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Dossier

Zwischen Designerklamotten und Vollschleier


Astrid Rüdiger berichtet aus Karatschi

"Kein Anstarren, keine Politik, keine Waffen, keine Bettelei!" Das kleine Schild in Karatschis In-Lokal Okra macht mit absurd klingenden Verboten Pakistans Probleme deutlich: Frauendiskriminierung, politisch-religiöse Polarisierung, Gewaltkriminalität und Armut. In dem voll besetzten Restaurant im Nobelstadtteil Clifton-Defence genießen die Gäste mediterrane Spezialitäten, die ein Mehrfaches dessen kosten, was ihre Fahrer, die draußen warten, nach einem langen Arbeitstag verdienen. Wie im Costa Coffee nebenan auf der Zamzama-Straße, wo sich junge Leute zum "date" beim Espresso treffen, dominieren auch im Okra junge, englischsprechende Oberschichtsfrauen in Jeans und T-Shirt oder im ärmellosen Designer-Shalwar-Kameez.

Zur Person
Astrid Rüdiger lebt seit 2005 in Karatschi. Die Politikwissenschaftlerin leitet dort das Informationszentrum des Goethe-Instituts. Astrid Rüdiger war unter anderem auch für die Stiftung Wissenschaft und Politik, die International Organisation of Migration sowie das Südasien-Institut der Universität Heidelberg tätig.

Ihre Eltern haben ihnen ein Elitestudium finanziert, das Pendeln zwischen Kontinenten und Kulturen gehört zu ihrem Alltag, und Heiraten heißt Auswahl zwischen Kandidatenvorschlägen der statusorientierten Mütter. Liebesheirat, früher nahezu unbekannt, ist auch heute noch die Ausnahme in Pakistan, ebenso wie Scheidung oder alleinstehend zu leben. Die Frauen der Bildungsschichten Karatschis heiraten mit Ende Zwanzig, damit sind sie im Landesdurchschnitt am ältesten. Ausgehen und Geld ausgeben ist ein wesentlicher Bestandteil ihres Lebens: Socialising, Shopping, Body Care. Die Zahl der Party Services und der Einkaufszentren mit chinesischen Plagiaten westlicher Markenprodukte wächst ständig. Zugleich kennzeichnet diese modernen Frauen ihre Fähigkeit, unterschiedliche Rollen parallel zu meistern: Sie widmen sich nicht nur Ehemann und Kindern, sondern der umfangreichen Joint Family, der Großfamilie. Gleichzeitig üben viele von ihnen einen Beruf aus und engagieren sich sozial.

In Pakistan ist vor allem Karatschi die Heimat vieler solcher dynamischer Frauen: Zainab Suleman und Sharmin Osmany sind erfolgreiche Anwältinnen und Vizepräsidentinnen der Pakistan Women Lawyers Association. Yasmin Lari leitet eines der führenden Architekturbüros Asiens und ist Präsidentin der Heritage Foundation, die sich für den Erhalt des historischen Baubestandes und traditionellen Handwerks in Pakistan einsetzt. Die Virtuosin der indischen Tanzkunst Kathak, Sheema Kermani, ist eine der wenigen Tänzerinnen Pakistans, wo weiblicher Tanz von islamistischen Gruppen angegriffen wird. Sie setzt Tanztheater zur politischen Aufklärung ein. Ameena Saiyid ist Geschäftsführerin von Oxford University Press und Lobbyistin für den Pakistanischen Verleger- und Buchhändler-Verband. Die renommierte Pianistin Jehanara Talati stellt ihr Talent Wohltätigkeitsorganisationen wie der Erdbeben-Opferhilfe zur Verfügung. Und die deutsche Ärztin Dr. Ruth Pfau führt seit vierzig Jahren ein Lepra-Hospital, das seine ersten Patienten in Kartons beherbergte.

Die soziale Schere ist groß

Ob Schiitinnen, Sunnitinnen, Parsinnen, Christinnen oder "Humanistinnen" – Berufsethos und Aufklärergeist treibt diese selbstbewussten Frauen an, und eine Infrastruktur von Dienstpersonal hält ihnen den Rücken für ihre Projekte frei. Die Damen mit Namen, gekleidet in Seidensaris oder Kaadi, in handgewebte Stoffe, treffen sich zum Ladies´ Lunch oder High Tea, um in der geschützten Atmosphäre ihrer Villen hinter Mauern Gesellschaftsklatsch zu halten und Geschäfte zu besprechen. Oft hängen Fotogalerien mit Großgrundbesitzern aus der britischen Kolonialzeit stolz an den Wänden, und die weiblichen Gäste, verwöhnt mit pakistanisch-indischen Delikatessen, verteilen sich auf die opulent eingerichteten Wohnzimmersuiten. Man fühlt sich angenehm ins höfische Leben von Lucknow zurückversetzt, wenn eine der Frauen plötzlich Urdupoesie vorträgt, andere Ghazals singen, begleitet von professionellen Tabla- und Harmoniumspielern, die sich im Musiksalon bereitgehalten haben.

Karatschis Frauen, Foto: Mujtaba Khan
Grossansicht des Bildes
Arm oder reich: Das Leben der Frauen ist dadurch bestimmt
Foto: Mujtaba Khan

Doch außerhalb dieser Schutzräume liegt eine andere Welt: Sicherheit, Komfort, Selbstverwirklichung sind Fremdwörter für die anonyme Masse der vielen armen pakistanischen Frauen, auch in Karatschi. Sie sind die Köchinnen, Dienstbotinnen und Wäscherinnen ihrer eigenen Familien, und bleibt noch Kraft und Zeit, verdingen sie sich als Ayas, als Kindermädchen der Upper Class. Stromausfälle und Wasserknappheit, giftiger Müll und offenes Abwasser machen ihnen das Leben in den dicht bebauten Elendsvierteln schwer. Hier haben erpresserische Slum-Mafias den Staat längst verdrängt, der sich durch Inkompetenz und Korruption selbst paralysiert hat. Jeder Streik in der Vielvölker-Megalopolis Karatschi schlägt auf die ärmeren Wohngebiete besonders schwer durch und verstärkt die latenten ethnisch-politischen Spannungen zwischen den Communities: Pathanen blockieren gewaltsam die Verkehrsadern der Stadt, um gegen die Anhebung der technischen Standards für ihre alten Busse und Taxis zu protestieren. Im Arbeiterviertel Lyari zünden Belutschen aus Empörung über die Ermordung ihres Stammesführers Bugti Läden von Kleinhändlern an. Illegal eingewanderte Bengalen demonstrieren, unterstützt von der chauvinistischen Muhajiren-Partei, gegen ihre Evakuierung.

Leben in einer krisengeschüttelten Stadt

Für alle Frauen gilt, dass Tradition und Islam die Höhepunkte ihres Lebens- und Jahreszyklus bestimmen, wie die Verheiratung ihrer Töchter mit der Mehndi-, Rukhsati- und Valima-Zeremonie, das Namensgebungsfest mit Haarschneideritual für Neugeborene (Aqeeqa), das mit einem wahren Kaufrausch einhergehende Fastenbrechen am Ende des Ramadan (Eidh ul-Fitr), das Opferfest Bakr-Id (Eidh ul-Azha), der schiitische Trauermonat Moharram und, für die besonders Glücklichen unter den Gläubigen, die Wallfahrt nach Mekka. Als offizielle Feiertage religiöser Minderheiten in der Islamischen Republik Pakistan anerkannt, feiern Hindus Diwali und Holi in ihren mit Blumenketten geschmückten, nach Räucherkerzen duftenden Tempelbezirken; Christen gehen zu Weihnachten und Ostern in die noch von den Briten errichteten Kirchen. Seit der Unabhängigkeit Pakistans sind die Minderheitenreligionen zunehmend unsichtbar in der Öffentlichkeit geworden. Ältere Bewohner Karatschis erinnern sich noch mit Begeisterung an die leuchtenden Weihnachtssterne in den Einkaufsstraßen der Altstadt Saddar oder an den Kamelritt der "Heiligen Drei Könige" im nun verödeten Hill Park.

Heute beherrschen die islamistischen Parteien das Stadtbild vor Feiertagen. Sie errichten Sammelstellen für Geld sowie Tierfelle und -häute, als Restprodukte der Opferschlachtung werden auch diese gespendet. Von den Erlösen finanzieren sie Armenspeisungen und soziale Dienste, aber auch ihre politischen Mündel. In Sportstadien und auf Freiflächen sitzen dann Hunderte im schwarzen Vollschleier gekleidete Frauen mit Kleinkindern auf dem Boden und verzehren das schlichte Mahl aus Reis mit Linsen. Am Rand halten sich freiwillige Ärztinnen der Al-Khidmat Foundation, der Hilfsorganisation der Jamaat-i-Islami, bereit, um Patientinnen in Zelten mit notdürftiger Ausstattung zu untersuchen. Einer der artikuliertesten Gegner islamistischer Parteien ist das Women’s Action Forum, das 2006 auf 25 Jahre friedlichen Kampf gegen wechselnde Militärregime und eine frauenfeindliche Gesetzgebung in Gestalt der Hudood Laws, einer Reihe islamistischer Verordnungen aus dem Jahr 1979, zurückblicken konnte.

Sein südasiatisches Flair entfaltet Karatschi an den Wochenenden bei Sonnenuntergängen auf dem Seaview Beach. Das ist wieder möglich, seitdem sich die Sicherheitslage in der Megastadt nach einer Serie von Bombenanschlägen und Entführungen gebessert hat. Minibusse entladen gutgelaunte Familien, blechverzierte Taxi-Rickshaws bringen junge Pärchen, die händehaltend auf dem kilometerlangen Strand schlendern. Mütter in bunten Baumwoll-Shalwar-Kameez schlürfen Fruchtsaft aus grünen Kokosnüssen, während ihre Kinder für ein paar Rupien Drachen steigen lassen oder von Kameltreibern mit wettergegerbten Gesichtern auf die schaukelnden Rücken der Tiere gehoben werden. Eine Gruppe von Studentinnen posiert für den Strandfotografen, Examenskandidatinnen an der Schwelle zum Berufsleben. Pakistans Generation von morgen.


 
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Statistisches Bundesamt Pakistan

Urban Resource Centre Karachi, Orangi Pilot Project

Pakistan Times (englischsprachige Zeitung)

Dawn (englischsprachige Zeitung)

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Fischer Weltalmanach: Pakistan

Islamlexikon: Pakistan

APuZ: Islam. Der politische Kurswechsel in Pakistan

APuZ: Pakistan und Afghanistan
fluter (Nr. 24)
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