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Herausforderungen

Demografische Entwicklung

Dr. Steffen Angenendt
Die meisten Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung gehen davon aus, dass die Weltbevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts noch einmal um die Hälfte zunehmen wird, auf über neun Milliarden Menschen. Erst danach wird sich das Wachstum allmählich abschwächen.

Problematisch ist aber nicht nur die absolute Zunahme der Weltbevölkerung, sondern auch die regionale Ungleichheit der Entwicklung:
Schülerinnen der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg © Susanne Tessa Müller
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Schülerinnen der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg
© Susanne Tessa Müller

95 Prozent des Wachstums wird in den weniger entwickelten Ländern stattfinden, und diese Staaten werden auch die stärkste Urbanisierung verzeichnen, die wiederum zu einem erheblichen Teil von Land-Stadt-Wanderungen getrieben wird.

Zwei grundlegende Trends bestimmen die globale Bevölkerungsentwicklung: Einerseits weisen fast alle Industriestaaten sehr niedrige Geburtenzahlen auf. Angesichts des zunehmenden Lebensalters ergibt sich hieraus eine zum Teil dramatische Alterung und Schrumpfung der Bevölkerung. Im Gegensatz dazu müssen viele Entwicklungsländer mit tendenziell abnehmenden, aber immer noch hohen Geburtenzahlen zurecht kommen. Die „demografische Teilung“ der Welt in Gebiete mit hohem und solche mit niedrigem Bevölkerungswachstum wird sich in den nächsten Jahrzehnten verfestigen.

Es ist zu erwarten, dass diese unterschiedliche Bevölkerungsentwicklung zu neuen Konflikten führen wird, und zwar sowohl in den Regionen mit starkem Bevölkerungswachstum als auch zwischen den Gebieten mit und ohne Wachstum. So werden viele Staaten mit großem Wachstum – bei denen es sich in der Regel um die ärmeren Länder handelt – zunehmende Schwierigkeiten haben, ihre Bevölkerung zu versorgen, materielle und verwaltungstechnische Infrastruktur zur Verfügung zu stellen und genügend Arbeitsplätze zu schaffen. In diesen Staaten drohen Ressourcen- und Verteilungskonflikte, und im Falle einer dramatischen Verschlechterung der wirtschaftlichen und politischen Lage sind auch größere innerstaatliche und grenzüberschreitende Wanderungen nicht ausgeschlossen.

Aber auch die potenziellen Spannungen zwischen Weltgebieten mit und ohne Bevölkerungswachstum werden zunehmen: Viele Staaten in weniger entwickelten Weltregionen werden eine zunehmend junge, wirtschaftlich aber oft perspektivlose Bevölkerung aufweisen, die meisten Industriestaaten hingegen eine zunächst alternde, dann schrumpfende Bevölkerung. Die ärmeren Staaten sind bereits heute auf (legale) Auswanderungsmöglichkeiten angewiesen, um ihre Arbeitsmärkte zu entlasten und den wachsenden innenpolitischen Druck zu reduzieren, und sie sind inzwischen zum Teil wirtschaftlich von den Rücküberweisungen ihrer Migranten abhängig. Sie stoßen aber zunehmend auf eine restriktive Zuwanderungspolitik der Industriestaaten. Die reicheren Staaten ihrerseits haben einen beträchtlichen demographischen und wirtschaftlichen Zuwanderungsbedarf, den sie auf unterschiedliche Weise decken. Sie haben aber jetzt schon Schwierigkeiten, mit den sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen der bisherigen Zuwanderung, beispielsweise mit ungelösten Integrationsproblemen, umzugehen. Auf die wahrscheinlich sehr viel umfangreicheren künftigen Zuwanderungen sind sie weder politisch, institutionell noch mental ausreichend vorbereitet.

Zuwanderungsbedarf in Industriestaaten

In den Industrieländern nimmt die Zahl der Geburten ab. Die langfristigen Folgen sind dramatisch: Die geburtenschwachen Jahrgänge werden bei gleicher Geburtenhäufigkeit noch weniger Neugeborene pro Jahrgang als die Vorgeneration haben, und damit wird die Geburtenzahl weiter zurückgehen. Zudem nimmt die Sterblichkeit in den Industriestaaten ab. Die durchschnittliche Lebenserwartung hat sich seit Ende des 19. Jahrhunderts mehr als verdoppelt und steigt weiter an. Beide Entwicklungen werden die Altersstruktur der Bevölkerung in diesen Staaten grundlegend verändern: Der Anteil jüngerer Menschen wird ab- und der Anteil älterer Menschen wird zunehmen. Diese Entwicklung wirft Probleme für solche sozialen Sicherungssysteme auf, die auf der Annahme beruhen, dass immer eine ausreichende Zahl von Erwerbstätigen beitragspflichtige Arbeitsverhältnisse besitzt, um eine (kleinere) Zahl von Kindern und Jugendlichen bzw. Älteren, nicht mehr erwerbstätigen Menschen zu versorgen. Zudem droht die Innovationsfähigkeit der betreffenden Gesellschaft insgesamt abzunehmen, weil eine überalterte Bevölkerung größere Schwierigkeiten hat, dem immer schnelleren Wandel des Wissens zu folgen. Modellberechnungen des UN-Bevölkerungsfonds zeigen, dass die demografische Schrumpfung und Alterung der Bevölkerung durch Zuwanderung nicht verhindert werden kann, wenn diese im politisch verträglichen Rahmen bleiben soll. Eine gezielte Einwanderungspolitik, die junge und gut qualifizierte Menschen in das betreffende Land kommen lässt, kann aber ein Beitrag sein, die Folgen des demografischen Wandels abzumildern.

Emigration aus den "Entwicklungsländern"

In den so genannten Entwicklungsländern hingegen fördert die demografische Entwicklung die Auswanderung. Die
Geburtenrate auf den Kontinenten 1950-2050 (ab 2000 Prognose) Quelle: UN Population Division
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Geburtenrate auf den Kontinenten 1950-2050
© migration-info.de

durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sinkt zwar weltweit, in den ärmsten Ländern jedoch verläuft der Geburtenrückgang nur langsam. Zudem liegen die Anteile von Kindern und jungen Menschen dort wesentlich höher. Experten schätzen, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Entwicklungsländern mittelfristig um 50 Millionen Menschen pro Jahr zunehmen wird, und zwar am stärksten dort, wo sich die Wirtschaft nur langsam entwickelt. Afrika wird das größte relative Bevölkerungswachstum haben. Die Bevölkerung wird von derzeit 945 Millionen (2007) auf rund 2 Milliarden Menschen im Jahr 2050 zunehmen. Die größte absolute Zunahme wird jedoch in Asien stattfinden, von derzeit 4 Milliarden auf 5,4 Milliarden Menschen. Es ist fraglich, ob die zusätzlich benötigten Arbeitsplätze geschaffen werden können. Die jüngeren Generationen werden mit dem Wissen um diese mangelhaften Arbeitsmarktchancen aufwachsen und die befristete oder dauerhafte Auswanderung wird für viele eine Option darstellen.


01. Juni 2009


 
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