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Geschichte

Die alltägliche Gegenwart der kolonialen Vergangenheit


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Joshua Kwesi Aikins

Einleitung

Berlin war bis 1918 die Hauptstadt des deutschen Kolonialreiches – diese Vergangenheit ist heute an vielen Stellen der Stadt noch allzu gegenwärtig.

Zur Person
Joshua Kwesi Aikins, Studium im Bereich Dokumentation und Informationsmanagement. Im Rahmen seines Praktikums bei der Tageszeitung Taz organisierte er eine Tagung zum Thema "Der weiße Blick – die Farbe der Medienmacht in Deutschland", erstellte einen NRO-Beitrag zum Nationalen Aktionsplan gegen Rassismus und ist Mitarbeiter im "Community Media Projekt SFB" (Schwarzes Fernsehen Berlin).

London und Paris – mit diesen europäischen Metropolen wird Berlin häufig verglichen. Die Bundeshauptstadt ist das internationale, multikulturelle Aushängeschild der Bundesrepublik. Eine der wichtigsten Gemeinsamkeiten der drei Millionenstädte wird in Deutschland gern unterschlagen, verschwiegen und am liebsten vergessen. Berlin ist wie London und Paris eine Kolonialmetropole; sie war von 1885 bis 1918 die Hauptstadt des deutschen Kolonialreiches.

Von dieser Stadt ging eine Aggression aus, die Menschen in West- und Südafrika, in Polynesien und in China ihres Landes, ihres Besitzes und allzu oft ihres Lebens beraubte. In diese Stadt kamen aus den Kolonien geraubte Güter, Kunstschätze und auch Menschen, meist aus Afrika, wo die deutschen "Besitzungen" am größten waren. Manche kamen freiwillig als Diplomaten oder Händler. Die meisten wurden jedoch als Zwangsarbeiter, "Zooattraktionen" und als "Kriegsbeute" verschleppt. Die verdrängte deutsche Kolonialzeit hat Berlin mitgeprägt. Diese Vergangenheit und die daraus erwachsende Verantwortung ist überall in Berlin gegenwärtig:

Das Afrikanische Viertel

Im Straßenbild des "Afrikanischen Viertels" in Berlin-Wedding zeigt sich die Gegenwart kolonialer Vergangenheit besonders deutlich: Straßennamen ehren "Entdecker", die im Auftrag des Deutschen Reiches gemordet und geplündert haben. So mündet beispielsweise die Lüderitzstraße in den Nachtigalplatz. Sowohl der Handelsreisende Lüderitz als auch der Afrikaforscher Nachtigal haben sich an der Sicherung kolonialer Besitzansprüche Deutschlands in Afrika beteiligt. Beide legten unter anderem "deutsche Grenzen" in Afrika fest – Verhandlungspartner waren dabei jedoch Engländer und Franzosen, nicht Afrikaner.

Die Swakopmunder Straße erinnert an die deutsche Kolonialherrschaft in Namibia. Was (zu) wenig bekannt ist: Dort wurde 1907 auch eines der ersten offiziell so bezeichneten deutschen Konzentrationslager errichtet. Tausende Herero, die sich den deutschen Besatzern widersetzt hatten, fanden dort den Tod.

Die Petersallee
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Die Petersallee im "Afrikanischen Viertel"
© Joshua Aikins


Die Petersallee ehrt einen der grausamsten deutschen Kolonisatoren: Carl Peters [1] wurde 1893 nach mehrmaligen Ermahnungen sogar von seinem Auftraggeber, dem Auswärtigen Amt, nach Deutschland zurückbeordert und entlassen. Peters hatte zuvor den Kilimandscharo mit Waffengewalt für Deutschland erschlossen und dem Auswärtigen Amt empfohlen, die dort ansässigen Warombo "auszurotten wie die Rothäute Amerikas, um ihr breites und fruchtbares Gebiet der deutschen Kultivation zu gewinnen". Dieser Vorschlag, den Peters in der Folge in die Tat umzusetzen begann, war jedoch nicht der Grund für seine Entlassung. Im Oktober 1891 hatte Peters seinen Diener Mabruk und kurz darauf seine Dienerin Jagodjo hängen lassen. Der vorgebliche Grund dafür war "ein grober Vertrauensbruch, dessen Wiederholung das Leben von Weißen bedroht hätte". Im Auswärtigen Amt war man empört, als afrikanische, britische und deutsche Zeugen übereinstimmend die wirkliche Motivation für die Morde zur Sprache brachten: Eifersucht. Peters konnte es nicht ertragen, dass seine Konkubine ein Verhältnis mit seinem persönlichen Diener hatte.

Peters Ehre wurde posthum wiederhergestellt: Im Dritten Reich galt er als einer der "Großen Deutschen", dessen Leben aufwändig verfilmt wurde. 1939 wurde ein Teil der Londoner Straße im Afrikanischen Viertel nach Carl Peters, dem "Gründer von Deutsch-Ostafrika" benannt. Die Petersallee ist bezeichnend für den Umgang mit diesen Straßennamen, die ein Ensemble des Gedenkens bilden: Als in den Achtzigerjahren Kritik an der Namensgebung laut wurde, handelte die zuständige Verwaltung: Die Straße wurde allerdings nicht umbenannt, sondern umgewidmet. Sie soll jetzt an den Stadtverordneten Prof. Dr. Hans Peters (Foto) erinnern. Das koloniale Straßengefüge blieb so erhalten.

Kleingärtnerverein "Dauerkolonie Togo"
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Kleingärtnerverein "Dauerkolonie Togo"
© Joshua Aikins


"Kolonie Togo" heißt passenderweise eine Kleingartensiedlung, die inmitten des Afrikanischen Viertels liegt: Sie wird vom Kleingärtnerverein "Dauerkolonie Togo" betreut, der 1939 gegründet wurde. So wirkt Propaganda des Dritten Reiches bis heute fort. Das Deutsche Reich wehrte sich so propagandistisch gegen englische und französische Behauptungen, Deutschland könne nicht kolonisieren. Nach der Niederlage im ersten Weltkrieg hatte Deutschland alle Kolonien an den Völkerbund verloren. Namensgebungen wie diese waren sowohl Ausdruck von Kolonialnostalgie als auch deutliche Willensbekundungen der Reichsregierung, Deutschland wieder einen "Platz an der Sonne" zu erobern. In der Gartenkolonie findet sich ein Schild: Togo 60 Jahre (Foto). Damit ist diese Gartenkolonie im Berliner Wedding älter als der gleichnamige souveräne Staat.


30. Juli 2004

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Redaktion
Links ins Internet

PSM - Data: Carl Peters über die deutsche Kolonialpolitik

PSM - Data: Bismarck über Kolonialpolitik - aus einem Brief an Kriegsminister Roon (1868)

Faksimile des Reichtagsprotokolls vom 13. März 1885

PSM - Data: Primärquellen zur deutschen Kolonialpolitik

Deutsches Historisches Museum: Gemälde des "Kilimandscharo (Deutsch-Afrika 1914)" des Kolonialmalers Walter von Ruckteschell

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