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Dossier
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Die Vergangenheit hat sich von uns verabschiedet |
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Der Pekinger Künstler Ou Ning über Fortschritt, die Olympischen Spiele und die Verdrängung des Alten |
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bpb: Was glauben Sie, welche wichtigen Verbesserungen haben Modernisierung und Städtewachstum den Menschen gebracht?
Ou Ning: Die Modernisierung und Verstädterung hat die Geisteshaltung und die Ansichten der Menschen weitestgehend verändert. Aufgrund des großen wirtschaftlichen Aufschwungs konfisziert die Regierung mehr ländliche Gebiete für die Stadtentwicklung oder führt eine neue Städteplanung für alte Stadtteile ein. Dieser Prozess ist durch einen tiefen Konflikt der Interessen und Meinungen gekennzeichnet. Die Menschen sind sich in Zeiten des raschen Wandels ihrer Rechte zunehmend bewusst. Sie bringen sich stärker in staatliche Angelegenheiten ein, um ihre eigenen Interessen zu schützen. Sie fordern den Aufbau einer
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In Da Zha Lan geht der Abriss aber vorerst weiter Foto: Ou Ning
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rechtmäßigen und gleichberechtigten Gesellschaft. Die Bürger wagen sich immer häufiger, die Städteplanungspolitik der Regierung zu kritisieren und kämpfen für ihre Rechte, wenn es im Verlauf des Entschädigungsprozesses durch Konfiszierung und Umsiedlung zu Ungerechtigkeiten kommt. Obwohl anfänglich mit großen Schwierigkeiten verbunden, bildet sich langsam eine bürgerliche Gesellschaft heraus, die mit einem Gefühl der eigenen Identität und dem Bewusstsein für die eigenen Eigentumsrechte die Stadt quasi mit überwacht. Dies wird der wichtigste Erfolg für China sein.
bpb: Peking wird Austragungsort der Olympischen Spiele 2008. Wird dieses Großereignis lediglich neue Baustellen bedeuten, wie z. B. den Olympischen Park? Oder wird es auch die urbane Mentalität der Menschen in Peking verändern?
Ou Ning: Die Olympischen Spiele 2008 werden die Urbanisierung Pekings noch beschleunigen. Dies bringt nicht nur symbolträchtige Bauten mit sich, sondern hat auch Pekings Immobilienmarkt angekurbelt und die Preise in die Höhe getrieben. Dies hat nicht nur die Luftqualität und das Transportwesen der Stadt verbessert, sondern auch mehr Menschen in die Stadt gebracht. Es hat nicht nur dazu geführt, dass Taxifahrer darauf brennen, Englisch zu lernen, sondern auch dazu, das IT- sowie Medien- und Kreativberufe heiß begehrt sind. Für die chinesische Zentralregierung bietet sich eine großartige Gelegenheit, die nationale Identität im Zeitalter der Globalisierung neu zu gestalten. Es dient auch als politische Möglichkeit, sich kritisch auszutauschen. Die kommenden Spiele werden aber nicht nur die Zuversicht der Pekinger um ein Hundertfaches steigern, sondern bei den Chinesen auch die verrückte Vorstellung des wiederauferstehenden Drachen und den Traum von der Supernation im 21. Jahrhundert beflügeln.
bpb: Neben Peking gibt es in China noch eine weitere florierende Megastadt: Schanghai. Wie unterscheiden sich diese beiden Städte im Bezug auf Wachstum und urbane Entwicklung?
Ou Ning: Schanghai ist eine Wirtschaftsstadt. Sie verfügt in ihrem Stadtbild über kein ersichtliches Zentrum. Peking dagegen ist eine politische Stadt. Als Machtzentrum Chinas wurde die Stadt durch Ringstraßen um den Kaiserpalast herum erweitert. Schanghais Innenstadtbereich hat kleinere Straßen, engere Straßennetze und bietet bessere Verkehrsbedingungen für Fußgänger. In Peking verlaufen breite Straßen als Hauptadern für den Transport; regionale Verbindungen sind dagegen weniger ausgebaut. Es kommt daher häufig zu Staus und für Fußgänger bleibt nur wenig Platz. In Schanghai werden westliche Werte hochgehalten; die Stimmung ist sehr geschäftig. Hier fühlt man sich dem geistigen Erbe des frühen Kapitalismus verschrieben und möchte ein frisches Image im heutigen globalen Wettbewerb vertreten. Peking ist ebenfalls auf dem Weg hin zur Internationalisierung, glaubt aber dabei noch an die große Macht der Tradition und an ihre Aussicht auf Erneuerung. Die Werte sind sehr unterschiedlich und durch verschiedene Interessen geprägt. Die Kulturszene boomt. Mit ihrer recht konservativen Haltung und aufgrund ihrer begrenzten politischen Entwicklungsmöglichkeiten steht die Stadt Schanghai in politischer Hinsicht auf dem zweiten Rang. Peking ist das politische Zentrum Chinas. Alle wichtigen nationalen Institutionen haben hier ihren Sitz. In der Stadt wird über das Schicksal Chinas entschieden.
bpb: Herr Ou Ning, was gefällt Ihnen an Peking am besten?
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Die Liangshidian Straße in Da Zha Lan Foto: Ou Ning
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Ou Ning: Die lässige und offene Persönlichkeit Pekings gefällt mir am besten. Hier zu leben bedeutet, dass ich tun und lassen kann, was ich will und keinen Trends, keinen einheitlichen Standards folgen muss. In Peking kann man isoliert leben oder so vielen sozialen Netzwerken wie nur möglich zugehören. Egal wie man als Person ist, wie man lebt, hier wird einen niemand merkwürdig finden und behelligen. Dazu kommt, dass Peking sowohl das Alte würdigt als auch gleichzeitig Neues entwickelt. Dieser Gegensatz ist sehr charmant und erfüllt den eigenen Alltag mit Inspiration und Leidenschaft. Dies ist der Hauptgrund, warum ich letztes Jahr von Guangzhou nach Peking gezogen bin.
Weitere Informationen: Da Zha Lan Project
Das Interview führte Sonja Ernst
Übersetzung aus dem Englischen Mia Rimac
14. November 2007 |
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