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Maßnahmen

Bauen und Wohnen im 21. Jahrhundert


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Oder: das Loch in der Wand
Ralf Schüle
Einleitung
Solar_Dach
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Mit gutem Beispiel voran: Diese Energiespar-Häuser in Gelsenkirchen könnten ein Vorbild werden. Foto: AP
Paul traf den Ball aus einer eleganten Drehung mit dem Vollspann. Der Ball flog direkt auf die frisch renovierte Gebäudefassade im Hinterhof der Altbausiedlung zu. Eine Schrecksekunde. Vor Wochen bereits, als die Baugerüste noch standen und die Handwerker die starke Dämmung an das Gebäude auftrugen, bohrte Paul einen Schraubenzieher heimlich in das weiche Styropor. Er wusste, dass der Ball ein hässliches Loch in der Wand hinterlassen würde.

Paul lebt in Hamburg in einem Mehrfamilienhaus aus der Gründerzeit. Viel hatte sich in den letzten Jahren im Viertel getan. Durch die konstant hohen Energiepreise, den hohen Modernisierungsbedarf in den Wohnungen und der enormen Wechselrate von Mietern im Gebäude entschloss sich die lokale Wohnungsgesellschaft endlich, ihren Wohnungsbestand zu modernisieren und auch Energiegesichtspunkte stark zu berücksichtigen. Ein ganzes Quartier wurde so Gegenstand umfassender Modernisierungen. Ein Modellfall.

Zur Person
Ralf Schüle
geb. 1965, Studium der Soziologie, Politikwissenschaften und Volkswirtschaft, Dr. phil., Dipl.-Soz.. Seit 2004 Projektleiter und wiss. Koordinator in der Forschungsgruppe "Energie-, Verkehrs- und Klimapolitik" des Wuppertal Instituts. Forschungsschwerpunkte: Klima- und Energiepolitik auf internationaler, nationaler und kommunaler Ebene, Emissionshandel, Energieeffizienz im Gebäudebereich, Programmevaluationen, sozial-ökologische Forschung.

Ein Beispiel: Eines der Mehrfamilienhäuser konnte allein mit einer zusätzlichen Dämmung und dem Einbau einer Holzheizungsanlage von einem Energiebedarf von über 270 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr auf 34 Kilowattstunden reduziert werden, also eine Reduktion um ca. 88 Prozent. Eine Förderung des Bundes deckte dabei ungefähr die Mehrkosten ab, die bei der Umsetzung energetisch anspruchsvoller Maßnahmen entstehen. Aber auch einzelne kleinere Maßnahmen in anderen Gebäuden haben den Bedarf deutlich gesenkt. Allein mit einer kostengünstigen Dämmung des Kellerbodens (10-15 Prozent) und des Daches (20-25 Prozent) lassen sich deutliche Einsparungen erzielen. Doch nur die integrierten Gesamtkonzepte ermöglichten deutlich höhere Einsparungen und somit Kostenentlastungen für die Bewohner.

Viele kleine Schritte ...

... verändern das Gesicht der Welt. Für den kleinstteiligen Gebäudebereich gilt dies buchstäblich auch unter dem Gesichtspunkt des Klimaschutzes. Einige Zahlen hierzu: In Deutschland gibt es zurzeit 39 Millionen Wohnungen in fast 18 Millionen Gebäuden, 60 Prozent dieser Wohnungen befinden sich in Mehrfamilienhäusern, 50 Prozent der Wohnfläche befindet sich in Ein- und Zweifamilienhäusern, sowie Reihenhäusern. Und: ca. drei Viertel der Gebäude wurden vor 1979 gebaut. Gerade die Gruppe der Gebäude, die noch vor Verabschiedung der Wärmeschutzverordnungen von 1995 erbaut worden sind, weisen ohnehin einen sehr hohen Modernisierungsbedarf auf. Eine auch unter energetischen Gesichtspunkten durchgeführte Modernisierung wäre gerade bei diesen Gebäuden sehr wirtschaftlich.

Grafik_Verbrauch
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Endenergieverbrauch nach Sektoren 2006 und Struktur des Energieverbrauchs im privaten Haushaltsbereich 2005. Quelle: BMVBS 2008
Gegenwärtig fallen knapp 30 Prozent des Energieverbrauchs in Deutschland in privaten Haushalten an, wovon der Bereitstellung der Raumwärme knapp drei Viertel zukommen, inklusive der Warmwasserversorgung sogar 85 Prozent. Der Stromverbrauch macht mit ca. 10 Prozent (Beleuchtung und Strom) einen weiteren wichtigen Anteil des Energieverbrauchs aus. So sind beim Endenergieverbrauch in bundesdeutschen Haushalten die Einsparpotenziale enorm und längst nicht erschlossen.

Ein von Deutsche Bank Research berechnetes Szenario geht davon aus, dass sich unter sehr günstigen Bedingungen bis zum Jahre 2030 ein Drittel des Energieverbrauchs in Gebäuden einsparen lässt ("Klimaschock-Szenario"). Vorsichtigere Berechnungen gehen von knapp über 10 Prozent (11,5 Prozent) aus. Aber auch beim Strom lassen sich deutliche Einsparungen im Energieverbrauch erzielen, wie die folgenden Beispiele zeigen:

  • Von den etwa 60 Millionen Kühl- und Gefriergeräten in deutschen Haushalten sind knapp 30 Millionen mindestens 10 Jahre alt. Würden diese alle durch hoch effiziente Geräte ersetzt, könnten pro Jahr ca. acht Terawattstunden eingespart werden, das entspricht fünf Millionen Tonnen CO2. Bei Ausnutzung dieses Einsparpotenzials werden die privaten Haushalte jährlich um über 1,4 Milliarden Euro entlastet.
  • In Deutschland werden pro Jahr über 200 Millionen Glühlampen verkauft. Würden diese durch Energiesparlampen ersetzt, könnten 7,5 Terawattstunden eingespart werden, das entspricht 4,6 Millionen Tonnen CO2 und einer Stromkostenersparnis von 1,3 Milliarden Euro.
  • Der Strombedarf von elektrischen Geräten im Leerlaufbetrieb ("stand-by") liegt in Deutschland bei rund 14 Terawattstunden pro Jahr. Durch den verpflichtenden Einbau von netztrennenden Schaltern und technische Optimierungen ließen sich neun Terawattstunden pro Jahr einsparen.


Staatliche Förderung

Bund, Länder und Kommunen bieten ein breites Spektrum an Maßnahmen und Förderinstrumenten an. U.a. haben die anspruchsvollen Klimaziele der Bundesregierung dazu beigetragen, dass der Bund sich seit vielen Jahren im Bereich der energetischen Gebäudemodernisierung engagiert. Die Klimaschutzkampagne der Bundesregierung bietet z.B. über die Plattform von CO2Online (www.co2online.de) umfassende Informationsangebote zu Möglichkeiten, sein Gebäude energetisch zu modernisieren. Der 2007 durch die Bundesregierung eingeführte Energieausweis ist ein verpflichtendes TÜV-Siegel über den energetischen Zustand eines Gebäudes. Der Bund fördert zudem Energieberatungen, die von zertifizierten BeraterInnen durchgeführt werden. Die so genannten Vor-Ort-Energiesparberatungen sind auch gleichzeitig die Bedingung dafür, zinsgünstige Kredite der bundeseigenen Hausbank, der Kreditanstalt für Wiederaufbau in Anspruch nehmen zu können. Im Jahr 2007 wurden insgesamt 1,9 Milliarden Euro in das Kreditprogramm investiert, das komplette Umbauprogramme aber auch den Austausch von Einzelkomponenten und Heizungsanlagen in Gebäuden unterstützt. Die Bundesmaßnahmen werden ergänzt u.a. durch ein reichhaltiges Informations- und Beratungsangebot von Kommunen, Ländern, Verbraucherzentralen und Energieversorgern.

Auch im Neubaubereich hat sich viel getan. Die Energieeinsparverordnung (EnEV) von 2002/2004 stellt dabei Anforderungen an den Energiestandard von Neubauten und zu sanierenden Altbauten. Durch die Novellierung der EnEV und der Einführung des Erneuerbare-Energien Wärmegesetzes im Jahre 2009 werden nicht nur für Neubauten und größere Modernisierungsmaßnahmen in Altbauten anspruchsvollere Dämmstandards vorgegeben (-30 Prozent gegenüber der EnEV 2007), sondern auch die Verpflichtungen zur Verwendung von erneuerbaren Energieträgen bei der Wärmebereitstellung (je nach Energieträger zwischen 15 und 50 Prozent) geregelt. Auch hier bieten Kommunen und der Bund ergänzende finanzielle Förderungen für energetisch anspruchsvolle Neubauten an, die einen Energiebedarfswert von 60 Kilowattstunden oder und weniger pro Quadratmeter und Jahr haben. Die Förderung reicht bis zum Passivhaus. Diese benötigen maximal 15 Kilowattstunden Heizenergie und 40 Kilowattstunden Primärenergie (pro Jahr und Quadratmeter). Das sind rund 10 Prozent des Energiebedarfs eines bis 2008 errichteten Neubaus. Da in diesen Häusern die Wärmegewinnung über eine Wärmepumpe bereitgestellt wird, die die Abwärme der sich darin befindlichen Personen und benutzter Geräte nutzt, sucht man in diesen Gebäuden eine Heizung vergeblich.


02. März 2009

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