ein Phänomen, das ebenso in Rumänien und Bulgarien, in Teilen Polens und Italiens sowie in den noch weiter östlich gelegenen Nicht-EU-Ländern zu erwarten ist. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks steht der stärkste Bevölkerungsrückgang bevor. Auch dort werden Staaten in Zukunft aufgrund ihrer niedrigen Geburtenraten Zuwanderer benötigen. Der Blick geht dabei im Allgemeinen immer weiter nach Osten. Aber auch da haben Länder wie die Ukraine oder die Republik Moldau kaum noch junge Menschen zu bieten.

Bevölkerungsprognose 2004 bis 2030, in Prozent, aus: Kröhnert, Hoßmann, Klingholz: Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. © 2008 Berlin-Institut/dtv.Bevölkerungsprognose 2004 bis 2030, in Prozent, aus: Kröhnert, Hoßmann, Klingholz: Die demografische Zukunft von Europa. Wie sich die Regionen verändern. © 2008 Berlin-Institut/dtv.
Der Einfluss der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008 auf diese Regionalprognosen ist noch nicht völlig abzuschätzen doch er scheint gering. Für kleine, besonders betroffene Länder, wie etwa Island oder Irland, könnten sich bisherige Annahmen zur Zuwanderung als zu hoch erweisen. Auch sind Rückwanderungen aus bestimmten Ländern mit zuletzt hoher Einwanderung, wie etwa Spanien, denkbar. An den übergreifenden demografischen Trends - Nachwuchsmangel, Alterung und Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung, Zunahme des Anteils von Menschen mit Migrationshintergrund und Entleerung der peripheren Räume - wird sich dadurch jedoch nichts ändern.

Der demografische Wandel lässt sich nicht aufhalten. Man kann lernen mit ihm umzugehen und seine Auswirkungen zu mildern. Auf der Welt insgesamt wird auch künftig kein Mangel an Menschen herrschen. Allein die Bevölkerung Afrikas wächst jedes Jahr um etwa 20 Millionen. Ein neues wirtschaftliches Zentrum der Welt könnte in Südostasien entstehen, wo Millionen junge Menschen als potenzielle Produzenten und Konsumenten vor dem Eintritt ins Erwerbsleben stehen. Doch hierzulande dürfte es einen Wohlstandszuwachs, wie ihn speziell die Deutschen aus vergangenen Jahrzehnten gewohnt waren, für die Mehrheit der Menschen nicht mehr geben. Das Wirtschaftswachstum der Zukunft - sollten wir welches haben - wird von den Kosten des demografischen Wandels aufgezehrt.

In Ländern mit relativ hoher Fertilität und anhaltender Zuwanderung wie Frankreich, Großbritannien oder Irland können auch ländliche Regionen profitieren und verzeichnen eine stabile bis wachsende demografische Situation. In den Ländern Osteuropas, die demografisch stark schrumpfen, stabilisieren sich in der Regel nur Metropolregionen. Der ländliche Raum droht demografisch auszubluten.



 

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