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Stammzellforschung

Klonen

Jens Clausen
Unter Klonen versteht man die künstliche Herstellung von genetisch identischen Organismen. Wie genau funktioniert das und welche ethischen Aspekte spielen in der Debatte ums Klonen eine Rolle?

Dolly
Klonschaf Dolly, geboren am 05.07.1996. Im Februar 2003 musste Dolly eingeschläfert werden. Foto: AP
Das wohl berühmteste Schaf der Wissenschaftsgeschichte wurde am 05. Juli 1996 geboren. Das Klonschaf "Dolly" hat durch seine bloße Existenz weltweit vehemente Reaktionen über die ethische Vertretbarkeit des Klonens ausgelöst, denn es war das erste geklonte Säugetier. Eine zuvor im naturwissenschaftlichen Sinne als unüberwindbar geltende Grenze war überschritten worden. Die Möglichkeit, Menschen zu klonen, schien in greifbare Nähe gerückt. Daher ging es bei den ethischen Reaktionen in erster Linie meist nicht um das Klonen von Schafen oder anderen Tieren, sondern es wurde eine Anwendung der Klontechnik beim Menschen diskutiert. Da es gegenwärtig nur sehr vereinzelte Daten zu Klonexperimenten mit menschlichen Zellen gibt, muss sich die ethische Bewertung des Klonens von Menschen allerdings auf die Extrapolation der Ergebnisse aus den Tierexperimenten stützen.

Naturwissenschaftliche Grundlagen

Was ist Klonen?

Unter Klonen versteht man die künstliche Herstellung von genetisch identischen Organismen. Jeder einzelne dieser Organismen wird als Klon bezeichnet. In Pflanzenzüchtung und Gärtnerei nutzt man die teilweise natürlich vorhandene Fähigkeit zu ungeschlechtlicher Fortpflanzung. Es ist weit verbreitet, Pflanzen mit definierten Eigenschaften auf ungeschlechtlichem Wege zu vermehren, um diese Eigenschaften auch in der nachfolgenden Generation zu erhalten (z.B. Kartoffeln oder Erdbeeren). Bei Säugetieren ist die ungeschlechtliche Fortpflanzung auf natürlichem Wege allerdings nicht möglich. Um ein Säugetier zu erzeugen, das mit einem anderen bereits geborenen Individuum genetisch identisch ist, braucht es ein aufwendiges biotechnologisches Verfahren.


Quellentext
Dr. rer. nat. Jens Clausen
Studium der Biologie und Philosophie an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 2004 Promotion an der Fakultät für Biologie, Tübingen mit der von 2000-2002 von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt durch ein Stipendium geförderten Arbeit "Biotechnische Innovationen verantworten: Das Beispiel Human-Klonierung". Er ist Mitarbeiter am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin in Tübingen.

Methode

Die Methode zum Klonen von bereits geborenen Säugetieren heißt "Kerntransfer". Dabei wird der Zellkern einer einzigen Körperzelle des zu klonenden Organismus’ in eine "entkernte" Eizelle transferiert. Im Zellkern befindet sich nahezu das komplette Genom der Zelle (Ausnahme: einige wenige Gene in den Mitochondrien, das sind Zellorganellen für den Energiestoffwechsel -> "Kraftwerke der Zelle"). Da von wenigen Ausnahmen abgesehen jede Zelle einen vollständigen (diploiden: jedes Chromosom ist zweimal vorhanden) Chromosomensatz und damit das komplette Genom eine Organismus enthält, ist es überhaupt möglich, aus einer einzelnen Köperzelle einen neuen Organismus zu erzeugen. Der neue, geklonte Organismus benötigt wieder einen diploiden Chromosomensatz. Daher müssen vor dem Transfer des Zellkerns in die Eizelle die Chromosomen der Eizelle entfernt werden; sie werden einfach abgesaugt. In die so entkernte Eizelle wird dann der Zellkern der ursprünglichen Körperzelle transferiert. Nach dem Transfer folgt der für die Entwicklung des geklonten Organismus’ entscheidende Vorgang: Das transferierte Genom, das auf die Funktion der ursprünglichen Körperzelle spezialisiert war, muss in den embryonalen Zustand zurückversetzt werden. Diese Deprogrammierung ist ein hochkomplexer biochemischer Vorgang, der durch Eiweißmoleküle im Zellsaft der entkernten Eizelle gesteuert wird. Nach Abschluss dieser umfangreichen Veränderungen in der Programmierung des transferierten Chromosomensatzes kann dann die Embryonalentwicklung eines neuen, geklonten Organismus’ beginnen.

Ergebnisse

Die Geburt Dollys war eine Sensation, weil damit der Nachweis erbracht wurde, dass mit der Methode des Kerntransfers tatsächlich lebensfähige Klone von Säugetieren erzeugt werden können. Allerdings war die Effizienz dieses Versuch sehr gering: von 277 Versuchen gelang ein einziger. An dieser geringen Effizienz haben auch viele weitere Versuche mit unterschiedlichen Tierarten nichts Grundlegendes geändert. Nur etwa ein Prozent der Kerntransfers führt zur Geburt eines lebensfähigen Säugetiers. Etwa 70% der Kerntransferembryonen entwickeln sich gar nicht erst soweit, dass sie zum Austragen in die Gebärmutter eines anderen Tiers übertragen werden könnten. Von den in einen Uterus transferierten Klonembryonen entwickeln sich dann etwa 3% bis zur Geburt. Oftmals haben diese geklonten Tiere allerdings eine geringere Lebenserwartung als natürlich entstandene. Neben der hohen Anzahl von teilweise sehr späten Fehlgeburten ist als wichtiges Ergebnis der Tierexperimente zum Klonen durch Kerntransfer festzuhalten, dass viele der Tiere schwere organische Fehlbildungen aufweisen.

Zielsetzungen

Für den Einsatz der Klontechnik werden prinzipiell zwei unterschiedliche Ziele angegeben: (1) Das regenerative/therapeutische Klonen zielt in erster Linie auf die Etablierung von embryonalen Stammzelllinien ab, die genetisch identisch sind mit dem Ursprungsorganismus. Ziel ist es, diese Zellen in der regenerativen Medizin einzusetzen, um transplantierbare Zellen zu erzeugen, die keine Immunabwehr hervorrufen (zur ethischen Bewertung siehe Stammzellforschung). (2) Das Klonen zu Fortpflanzungszwecken mit dem Ziel, einen lebensfähigen geklonten Organismus auf die Welt zu bringen. Dabei müssen keine totalitaristischen Allmachtsphantasien im Hintergrund stehen, die dann zu ganzen Armeen von geklonten Soldaten, Diktatoren oder Supermodels führen könnten. Eine auf den ersten Blick viel harmlosere und vielleicht auch realistischere Zielsetzung wäre der Einsatz des Klonens als zusätzliche Option in der Reproduktionsmedizin, wenn die bisher etablierten Verfahren keinen Erfolg versprechen. Aber auch in diesem Kontext sind ethische Fragen zu stellen.

Ethische Argumentationen

Die Argumentationen zu den ethischen Aspekten des reproduktiven Klonens beziehen sich in der Regel auf eines von zwei unterschiedlichen Szenarien. Das erste Szenario ist die gegenwärtige Realität. Die generelle ethische Frage lautet dann: Ist das Klonen von Menschen auf der Grundlage der Erkenntnisse über das Verfahren und die bisher vorliegenden Ergebnisse ethisch vertretbar? Diese Frage wird nahezu einhellig – unabhängig von politischer Überzeugung, philosophischer Tradition, Religionszugehörigkeit oder Nationalität – verneint. Vor dem Hintergrund der zu erwartenden Fehlbildungen wird das Klonen von Menschen mittels Kerntransfer als ethisch nicht vertretbar eingestuft, weil es die Klone unzumutbaren gesundheitlichen Risiken aussetzen würde.

Das zweite Szenario geht von der Voraussetzung aus, dass die Methode des Kerntransfers genauso sicher wäre wie bereits etablierte Formen der menschlichen Fortpflanzung. Dann lautet die Frage: Gibt es jenseits von Sicherheitsüberlegungen grundsätzliche ethische Argumente, die gegen das Klonen sprechen? Die in diesem Kontext vorgebrachten Argumente werden in der ethischen Diskussion sehr kontrovers diskutiert. Es sind die Argumentationen, das Klonen würde a) gegen die Menschenwürde verstoßen, b) Identität und Individualität des Klons gefährden und c) unzumutbare psychosoziale Folgen für den Klon haben.

a) Menschenwürde

Eines der am häufigsten vorgebrachten Argumente gegen das Klonen ist, Menschen zu klonen verstoße gegen die Menschenwürde. Meist wird dann ein Horrorszenario entworfen, in dem geklonte Menschen unter unwürdigen Bedingungen wie Tiere gehalten werden, deren einziger Zweck es ist, im Bedarfsfall als genetisch identischer Organspender für das ursprüngliche Original zu dienen. Ein solches Vorgehen wäre zweifellos eine eklatante Menschenwürdeverletzung. Kritiker an diesem Argument weisen allerdings darauf hin, dass die Würdeverletzung in der Einkerkerung und der Instrumentalisierung als Organersatzteillager besteht, unabhängig von der Entstehungsart – geklont oder natürlich gezeugt.

b) Identität

Klonkritiker sehen beim Klonen die individuelle Einzigartigkeit des geklonten Menschen als gefährdet an, weil dieser ja genetisch identisch ist mit dem Menschen, von dem die transferierte Zelle stammte. Dagegen wird eingewandt, dass die genetische Ausstattung zwar eine wesentliche biologische Grundlage für den Menschen darstellt. Obwohl das so ist, sind Menschen, die genetisch identisch sind, allerdings jeweils eigenständige Personen. Bei eineiigen Zwillingen hat jeder einzelne Zwilling eine eigene Persönlichkeit. Daher sei nicht davon auszugehen, dass dies bei geklonten Menschen anders wäre.

c) Psychosoziale Auswirkungen

Eine etwas vorsichtigere Contraargumentation gesteht zwar auch einem Klon seine Einzigartigkeit zu, sieht das ethische Problem aber darin, dass der Klon sein Leben im Schatten des Originals zu führen hätte und/oder einem besonders hohen Erwartungs- und Leistungsdruck von Seiten der Eltern ausgesetzt wäre. Dies würde den Klon in seinem Recht, sein eigenes Leben zu führen, unzumutbar einschränken. Allerdings wird dieser Argumentation entgegengehalten, das Recht, sein eigenes Leben zu führen, könne nicht dadurch eingeschränkt werden, dass schon einmal jemand mit derselben genetischen Ausstattung gelebt habe. Das Recht, eigene Entscheidungen zu treffen, besteht unabhängig von der genetischen Ausstattung und würde selbstverständlich auch für Klone gelten.

Aus der philosophischen Kritik an den genannten grundsätzlichen Argumenten gegen das Klonen kann allerdings nicht geschlossen werden, dass Klonen eigentlich gar kein ethisches Problem darstellt. Denn um das Klonen zu einer für Menschen sicheren Methode machen zu können, müssten Experimente mit menschlichen Zellen gemacht werden, noch bevor klar ist, wie groß die gesundheitlichen Gefahren für Menschen eigentlich wären.


27. November 2008


 
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