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Wikipedia, Citizendium, und die Politik des Wissens: Ein Interview mit Larry Sanger |
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Herr Sanger, hier auf "Wizards of OS 4" haben sie den Start des "Citizendiums" angekündigt. Worum geht es da?
Das "Citizendium" ist das "Citizen's Compendium", zu deutsch etwa "Bürgers Handbuch". Mit der Zeit wird es sich hoffentlich des Wortes "Enzyklopädie" würdig erweisen. Zunächst werden wir es einen "experimentellen Arbeitsraum" nennen, und es wird ein "Fork", ein Ableger der Wikipedia sein, das heißt, eine Kopie aller Artikel der Wikipedia, die dann in einem neuen Wiki bearbeitet werden können.
Sobald jemand Artikel des Citizendiums bearbeitet, werden diese nicht mehr mit der Wikipedia abgeglichen, während alle anderen Artikel, die noch nicht bearbeitet wurden, regelmäßig mit der neuesten Fassung der Wikipedia aktualisiert werden. In diesem Sinne ist es also ein progressiver, schrittweiser Ableger.
Sie sind Mitgründer der Wikipedia, die heute als eine der großen Erfolgsgeschichten des Web 2.0 und der kollaborativen Produktion im Internet gilt. Warum also starten Sie einen Ableger?
Auf www.citizendium.org habe ich einen Artikel, der eine Reihe von Kritikpunkten auflistet – ich könnte sie hier einfach herunterlesen: Erstens setzt die Community ihre eigenen Regeln nicht effektiv oder konsistent durch. Zweitens zieht die weitgehende Anonymität Menschen an, die einfach nur Ärger machen wollen – in anderen Worten, das Troll-Problem. Drittens klagen viele, dass die führenden Köpfe der Wikipedia sich abgeschottet haben, wodurch es für Leute, die noch nicht Teil der Community sind, zunehmend schwierig wird, wirklich voll aufgenommen zu werden. Und schließlich wirkt diese dysfunktionale Community extrem abstoßend auf einige der potentiell wertvollsten Mitarbeiter, nämlich Akademiker.
Was werden die Hauptunterschiede zur Wikipedia sein?
Die wichtigsten Unterschiede zwischen meinem vorgeschlagenen Projekt – jetzt und hier existiert das Wiki ja noch nicht – und der Wikipedia sind folgende: Zum einen wird es eine neue Rolle im System geben, die der "Editoren"; das werden ausgewiesene Experten sein, die im System einige Rechte erhalten, die normale Autoren nicht haben. Diese Experten sind immer noch angehalten, Seite an Seite mit den anderen Autoren zusammenzuarbeiten, und nicht, deren Arbeit von oben herab zu kontrollieren. Aber sie werden Entscheidungen über inhaltliche Streitigkeiten treffen und diese Entscheidungen auf der "Diskussionsseite" eines Artikels formulieren können. Auch werden sie Artikel als "geprüft und anerkannt" einstufen können. All das wird in der gleichen, radikal unkontrollierten Bottom-up-Manier geschehen, die man auch in der Wikipedia findet.
Zum Beispiel werden sich Editoren selbst zu "Editoren" erklären; es wird kein Komitee nötig sein, um jemanden als Editor anzuerkennen. Sondern wenn jemand die nötigen Zeugnisse hat, geht er oder sie einfach auf die eigene Nutzerseite auf der Webseite, gibt seine Qualifikation dort an, verlinkt online auf Belege und erklärt sich anschließend zum Editor. Dafür wird keine technische Unterstützung jenseits der Software benötigt, die jetzt schon die Wikipedia betreibt. Die Veränderung ist in dieser Hinsicht eine soziale Veränderung, keine technische. Sie verändert die Kernfunktion des Wikis – das, was die Wikipedia funktionieren lässt – in keiner Weise.
Der zweite große Unterschied ist die Verabschiedung einer Community-Charta, und die ausdrückliche Erwartung, dass Leute, die sich an der Community beteiligen, die Charta unterstützen. Sie werden "gute Bürger" in einer neuen Online-Politik. Und es wird einen fairen und offenen Prozess geben, über den die Regeln des Projekts durchgesetzt werden. Es sollte nicht zu viele Regeln geben, denn die Vermehrung von Regeln verwirrt Leute nur, und sie fangen an, die Regeln zu ignorieren.
Eines der Probleme, die ich mit der Wikipedia hatte, ist, dass ihre Regeln in vielen Fällen nicht ernst genommen werden. In dem Moment, in dem ich das sage, weiß ich, dass viele Menschen denken werden, dass ich für "Recht und Ordnung" und "Kontrolle" und so weiter bin – das ist nicht der Fall. Denken Sie daran, ich bin der Mitgründer der Wikipedia. Ich bin für ein sanft kontrolliertes Chaos, zu einem gewissen Grad. Das ist es, weshalb Wikipedia und offene Zusammenarbeit funktionieren.
Nein, ich bestehe deshalb darauf, dass Menschen einmal akzeptierte Regeln eines Projektes ernst nehmen, weil diese Regeln das Projekt definieren. Wenn man sich zum Beispiel an dem Projekt beteiligen möchte, eine neutrale Enzyklopädie aufzubauen, dann muss man Neutralität ernst nehmen. Andernfalls arbeitet man nicht mit an dem Projekt, das man überhaupt erst unterstützen wollte.
05. Januar 2007 |
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