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Die Vergangenheit hat sich von uns verabschiedet


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Der Pekinger Künstler Ou Ning über Fortschritt, die Olympischen Spiele und die Verdrängung des Alten
 
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bpb: Gemeinsam mit Cao Fei haben Sie ein Forschungs- und Filmprojekt über Da Zha Lan, ein traditionelles Viertel im Zentrum von Peking, umgesetzt. Warum haben Sie sich für Da Zha Lan entschieden?

Ou Ning: Wir beschäftigen uns schon immer besonders mit solchen Bezirken in Zentren wachsender Metropolen in China, die dicht mit armen Menschen bevölkert und eng bebaut sind. Aus unserer Sicht geht dieses Phänomen mit den sozialen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Problemen einher, die sich durch Chinas Urbanisierungsprozess ergeben. Im Jahr 2003 haben wir ein Dokumentar- und Forschungsprojekt über einen ähnlichen Bezirk durchgeführt, San Yuan Li in Guangzhou, einer Großstadt in Südchina. Das Projekt entstand 2003 im Rahmen der 50. Biennale von Venedig. 2005 erhielten wir finanzielle Unterstützung seitens der Kulturstiftung des Bundes, um das rasche Wachstum Pekings, angetrieben durch die Austragung der Olympischen Spiele 2008, zu untersuchen. Dabei haben wir über einen Monat lang verschiedene Orte in und um die Hauptstadt besucht und dort näher recherchiert. Letztendlich haben wir uns für den Stadtbezirk Da Zha Lan nahe dem Platz des Himmlischen Friedens entschieden. Dabei handelt es sich um einen Slum im Herzen von Peking mit zahlreichen historischen Bauten, in denen viele geringverdienende Migranten leben. Genau der Ort, nachdem wir gesucht hatten.

Zur Person
Der Künstler und Designer Ou Ning, geb. 1969 in Zhanjiang, lebt und arbeitet in Guangzhou und Peking. Gemeinsam mit Cao Fei hat er ein Film- und Forschungsprojekt über Da Zha Lan in Peking realisiert. Der historische Stadtteil südlich vom Tiananmen Platz war lange Zeit das kommerzielle Zentrum Pekings. Heute ist der Stadtteil arm und extrem dicht besiedelt, die Versorgung mit Trinkwasser und Strom ist mangelhaft. Das Da Zha Lan Projekt war auch Teil der Ausstellung "beijing case – totalstadt" am ZKM (Zentrum für Kunst und Medientechnologie) in Karlsruhe (Sept. 2006-Jan. 2007).

bpb: Was sind heute die Hauptprobleme in Da Zha Lan?

Ou Ning: Das größte Problem für Da Zha Lan besteht in der rasanten Geschwindigkeit seines Verfalls. In der Vergangenheit war es das wichtigste Geschäftszentrum Pekings. Während der Ming- und Qing-Dynastien war dies der aktivste Bezirk des alten Peking, mit vielen Geschäften und viel Kundschaft. Sogar nach Anbruch der sozialistischen Ära 1949 blieben hier noch zahlreiche Läden und Einrichtungen als Zeugen des Wohlstands der Hauptstadt erhalten. In den 1990er Jahren änderten sich die Dinge, als das Zentrum Pekings in den Osten verlagert wurde, um mehr Raum für die Expansion zu schaffen. Ein Großteil der Investitionen wurde aufgrund der Nähe zum Tiananmen-Platz in den Chaoyang-Bezirk im Osten gepumpt. In Da Zha Lan dagegen dürfen Gebäude nicht höher sein als die historische Architektur der Verbotenen Stadt. So kam es zu einer unausgeglichenen Entwicklung der verschiedenen Stadtteile Pekings. Der östliche Teil der Stadt ändert sich täglich, während im Süden – wo sich Da Zha Lan befindet – die Entwicklung stagniert. Da Zha Lan leidet unter dem Konflikt zwischen
Da Zha Lan
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Abriss und Schutt sind Alltag in Da Zha Lan
Foto: Ou Ning

Denkmalschutz und Stadtentwicklung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Regierung selbst nicht in der Lage ist, diese hohe Belastung aufzufangen. Gleichzeitig mangelt es an Vertrauen in Chinas Eigentumsrechte und das Steuersystem, so dass kein Privatkapital in den Stadtteil fließt. Die Folge: Die städtischen und staatlichen Einrichtungen in Bezirken wie Da Zha Lan können nicht rechtzeitig auf den neuesten Stand gebracht werden. Die Eliten sind weggezogen. Die Mieten und der Lebensstandard fielen kontinuierlich. Migranten mit geringem Einkommen kamen. Das ehemals goldene Geschäftzentrum wurde schließlich zum Slum.

bpb: Peking erlebt einen gewaltigen Wandel. Seit den 1990er Jahren boomt die Stadt: Wolkenkratzer und neue Geschäftsviertel entstehen fast überall. Wie empfinden die Einwohner Pekings diesen Wandel?

Ou Ning: Die meisten Stadtbewohner sind froh darüber, dass Peking zur Metropole wird. Im Vergleich zu ihren früheren Häusern – Wohnhöfen, die von vielen Familien geteilt wurden, mit hohem Brandrisiko und ohne private Badezimmer – ziehen sie offensichtlich moderne Wohnungen mit gut ausgestatteten Bädern und Küchen vor, bewacht von Sicherheitspersonal. Es mag sich von Zeit zu Zeit ein wenig Nostalgie einstellen, wenn sie an ihr altes Zuhause denken, doch nur wenige möchten tatsächlich zurückziehen. Die Menschen arbeiten gerne in modernen Bürogebäuden und kaufen in riesigen Shoppingzentren ein. Nur während der traditionellen Feiertage wie dem Chinesischen Neujahrsfest erinnern sie sich an Da Zha Lan und kaufen dort etwas im alten Stil als Souvenir. Ironischerweise können sich
Da Zha Lan
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Blick in einen der alten Innenhöfe
Foto: Ou Ning

heutzutage nur die sehr Reichen diese alten Hofanlagen von damals leisten. Sie kaufen einen kompletten Hof und setzen die Bewohner vor die Tür. Moderne Einrichtungen werden hinzugefügt, damit es sich dort angenehm leben lässt. Während man versucht, alles zu standardisieren, ist das Leben im "hutong" – alte, enge Gassen mit Wohnhöfen zu beiden Seiten – zum Luxus geworden. Für eine Stadt oder ein Land ist der Drang nach Modernisierung mit gewaltigen Kosten verbunden. Unsere Geschichte und unsere Erinnerung sind dem so genannten Fortschritt zum Opfer gefallen. Wir haben für die angebliche Entwicklung einen enorm hohen Preis bei der Umwelt und im Sozialen bezahlt. Als wir die Modernisierung begeistert annahmen, wurde klar, dass sich die Vergangenheit von uns verabschiedet hatte. Als alles für den neuen Traum geopfert war, ist uns aufgefallen, dass das, was wir hatten, in Wirklichkeit von unbezahlbarem Wert war. Dies ist das Paradox der Geschichte.


14. November 2007

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Millionen Menschen in Peking sind Wanderarbeiter, so Eduard Kögel, Dipl.-Ingenieur und Experte für Stadtplanung und Städtebau in China. Die Stadt existiere nur, weil es diese billigen Arbeitskräfte gibt.

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