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Die Frau, die Mut zeigt

Der Verein ADEFRA e.V. – Schwarze Frauen in Deutschland


10.8.2004
Eines der wesentlichen Ziele von ADEFRA ist Empowerment, also das Selbstbewusstsein, die Selbstbestimmung und die Selbstorganisation Schwarzer Frauen zu stärken. Der Verein kümmert sich vorrangig um internationalen Austausch, Bildung, Beratung und Unterstützung zu gesellschaftlich relevanten Themenbereichen.

Gründung des Vereins ADEFRA



Die Interessensgemeinschaft ADEFRA, deren Name ursprünglich die Abkürzung für AfroDEutsche FRAuen war, wurde Mitte der 1980er Jahre gegründet und ist seit 1994 ein bundesweiter, gemeinnütziger Verein. ADEFRA ist ein Forum, in dem sich Schwarze Frauen und Women of Color mit ihren Belangen auseinander setzen und in dem zugleich ihre Vielfalt repräsentiert ist. Alle verbindet auf die eine oder andere Weise – unabhängig von Weltanschauung, Glauben, Nationalität, Beruf und Sozialisation – die Erfahrung, Schwarz und eine Frau zu sein.

"Erhebt euch und schweigt nicht mehr" schrieb die afro-amerikanische Dichterin Audre Lorde 1986 in ihrem Vorwort zu dem Buch "Farbe bekennen" an ihre afro-deutschen Schwestern. Ihrer Aufforderung sind damals einige gefolgt. Viele Schwarze Frauen in der damaligen BRD fühlten sich angesprochen von dieser starken, begabten, kämpferischen Frau, die ihre Liebe zu Frauen auch in ihren Texten niemals verbarg.

So brachen Schwarze Frauen ab Mitte der 1980er Jahre auf, trafen sich, trauten sich länger hinzuschauen und einander zu erkennen. Erstes Ergebnis dieses Aufbruchs war die Gründung von ADEFRA, einer Gruppe, in der zunächst afro-deutsche Frauen, später Schwarze Frauen unterschiedlichster Herkunft zusammenfanden. Als Ausdruck der Entwicklung und wachsenden Vielfalt wurde der Name der Gruppe erweitert. Im Amharischen, einer äthiopischen Sprache, bedeutet ADEFRA: Die Frau, die Mut zeigt.

Die ersten bundesweiten ADEFRA-Treffen in München und Berlin bedeuteten Begegnung und Austausch. Angesichts der in der Dominanzkultur vorherrschenden rassistischen Strukturen sehnten sich viele Schwarze Frauen nach Räumen, wo ihnen diese nicht begegneten. Einen solchen Frei- und Schutzraum bot ADEFRA.

ADEFRA war einer der ersten Zusammenschlüsse von Schwarzen Deutschen. Etwa zur selben Zeit entstand auch die aus Männern und Frauen bestehende Initiative "Schwarze Deutsche", aber festzuhalten ist, dass es Frauen und insbesondere Lesben waren, die die Schwarze Bewegung in Deutschland in Gang brachten. Die Gründerinnen von ADEFRA einte die Überzeugung, dass Schwarzen Frauen ein eigener Raum zusteht, weil sie durch das Zusammenwirken von Rassismus und Sexismus in dieser Gesellschaft doppelt benachteiligt sind.

Heraus aus der Isolation



Das Zusammenkommen bei ADEFRA bedeutete für Schwarze Frauen in Deutschland ein Heraustreten aus der Isolation. Die meisten waren während ihrer gesamten Kindheit und auch später als Erwachsene immer die einzigen Schwarzen in einem weißen Umfeld gewesen – in ihren Familien, in der Schule und später im beruflichen Setting. Besonders afro-deutsche Frauen bi-nationaler Herkunft, die meist bei ihren weißen deutschen Müttern aufgewachsen waren, hatten sich lange gar nicht als Schwarze identifizieren können. So erlebten sie das Sich-Beziehen auf andere Schwarze Frauen wie eine Art Coming out.

Ria Cheatom, eine der Gründerinnen von ADEFRA formulierte es in einem Interview so:
    "Ich habe mein Black Coming out unglaublich stark erlebt (...). Es hat mich verletzbarer, aber gleichzeitig stärker und kämpferischer gemacht. Als ich zum ersten Mal Kontakt mit mehreren schwarzen Menschen hatte, hat das total mein Leben verändert. Zum ersten Mal konnte ich für Stunden durchatmen. Zum ersten Mal war da die Möglichkeit, uns selber zu sehen."

Die Arbeitsebenen



ADEFRA arbeitete von Anfang an auf mehreren Ebenen. Eines der wesentlichen Ziele des Vereins war und ist Empowerment, d.h., das Selbstbewusstsein, die Selbstbestimmung und die Selbstorganisation Schwarzer Frauen zu stärken und zu unterstützen. Dafür war es wichtig, sich regelmäßig und in unterschiedlicher Zusammensetzung zu treffen. Bis 1994 organisierte ADEFRA deshalb jährlich Bundestreffen Schwarzer Frauen, bei denen zunächst Identitätsfindung und die Entdeckung der eigenen Geschichte im Mittelpunkt standen. Das eingangs erwähnte Buch "Farbe bekennen" lieferte hierzu wichtige Anstöße. Das Werk basierte auf der Diplomarbeit der afro-deutschen Pädagogin und Autorin May Ayim und dokumentierte erstmals die historische Kontinuität Schwarzer Menschen in Deutschland von der Kolonialzeit bis in die westdeutsche Gegenwart der 1980er Jahre.

Auf einer anderen Ebene setzte sich ADEFRA für gesellschaftliche Veränderung ein. Besonders durch Anti-Rassismus- und Aufklärungsarbeit, aber auch durch die Bildung von Bündnissen mit weißen Frauengruppen trugen engagierte Schwarze Frauen zu einer gewissen Bewusstseinsveränderung bei. Die Auseinandersetzungen mit weißen Feministinnen über Rassismus führten in späteren Jahren aber dazu, dass man sich wieder stärker voneinander entfernte. Über die Jahre entwickelte sich unter den ADEFRA-Mitfrauen so etwas wie ein Expertinnen-Pool, auf den sowohl die Schwarze Community als auch weiße deutsche Organisationen und Institutionen immer wieder zurückgreifen: Von Historikerinnen über Literaturwissenschaftlerinnen, Fachfrauen in Gesundheitsberufen, (Sozial-)Pädagoginnen, Künstlerinnen bis zu Medienarbeiterinnen ist alles vertreten.



 

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