Dossierbild Afrikanische Diaspora
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Die Rehabilitierung "Schwarz-Afrikas" in der schönen Literatur

1960-2000


10.8.2004
Belletristische Produktionen von deutschen Autoren bleiben oft tradierten Klischees eines romantisierenden, geheimnisvollen Afrikas verhaftet. Verhindern diese Erkenntnisse eine Partnerschaft zwischen der "Ersten" und der "Dritten Welt", die auf gegenseitiger Achtung beruht?

Einblick



Der folgende Beitrag ist eine Kurzfassung meiner Dissertation mit dem Titel "Die Rehabilitierung 'Schwarz-Afrikas' in der schönen Literatur deutscher Autoren von 1960 bis ins Jahr 2000 – dargestellt vor dem Hintergrund des postkolonialen Diskurses". Die Arbeit wurde im Rahmen eines Kooperationsverfahrens ("Cotutelle de Thèse") zwischen der Freien Universität Berlin und Paris IV-Sorbonne (Frankreich) konzipiert. Die Disputation erfolgte am 16. April 2003 an der Freien Universität Berlin. Die Untersuchung wird im Peter Lang-Verlag veröffentlicht.

Die Schauspielerinnen Katja Flint, Hauptdarstellerin Nina Hoss, Hauptdarsteller Jacky Ido und die Bestsellerautorin Corinne Hofmann, von links, lachen am Donnerstag, 8. September 2005, im MAXX Kino in München bei der Premiere des Films "Die weiße Massai" in die Kameras. Der Film basiert auf einer wahren Geschichte, die von der Autorin Hofmann in einem Bestsellerroman erzählt wurde.Die Darstellerinnen Katja Flint und Nina Hoss mit Hauptdarsteller Jacky Ido und Autorin Corinne Hofmann (von links) bei der Premiere des Films "Die weiße Massai". (© ddp/AP)
Es ist oft erwähnt worden: In westlichen Medien kommt Afrika äußerst negativ vor. Neben den Medien tragen auch Kinder- und Jugendliteratur und Schulbücher zur Verbreitung dieses einseitigen negativen Bildes Afrikas bei. Auch die Trivialliteratur bleibt den gängigen Medienberichten, also den tradierten Klischees eines romantisierenden, geheimnisvollen und krisenhaften Afrikas (z.B. "Die weiße Massai", Corinne Hoffman, 1999; "Die Weiße Hexe", Ilona Maria Hilliges, 2000) verhaftet.

Ein besonderes Gewicht erhält aber Afrika in politischen Werken, die seit den 1960er Jahren z.T. im Geiste der Studentenbewegung entstanden sind. Diese kritische Afrika-Literatur, die bisher kaum erforscht wurde, vermittelt ausgewogene Informationen über Afrika und dessen Bewohner. Sie zeugt von einem Bewusstseinswandel bzw. von einem Wachsen des politischen Bewusstseins gegenüber der "Dritten Welt" im Allgemeinen und "Schwarz-Afrika" im Besonderen. Sie dient der deutsch-afrikanischen Verständigung und bedarf daher einer Untersuchung. Welches sind die repräsentativen Werke dieser Literatur? Welche Themen bilden die Höhepunkte der untersuchten Medien?

Aufdeckung des Kolonialismus und des Neokolonialismus



Das wachsende politische Bewusstsein des Westens gegenüber der "Dritten Welt" in den 1960er Jahren wurde tatsächlich durch die unterschiedlichen Emanzipationsbewegungen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu Beginn und durch die Studentenbewegung am Ende der 60er Jahre beflügelt.

Die linke bzw. neomarxistische Denktradition, der diese Bewegung verhaftet bleibt, schlägt sich in der literarischen Aufarbeitung des Ereignisses etwa bei Uwe Timm in "Heißer Sommer" (1974) nieder. Wie beispielsweise Machtgefälle und Interdependenzen zwischen der "Ersten" und der "Dritten Welt" in diesem Zusammenhang verstanden werden, erfährt man von der Hauptfigur in "Heißer Sommer", dem Studentenführer Ullrich: "Dass es uns hier so gut geht, das liegt daran, dass es den unterentwickelten Ländern so dreckig geht."[1]

Peter Weiss und Uwe Timm haben jeweils in "Morenga" (1978)[2] und in "Gesang vom Lusitanischen Popanz" (1967)[3] eine scharfe kritische Stellungnahme zum kolonialen Vorgang bezogen. Timm setzt sich mit der deutschen Kolonisation in Südwestafrika, dem heutigen Namibia, auseinander, Weiss mit der portugiesischen in Angola und Mosambik. Am Beispiel der folgenden Beschreibung der strategischen Planungen von Oberst Deimling macht Timm keinen Hehl daraus, die "Tabula rasa"-Politik der deutschen Kolonialbehörden in Erinnerung zu rufen:
    "Er wollte nicht einfach die eingeschlossenen Orte freikämpfen, er wollte die Witbois in einer Kesselschlacht vernichten. Aus dem Sprachgebrauch Deimlings, Gefechte und Schlachten betreffend: zerschlagen, zerschmeißen, zerschmissen. Oberst Deimlings Plan: Die Witbois zerschmeißen. Dann in den Süden marschieren und Morenga mit seinen Leuten ebenfalls zerschmeißen."[4]
Eine ähnliche Aufdeckung der Kolonisation wird von Weiß unternommen, wenn er wie folgt auf den Popanz mit den Fingern zeigt: "[...] Alle werden ihn erkennen und beim rechten Namen nennen".[5] Der Autor ergreift Partei für die Kolonisierten – "Ich identifiziere mich ganz einfach mit den Unterdrückten dieser Welt", die er in einer metaphorischen Ausdrucksweise zum Aufruhr aufruft: "Reißt die Erde auf, wühlt sie auf, werft sie auf".[6] Weiss ist in die Durchsuchung des Kolonialismus so tief eingedrungen, dass er neokoloniale Abhängigkeiten erkennt, vor denen er in indirekter Anrede gnadenlos warnt: "Und auch wenn es jetzt heißt, er sei tot ["er" steht für den Popanz] / er, der uns so lange im eigenen Lande bedroht / so ist sein Gefolge doch immer noch da".[7]

Stephen Bantu BikoStephen Bantu Biko (© www.sahistory.org.za)

Die Apartheid-Diktatur am Pranger



Eine bittere Abrechnung mit dem Vorgang der Apartheid, einer damals in Südafrika vorherrschenden besonderen Form des Kolonialismus, wurde von Thomas in einem Entwicklungsroman mit dem Titel "Es ist mir leid um dich mein Bruder Jonathan"[8] erprobt. Hinter der Figur des Titelhelden (Jonathan Mageba) steht Stephen Bantu Biko, genannt "Steve Biko".[9] Mittels einer Palette von Dokumenten vermittelt Ross die diversen Facetten der Apartheid in aller Gründlichkeit. Die kärgliche Wohnungslandschaft der "Schwarzen" verschafft einen deutlichen Eindruck des schrecklichen Bildes des Systems.

Infolge der "Großen Apartheid" bzw. der Siedlungspolitik durften "schwarze" Menschen nur zusammengepfercht in überfüllten Ghettos, den so genannten "Townships" leben, wo sie in unvorstellbar schlechten Wohnverhältnissen ihr Dasein fristen mussten:
    "Schwarze Siedlungen, rote Erde, Baracken aus Ziegeln, Dreck, Schlamm, spielende Kinder, ein Gewimmel von Kindern, Kinder, die aus Abfällen leere Konservendosen angeln und auslecken, knochendürre Hunde, kein Wasser, kein Strom für die Baracken. Schwitzende schwarze Männer. Hitze. Bedrängte Ausfallstraßen. Roodepoort, Krugersdorp. Massen von Schwarzen vor den Fabriktoren, Schichtwechsel, Menschenschlangen, die auf den Abtransport mit Lastwagen warten."[10]
Der Titel des Romans von Ross – "Es ist mir leid um dich mein Bruder Jonathan" – weist offensichtlich auf sein Mitgefühl mit dem Schicksal der Afrikaner hin. Ob aber eine solche Betroffenheitsliteratur nicht von einem gewissen verzweifelten, machtlosen Aufschrei des Schriftstellers in unserer Gesellschaft zeugt, sollte hinterfragt werden.


Fußnoten

1.
Uwe Timm: Heißer Sommer, Köln 1998, S. 60.
2.
Ders.: Morenga. 6. Aufl., Köln 1978. Die folgenden Zitate beziehen sich auf diese Ausgabe und werden in runden Klammern angegeben.
3.
Peter Weiss: Gesang vom Lusitanischen Popanz und andere Stücke, Frankfurt/M. 1967.
4.
Timm: Morenga, S. 33
5.
Weiss: Gesang vom Lusitanischen Popanz, S. 12.
6.
Timm: Morenga, S. 22.
7.
Ebd., S. 71.
8.
Thomas Ross: Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan, Hamburg 1979. Weitere Zitate werden in runden Klammern wiedergegeben.
9.
Steve Biko, am 18. Dezember 1946 in einer anglikanischen Familie von King William's Town geboren, war ein radikaler schwarzer Nationalistenführer. Er zeichnete sich damals durch seinen entschlossenen Kampf gegen die Rassendiktatur in Südafrika aus. Am 11. September 1977 wurde Biko nach Pretoria in ein Gefängnis gebracht, wo er in Polizeigewahrsam verstarb. Die Polizei wies zunächst die Beschuldigung von sich, ihn tödlich misshandelt zu haben, und verteidigte die These, dass Biko am Hungerstreik gestorben sei. Später bewahrheitete sich die erste These.
10.
Ross: Es tut mir leid um dich, S. 257.

 

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