
 |
Dossier Fußball-WM 2006
 |
 |

Niederlande |
|
| Christian Eichler |
Die Niederlande haben im Fußball die überraschendste Erfolgsgeschichte. Rund ein Jahrhundert lang spielten international praktisch keine Rolle. Bei Weltmeisterschaften waren sie nur zweimal, in den 30er Jahren, vertreten, und das, ohne ein einziges Spiel zu gewinnen. Noch 1963 scheiterten sie in der EM-Qualifikation an Luxemburg. Dann kam die WM 1974, und "Oranje" wurde vom Fußballzwerg zum Fußballriesen. Und blieb es bis heute.
|
 |
Zur Person |
 |
 |
 |
 |
Christian Eichler, Jahrgang 1959 in Wanne-Eickel, ist seit 1989 Mitglied der
Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Seit 2001 schreibt
er für die FAZ als internationaler Sportkorrespondent mit Sitz in Brüssel.
Er ist Autor des "Lexikons der Fußballmythen" . Im April 2006 erscheint sein neues Buch "Deutschland, deine Lieblingsgegner".
|
 |
 |
 |  | Dass die Mannschaft von 1974 so glänzend war und den Titel nur um ein Haar verpasste (so wie 1978 noch einmal), hat natürlich mit dem Jahrhundertspieler Johan Cruyff zu tun, mit großartigen Akteuren wie Neeskens, Krol, Rep, mit dem Trainerstrategen Rinus Michels. Aber das erklärt die nachhaltige Qualität des niederländischen Fußballs nicht völlig. Auch Ungarn hatte ein einmalig gutes Team, das gegen Deutschland ein WM-Finale verlor, obwohl es spielerisch besser war: 1954 in Bern. Während der ungarische Fußball sich davon nie erholte und in die Drittklassigkeit versank, blieb Hollands Fußball, auch wenn er da und dort mal grandios eine WM-Qualifikation verpasste, stets Weltklasse.
Fußball als Integrationsmodell
Die originellste Erklärung für dieses Erfolgsmodell ist eine geographische. Die flache holländische Landschaft, die offenen Horizonte, die saftigen Böden hätten demnach den Nährboden für guten, schnellen, geradlinigen Fußball gebildet, für die weiten Räume und fließenden Positionswechsel des "totaalvoetbal". Eine andere Theorie sieht den Fußball als erfolgreiches Teilbild der Integrationsbemühungen der niederländischen Gesellschaft. Die Nationalelf, in den 70er Jahren noch komplett aus Weißen bestehend, wurde später mehr und mehr von Spielern geprägt, deren Wurzeln in früheren holländischen Kolonien lagen, in Surinam, den Antillen oder dem heutigen Indonesien. So wurde Ruud Gullit Kapitän der Nationalelf, die 1988 den Europameistertitel gewann, und sein Mitspieler Frank Rijkaard zehn Jahre später der erste dunkelhäutige Nationaltrainer. Besonders die Fußballschule von Ajax Amsterdam, das mit Cruyff Anfang der 70er Jahre dreimal den Europapokal der Landesmeister gewann und den Erfolg 1995 mit einem jungen, farbigen Team wiederholte, gilt seit jeher als praktiziertes Integrationsmodell.
05. Dezember 2005 |
 |
1 / 5 |
 |
|
|

|

|