Afghanen nach einer Bombenexplosion am 14. November 2010 in Dschalalabad, östlich von Kabul.
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Lokale Macht- und Gewaltstrukturen in Afghanistan


15.9.2008
Afghanistan ist geprägt von seinen unterschiedlichen Gemeinschaften: Clans, Stämme, religiöse und ethnische Gruppen. Lokale Herrschaftsstrukturen verhinderten lange Zeit die Entstehung eines einheitlichen afghanischen Staates. Und auch heute sind sie eine Hürde für den Aufbau staatlicher Strukturen.

Verteilung der verschiedenen Volksgruppen in AfghanistanVerteilung der verschiedenen Volksgruppen in Afghanistan (© REGIERUNGonline)

Die militärische Intervention der von den USA geführten Coalition against Terrorism im Herbst 2001 sollte nicht nur das Taliban-Regime hinwegfegen und die Horte des Terrorismus beseitigen, sondern gleichzeitig die Befriedung und den Wiederaufbau Afghanistans einleiten.

Sechs Jahre später scheint Afghanistan von dieser Zielsetzung weit entfernt. Nicht nur erleben die Taliban ein Revival und kontrollieren bereits ganze Distrikte in Südafghanistan, sondern auch andernorts stellen die lokalen Gegebenheiten eine enorme Herausforderung für den Wiederaufbau und eine Modernisierung Afghanistans dar. So dominieren gegenwärtig lokale Macht- und Gewaltstrukturen das Land, die Analytiker gern als "Kriegsfürstentum" umschreiben.[1] Diese lokalen Herrschaftsstrukturen sind hochdynamisch, folgen ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten und stehen modernen, auf Staatlichkeit basierenden Herrschaftsvorstellungen entgegen. Die wesentliche Ursache für die starke lokale Verortung von Macht und Gewalt in Afghanistan liegt darin begründet, dass eine staatliche Durchdringung Afghanistans niemals stattfand, ein staatliches Gewaltmonopol fehlt und der Staat im besten Falle eine Ressource für lokale Eliten darstellt.

Erosion der Staatlichkeit

Die afghanische Gesellschaft ist durch eine Reihe sich überlappender Solidaritätsbezüge geprägt: Dorfgemeinschaften, Clans, Stämme sowie religiös oder ethnisch definierte Gemeinschaften bilden die wichtigsten Identitäts- und Handlungsreferenzen. Diese vielgestaltigen, partikularistischen Gemeinschaftsorganisationen standen Staatsbildungsprozessen auf überlokaler Ebene stets entgegen. Erst das Great Game zwischen den imperialen Mächten hatte Ende des 19. Jahrhunderts zur Folge, dass Afghanistan als Pufferstaat zwischen Britisch Indien und Russland entstand.

Die Entwicklung des afghanischen Staats ist von Beginn an durch seine extreme Schwäche geprägt - vor allem, da ihm die wirtschaftlichen Ressourcen für einen selbst tragenden, etwa durch Steueraufkommen finanzierten Staatsbildungsprozess fehlten. Im Zuge des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Afghanistan zu einem Rentierstaat, der finanziell von anderen Staaten (v. a. USA, Sowjetunion) abhängig war. Seit den 1950er Jahren stammten über 40 Prozent der Staatseinnahmen von auswärts, namentlich aus der Entwicklungshilfe.[2] Die staatliche Politik bestand darin, die Beziehungen zwischen den verschiedenen lokalen Führern und der bürokratischen Elite Kabuls in ein Gleichgewicht zu bringen; Zuwendungen wurden klientelistisch verteilt und die Lokalpotentaten in ein System von Pfründen und Posten eingebunden.[3]

Bauer Abdul Rashid jäht Unkraut, um dies als Futtermittel für Tiere in der Nähe seines Dorfes Shahran-e-Khash, im Nordosten von Afghanistan, zu verweden verwenden (14.07.2009).Kluft zwischen Land und Stadt: Ein afghanischer Bauer auf dem Feld bei Shahran-e-Khash. (© AP)
Gleichzeitig stellte die Kluft zwischen Kabul und dem übrigen Land ein konstantes Spannungsfeld dar, das sich bis heute auf das politische Geschehen auswirkt. Dem Staat, der im urbanen Raum verankert war und der für eine politische Modernisierung eintrat, stand der ländliche Raum gegenüber, dessen traditionell segmentär organisierte Gesellschaft den von der Regierung ausgehenden Impulsen misstraute. Während die städtischen Zentren, allen voran Kabul, zu Oasen der Staatlichkeit avancierten, konnte die Provinz- und Distriktverwaltung nur oberflächlich die ländlichen Strukturen verändern und wurde von der Mehrheit der im ländlichen Raum lebenden Bewohner als eine fremde, ja als eine feindliche Größe verstanden. Eine Identität oder gar Loyalität mit dem afghanischen Staat prägte sich daher kaum aus. Die Machtergreifung der kommunistischen Demokratischen Volkspartei Afghanistan im April 1978 führte zu einem offenen Bruch zwischen Staat und ländlicher Bevölkerung. Der Versuch der zahlenmäßig schwachen, überwiegend städtischen Parteimitglieder, dem System tribaler und lokaler Autonomien ein Ende zu bereiten und durch radikal umgesetzte Reformen im Eilverfahren einen modernen Staat zu kreieren, rief im ganzen Land Aufstände der lokalen Eliten hervor. Mit dem Einmarsch sowjetischer Truppen im Dezember 1979 verschärfte sich dieser Konflikt weiter und beschränkte den Handlungsradius der Regierung auf Kabul und einige Provinzstädte.

Eines der wesentlichen Ergebnisse der seit 1979 tobenden Kriege in Afghanistan ist, dass die embryonalen staatlichen Strukturen, die während des 20. Jahrhunderts zumindest in den Städten aufgebaut worden waren, auf allen Ebenen zerfielen. Neben der nahezu kompletten physischen Zerstörung der Infrastruktur ist vor allem die Erosion des staatlichen Gewaltmonopols zu nennen. Ausschlaggebend hierfür war, dass die afghanische Regierung sich im Verlauf der 1980er Jahre immer weniger auf die reguläre Armee verlassen konnte, da diese sich im Kampf gegen den Widerstand als ineffektiv erwies und durch eine hohe Deserteursrate geschwächt war. Daher trat der afghanische Staat das Gewaltmonopol an lokal, tribal oder ethnisch organisierte Selbstverteidigungsfronten oder Milizen ab, die sich als weitaus effektiver erwiesen. Im Laufe des Krieges wurden einige Milizen sogar zu regulären Armeeeinheiten aufgewertet; so wurde etwa die berüchtigte Jauzjan-Miliz von Rashid Dostum zur 53. Infantrie-Division erhoben. Zudem kontrollierten diese Milizen auch verstärkt lokale Sicherheitseinheiten wie Polizei und Geheimdienst und übernahmen zivile Verwaltungsaufgaben.[4]

Doch auch die Mujahidin, welche 1992 in Kabul einmarschierten und der kommunistischen Herrschaft ein Ende bereiteten, waren nicht in der Lage, das staatliche Gewaltmonopol wiederherzustellen. Denn auch die Mujahidin-Parteien verfügten nur über geringen Einfluss auf ihre Kampfverbände, die in gleicher Weise wie die regierungsnahen Milizen eigenständig operierten, über eine hohe Autonomie verfügten und ihre Kampfkraft meistbietend verkauften. Ohnehin waren bereits in den 1980er Jahren pragmatische, kurzfristige Vorteile für die Allianzpolitik wichtiger als ideologische Nähe und Distanz. Kampfverbände und Milizen wechselten häufig je nach politischer Großwetterlage und finanziellen Anreizen die Seiten. Ihr wesentliches Ziel war es, den eigenen Solidarverband am besten gegenüber äußeren Eingriffen zu schützen.

Angesichts willkürlicher Gewalt und Enteignung gewannen lokale Solidarverbände als Schutzbündnisse für das alltägliche Überleben an Bedeutung. Gerade der Schutz der Frauen, dem in den patriarchalisch ausgerichteten afghanischen Gemeinschaften als Ausdruck der männlichen Ehre eine herausragende Bedeutung zukommt, diente häufig als wichtiges Argument für die Existenzberechtigung der Milizen.[5]

In den 1990er Jahren lösten diese lokal gebundenen Macht- und Gewaltstrukturen die staatliche Gewaltkontrolle vollkommen ab. Während es in einigen Regionen wie Nord- und Westafghanistan Rashid Dostum oder Ismail Khan noch vermochten, über eine Divide-et-impera-Politik verschiedene Kommandeure in eine persönliche Abhängigkeit zu bringen, konzentrierten sich in Regionen, in der eine segmentäre, tribale Gesellschaftsorganisation vorherrschte, wie in Süd- und Ostafghanistan, Gewaltstrukturen auf Dorf- oder Talschaftsebene. Das Fehlen von Staatlichkeit bedingte zudem, dass seit den späten 1980er Jahren Wirtschaftsweisen - z.B. Abholzung von Wäldern, Schmuggel, Menschenhandel -, die von dem Fehlen staatlicher Kontrolle profitierten, an Bedeutung gewannen. Vor allem stieg Afghanistan zum wichtigsten Opiumerzeuger auf. So werden seit Mitte der 1990er Jahre jährlich 75 bis 95 Prozent des globalen Rohopiums in Afghanistan produziert. Gerade in den Drogenhauptanbaugebieten wie in den Provinzen Hilmand, Nangarhar oder Badakhshan sind daher die Macht- und Gewaltstrukturen der äußerst lukrativen Drogenökonomie untergeordnet.[6]

Die Taliban, die 1996 die Macht über Kabul übernahmen, vermochten es - zumindest in der äußeren Darstellung der Bewegung - kurzzeitig, der lokalen Zersplitterung des Landes entgegenzuwirken. Jedoch wurde mit dem Zusammenbruch des Taliban-Regimes im Herbst 2001 die Fragmentierung Afghanistans erneut offensichtlich. Das Land zerfiel in eine Vielzahl räumlich kaum fixierbare Herrschaftsgebiete, die von unzähligen Kommandeuren, Drogenbaronen, Stämmen und religiösen Würdenträgern regiert wurden. Bis heute vermag es die afghanische Regierung kaum, ihre Kontrolle über Kabul und die Provinzstädte hinaus auszudehnen, weshalb Präsident Hamid Karzai von Spöttern als "Bürgermeister von Kabul" bezeichnet wird. Kaum gibt es eine staatliche Präsenz in Form von Polizisten oder Beamten in den ländlichen Distrikten, in denen das Gros der afghanischen Bevölkerung lebt.

So entziehen sich bis heute die ländlichen Regionen der staatlichen Kontrolle. Jedoch sind die lokalen Macht- und Gewaltstrukturen recht facettenreich und reichen von gelegentlichen Selbstverteidigungsfronten und Ordnungstrupps auf Dorf- oder Stammesebene bis hin zu hoch professionellen Milizen, Privatarmeen, Gangs, kriminellen Banden und militanten Oppositionsgruppen; Letztere werden in der Regel unter dem Begriff "Taliban" zusammengefasst. Im Folgenden soll anhand von drei Beispielen gezeigt werden, dass sich in verschiedenen Regionen Afghanistans ganz unterschiedliche Macht- und Gewaltstrukturen ausprägten.[7]


[1] Mark Sedra, Challenging the Warlord Culture, Security Sector Reform in Post-Taliban Afghanistan, Bonn International Center for Conversion (BICC Paper 25), 2002, in: »www.bicc.de« (17. 8. 2007); Conrad Schetter, Kriegsfürstentum und Bürgerkriegsökonomien in Afghanistan. Köln (Arbeitspapiere zur Internationalen Politik und Außenpolitik 4), 2004, in: »www.politik.uni-koeln.de« (17. 8. 2007).
[2] Vgl. Barnett Rubin, Political Elites in Afghanistan: Rentier State Building, Rentier State Wrecking, in: International Journal of Middle Eastern Studies, 27 (1992), S. 77 - 99; Andreas Wimmer/Conrad Schetter, Putting State-formation First: Some Recommendations for Reconstruction and Peace-Making in Afghanistan, in: Journal for International Development, 15 (2003), S 525 - 539.
[3] Vgl. Jan-Heeren Grevemeyer, Afghanistan. Sozialer Wandel und Staat im 20. Jahrhundert, Berlin 1990.
[4] Vgl. Antonio Giustozzi, War, Politics, and Society in Afghanistan 1978 - 1992, London 2000.
[5] Vgl. Barnett Rubin, The Fragmentation of Afghanistan, New Haven 1995.
[6] Vgl. ders., The Political Economy of War and Peace in Afghanistan, in: World Development, 28 (2000) 10, S. 1789 - 1803; Conrad Schetter, The "Bazaar Economy" of Afghanistan, in: Christine Noelle-Karimi/Conrad Schetter/Reinhard Schlagintweit (Hrsg.), Afghanistan - A Country Without a State?, Frankfurt/M. 2002, S. 109 - 127.
[7] Eine ausführliche Darstellung der Beispiele findet sich in: Conrad Schetter/Rainer Glassner/Masood Karokhail, Beyond Warlordism. The Local Security Architecture in Afghanistan, in: Internationale Politik und Gesellschaft, (2007) 2, S. 136 - 152.



 

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