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Politik im Radio am Beispiel von Antenne Bayern

Mit Infotainment gegen Politikverdrossenheit


Interview mit Hans Oberberger, Politikredaktion bei Antenne Bayern

(26.04.2010/is) - Antenne Bayern hat es geschafft. Zum wiederholten Male ist der Sender vor den Toren Münchens Deutschlands meistgehörtes Privatradio.

Valerie Weber
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Valerie Weber
Valerie Weber, seit 6 Jahren Programmdirektorin und mittlerweile auch Geschäftsführerin von Antenne Bayern, ärgert sich trotzdem immer wieder darüber, diese Spitzenquoten regelmäßig rechtfertigen zu müssen. Beispielsweise, wenn Kritiker bemängeln, der Erfolg sei nur den attraktiven Gewinnspielen geschuldet. Ärgerlich sei das, meint die 44-jährige Programmchefin: "In den letzten Jahren haben wir unser Informationsangebot kontinuierlich ausgebaut. Wir haben einfach das beste Näschen für die Themen, die die Menschen bewegen und berühren."

Fakt ist, der reichweitenstärkste Radiosender der Republik setzt ganz auf Unterhaltung. Wo immer möglich werden Themen bei Antenne Bayern emotionalisiert, auf persönliche Schicksale herunter gebrochen oder wandern ganz in die Comedyschiene. Für seine flapsigen Sprüche wird der langjährige Morgenmoderator Wolfgang Leikermoser vom Publikum geliebt: "Doppelsieg für Ferrari! Zwei Rote auf dem Siegertreppchen - davon träumt die SPD."

Das heißt aber nicht, dass "harte" Themen bei dem Sender keine Rolle spielten. Hoerfunker.de schaut deshalb hinter die Kulissen der Redaktion und hat sich mit Hans Oberberger unterhalten, Leiter der Redaktion Politik und Wirtschaft bei Antenne Bayern.

Interview mit Hans Oberberger, Leiter der Redaktion Politik/Wirtschaft bei Antenne Bayern

Erschreckend niedrige Wahlbeteiligungen, sinkende Mitgliederzahlen bei den Parteien, miserable Vertrauenswerte für Politiker - die Parteiendemokratie in Deutschland steckt in der Krise. Radio kann hier als Vermittler gegensteuern; und zwar nicht nur die ohnehin politiklastigen Wort- und Infowellen, sondern gerade auch die unterhaltungsorientierten Formatradios. Denn sie erreichen Hörer, die der Politik ansonsten den Rücken gekehrt haben. So zumindest sieht das Hans Oberberger aus der Antenne Bayern Redaktion.

Zur Person
Hans Oberberger, geboren 1968 in München, hat ein klassisches Hörfunkvolontariat bei Radio Charivari in Rosenheim absolviert und an den Universitäten Hamburg und München Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Kommunikationswissenschaften studiert. Bevor er 2000 bei Antenne Bayern zunächst als Redakteur, später als Leiter der Politik- und Wirtschaftsredaktion anfing, arbeitete Oberberger u.a. für die Nachrichtenagenturen dpa und ddp sowie für diverse Hörfunkstationen und Tageszeitungen als freier Mitarbeiter. Unter www.politiklust.de betreibt er ein eigenes Blog, in dem er Thesen "gegen die Politikverdrossenheit" aufstellt.

Hoerfunker: Herr Oberberger, es überrascht zu hören, dass Antenne Bayern, erklärtermaßen ein Unterhaltungsprogramm, sich eine Redaktion für Politik und Wirtschaft leistet. Beides gilt doch gemeinhin als "Quotenkiller"?

Oberberger: Das heißt aber nicht automatisch, dass Politik bei uns keine Rolle spielt. Nur wenige Ausgaben der stündlichen, in den wichtigsten Sendungen sogar halbstündlichen Nachrichten, kommen ohne Politik aus. Und auch auf den Magazinplätzen dazwischen finden sich regelmäßig Politikthemen, vom Konjunkturpaket der Bundesregierung bis zum politischen Aschermittwoch; beides Themen, die sogar ausführlich in der schnell getakteten Morningshow von Antenne Bayern Platz fanden.

Hoerfunker: Wie viele Redakteure arbeiten in der Redaktion Politik/Wirtschaft?

Oberberger: Wir haben rund 25 Redakteure, aber keine festen Ressorteinteilungen. Ich koordiniere den Bereich Politik/Wirtschaft inhaltlich. Bei Bedarf bekomme ich Schützenhilfe aus der Redaktion. Ich bin auch Mitglied der Landtagspresse und regelmäßig dort. Außerdem pflegen wir Kontakte nach Berlin und Brüssel.

Hoerfunker: Wie viele Sendeminuten stehen Ihnen täglich für die Bereiche Politik und Wirtschaft zur Verfügung?

Oberberger: Wir haben überhaupt keine "festen" Plätze für bestimmte Themen. Das alte Rubrikwesen haben wir - mit wenigen Ausnahmen - schon vor Jahren abgeschafft. Rubriken wollen gefüllt werden, auch wenn das Thema an dem Tag nichts Interessantes hergibt. Politikthemen konkurrieren deshalb täglich mit allen anderen um die Nachrichten- und Magazinplätze. Anders als andere AC-Formatradios hat die Antenne aber noch zahlreiche redaktionelle Sendeflächen, von knappen, dafür viertelstündlichen Morningshow-Plätzen bis zur einstündigen Talksendung jeden Samstag, die potenziell auch für Politikthemen zur Verfügung stehen. Der Umfang der Berichterstattung dürfte jedoch viele öffentlich-rechtliche Programmmacher beim genaueren Hinsehen überraschen. So tauchten beispielsweise die Beschlüsse zum Konjunkturpaket II bei Antenne Bayern zwischen 5 Uhr und 9 Uhr viertelstündlich im Programm auf - in den Nachrichten, dazwischen aber auch in jeweils etwa einminütigen Erläuterungen und Einschätzungen. Zusammengerechnet kommt man auf eine Nettoberichterstattung in der Primetime von rund einer Viertelstunde, verteilt auf 17 Sendeplätze.

Hoerfunker.de: Also versteht sich Antenne Bayern auch als Bildungskanal?

Oberberger: Natürlich macht das aus einem unterhaltungsorientierten Formatradio noch keinen Bildungskanal. Aber es birgt Chancen. Denn die Unterhaltungssender erreichen ein sonst eher politikfernes Publikum. Viele davon lesen keine Zeitung, beziehen auch ihre politischen Informationen also ausschließlich aus elektronischen Medien. Bei Jugendlichen, die kaum noch Printpublikationen lesen und ebenfalls nur schwer für Politikthemen zu begeistern sind, wird Radio häufig als Komplementärmedium zum Internet genutzt. Die Herausforderung liegt darin, diesen Hörern Themen zu vermitteln, die sie sonst meiden. Antenne Bayern versucht das durch spezielle Info-Formate. So gibt es in den Nachrichten das sogenannte "Lexikon". Damit werden in 30 Sekunden Begriffe erklärt wie "Überhangmandat" oder "Länderfinanzausgleich". Im Magazin gibt es für etwas ausführlichere Erläuterungen die Rubrik "Wissen in 60 Sekunden". Der Sender versucht darin in unterhaltsam verpackter Weise Zusammenhänge aufzuzeigen, statt nur Ereignisse darzustellen. Alternativ kann es natürlich auch ganz klassisch ein (Telefon-) Interview, ein Kollegengespräch oder - in seltenen Fällen - auch mal ein gebauter Beitrag sein.

Hoerfunker.de: Worin liegt bei Antenne Bayern die Motivation, Hörern Themen zu vermitteln, die ihnen sonst eher fremd oder lästig sind?

Oberberger: Wir wollen, dass unsere Hörer mitreden können. Viele Informationsmedien informieren an den Menschen vorbei. Außerdem profitieren auch wir von einer wohl dosierten und sprachlich verständlichen Politikberichterstattung durch ein hohes Informations-Image. So punktet Antenne Bayern laut Funkanalyse Bayern 2009 nicht nur in den meisten Unterhaltungswerten. Auch bei der Nachrichten-Frage: "Welche Sender bringen Wichtiges aus Deutschland und der Welt?" haben wir uns damit vor die öffentlich-rechtlichen Mitbewerber Bayern 1 und Bayern 3 platziert.

Hoerfunker: Und sie haben keine Bauchschmerzen dabei, als studierter Politologe harte Fakten in Infotainment-Häppchen zu verteilen?

Oberberger: Die oft kritisierte Form des Infotainment funktioniert, das hat erst kürzlich das Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilian Universität München in einer Untersuchung belegt: "Unterhaltende Politikvermittlung bietet vor allem für junge Menschen neue (ergänzende) Möglichkeiten der politischen Bildungsarbeit", stellen die Forscher fest.
Um das richtig zu fassen: In Infotainment verpackte Politikberichterstattung unterhaltungsorientierter Sender kann nicht die umfassende und nüchterne Berichterstattung anderer Medien ersetzen. Die ist für eine funktionierende Demokratie unabdingbar. Aber die Unterhaltungssender bieten für die politische Kommunikation Chancen, die gerade vor dem Hintergrund der immer weiter zunehmenden Parteien- und Politikverdrossenheit meiner Ansicht nach noch zu wenig beachtet werden.

Das Interview mit Hans Oberberger führte Inge Seibel-Müller. Beachten Sie bitte auch den Audiotipp von den Münchener Medientagen 2009: "Wie Unterhaltung informieren kann."


 
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Redaktion
Antenne Bayern
Erfolg ist messbar
Erfolg ist messbar
Das gilt auch für Deutschlands Radiosender, deren Reichweitendaten zweimal jährlich veröffentlicht werden. Antenne Bayern hat sich in der jüngsten Media-Analyse wieder die Poleposition gesichert: 1,211 Millionen Hörer in der Durchschnittsstunde (Mo.-Sa.), über 3,8 Millionen Hörer am Tag (Tagesreichweite Mo.-Fr.) laut der jüngsten ma 2010 Radio/I machen den Privatsender mit Sitz in Ismaning bei München zum wiederholten Mal zum meistgehörten Radiosender Deutschlands.
Erfolg ist messbar
Audio-Tipp
Wie Unterhaltung informieren kann
Wie Unterhaltung informieren kann
Wie bringt man Informationen besser an die Rezipienten? Durch sachliche Nachrichtensendungen oder durch Unterhaltungsformate? Antworten auf diese Fragen gaben im Rahmen der MEDIENTAGE MÜNCHEN im Oktober 2009 Medienforscher der Ludwig-Maximilians-Universität München. In einer Studie stellten die Forscher fest: "Unterhaltende Politikvermittlung wirkt. Die Wirkung ist umso größer, je geringer das Vorwissen des Rezipienten ist." Vor allem das jüngere Publikum lasse sich auf diesem Weg erreichen. Informieren durch Unterhaltung sei ein Forschungsfeld, das in den kommenden Jahren noch viel mehr untersucht werden müsse. Von der Veranstaltung der Medientage 2009 gibt es einen rund 90minütigen Audiomitschnitt.
Wie Unterhaltung informieren kann
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Was sind die Grundsätze unserer Verfassung? Welche Aufgaben hat der Bundestag? Und wie entsteht ein Gesetz? 24 Infografiken geben einen Überblick und zeigen, wie die deutsche Demokratie funktioniert.
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