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Dossier Geschichte und Erinnerung
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Holocaust-Erziehung |
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| Juliane Wetzel |
In den 1970er Jahren setzte eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust ein. Heute wächst bei Schülern, aber auch bei Lehrern das Gefühl, dass die Präsenz des Themas in den Medien ausreichend Informationen bietet. Ist das wirklich so? Wie sollen Schulen reagieren und welche pädagogischen Konzepte sind zeitgemäß?
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| In den Jahren 1943 bis 1945 starben im KZ-Komplex Mittelbau-Dora mehr als 20.000 Menschen.
65 Jahre nach der Lagergründung erinnert die KZ-Gedenkstätte mit zwei Ausstellungen an das Lager und seine Opfer. Foto: KZ Mittelbau Dora. Claus Bach, 2008 |
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 |  | "Holocaust-Education"
Die Ausstrahlung der vierteiligen amerikanischen Fernsehserie "Holocaust" Ende der 1970er Jahre hat trotz ihrer fiktiven Geschichte, die manche als Seifenoper bezeichneten, nicht nur in Deutschland zur Einführung des Begriffs "Holocaust" für die nationalsozialistische Vernichtung der Juden geführt, sondern auch eine breite öffentliche Auseinandersetzung mit dem Mord an den europäischen Juden angestoßen.
In den 1980er Jahren wurde in vielen Ländern darüber diskutiert, wie das Thema Holocaust nachhaltiger in die Erziehungsarbeit eingebunden werden könnte. International hat sich für die pädagogische Auseinandersetzung mit dem Holocaust in Forschung und Praxis der Begriff "Holocaust-Education" durchgesetzt, der in zweierlei Hinsicht problematisch ist. Zum einen beschreibt der Terminus Holocaust in seiner Bedeutung "Brandopfer" nicht annähernd die industriell betriebene Vernichtung der Juden während des Nationalsozialismus.
In einigen Ländern findet daher mehr und mehr der Begriff Shoah Verwendung, der aus dem Hebräischen stammt und "Unheil", "große Katastrophe" bedeutet. Zum anderen wird unter "Holocaust-Erziehung" nicht so sehr eine Vermittlung kognitiven Wissens über den Holocaust verstanden, sondern vielmehr eine Moral- und Werteerziehung, die gegen Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und vieles mehr immunisieren soll und das eigentliche Geschehen immer weiter in den Hintergrund treten lässt. Die Vermittlung historischen Wissens steht dabei nicht im Mittelpunkt.
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Zur Person |
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Dr. Juliane Wetzel Geb. 1957 in München, ist seit 1996 wiss. Angestellte am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin. Sie ist geschäftsführende Redakteurin des Jahrbuchs für Antisemitismusforschung.
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 |  | Der Holocaust lässt sich auch nicht zum bloßen historischen Ereignis reduzieren. Neben der Vermittlung kognitiven Wissens muss die Auseinandersetzung mit Erinnerungsabwehr und Schuldprojektionen auf die Opfer des Holocaust, die zu einem sekundären Antisemitismus, also einem Antisemitismus wegen Auschwitz führen können, ein zentrales Anliegen der schulischen Bildung sein. Politische Skandale, Erinnerungskultur und -narrative in den letzten Jahren haben gezeigt, dass der Holocaust Teil der politischen Kultur der Bundesrepublik ist und als solcher durchaus immer wieder Auswirkungen auf die Tagespolitik hat und aktuelle Debatten bestimmt. Zudem gilt es den Holocaust ebenso unter dem Aspekt zu betrachten, wie stark das Trauma der Verfolgung bis heute bei den Kindern, Enkelkindern und Urenkeln der Opfer nachwirkt. Deshalb müssen sich die nachwachsenden Generationen mit der Thematik in ihren aktuellen Bezügen auseinandersetzen und die jüdische Erfahrung von Ausgrenzung und Verfolgung als Teil der historischen Bildung erfahren. Allerdings heißt dies auch, die Inhalte der "Holocaust-Erziehung" den veränderten Lebenssituationen jeder neuen Generation anzupassen.
Pädagogische Konzepte
Pädagogische Konzepte, die vor Jahren noch wirkungsvoll waren, müssen dies nicht bis heute sein. Eine wichtige und kaum zu ersetzende Methode, bei Kindern die notwendige Empathie und damit den Schlüssel für Verständnis zu erzeugen, sind die Gespräche mit Zeitzeugen. Allerdings werden solche Konzepte aus altersbedingten Gründen bald der Vergangenheit angehören. Videoaufzeichnungen von Interviews, wie sie etwa das Visual History Archive der Shoah Foundation anbietet,[1] können den Verlust nur bedingt ausgleichen, bieten aber wohl in der Zukunft, neben Tagebuchaufzeichnungen und Erinnerungsliteratur, die einzige Möglichkeit, persönliche Erlebnisse und Erfahrungen der Verfolgung zu vermitteln.
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Quelle: ALLBUS 2006 / Berechnungen von Prof. Albert Scherr und Barbara Schäuble 2006.
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Der Holocaust kann als Schablone für viele aktuelle Probleme von Asyl, Flucht, Genozid, Verhältnis von Mehrheit und Minderheit, Fremdheitsgefühle im eigenen Land dienen. Solche Vergleiche sind aber nur dann sinnvoll, wenn sie mit ihrem jeweiligen historischen Kontext vermittelt werden und nicht zu einer Gleichsetzung führen, die die Gefahr einer Verharmlosung des Holocaust birgt. Aktuelle Bezüge können sinnvoll sein, bergen aber immer auch die Gefahr einer Überfrachtung der "Holocaust-Erziehung" mit gesellschaftspolitischen Ansätzen. Dies gilt ebenso für die Vorstellung, "Holocaust-Erziehung" sei ein Präventivmittel gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus, Intoleranz und Ausländerfeindlichkeit oder würde gar gegen solche gesellschaftlichen Auswüchse immunisieren.
"Holocaust-Erziehung" kann Jugendliche für die Gefahren des Antisemitismus sensibilisieren, aber nie dagegen "immunisieren". Empathie ist eine notwendige Voraussetzung, moralisierende Töne hingegen sind kontraproduktiv und können Distanz und Abwehrhaltung erzeugen. Ausländerfeindlichen Äußerungen in einer Klasse mit dem Hinweis auf Auschwitz zu begegnen, ist in höchstem Maße kontraproduktiv, denn es wird weder helfen solche Ressentiments zu unterbinden, noch wird es den Opfern der NS-Zeit oder der heutigen Situation der Migranten gerecht.
Internationale Wege
Das Thema Holocaust hat inzwischen seinen nationalen Rahmen verlassen und wird in den letzten Jahren verstärkt auf internationaler Ebene diskutiert, nicht zuletzt deshalb, weil im internationalen Austausch neue Wege und Methoden erarbeitet werden können, die heutigen Anforderungen an das Thema gerecht werden. Damit wird die Zeit des Nationalsozialismus und der Genozid an den europäischen Juden in einen europäischen und internationalen historischen Kontext gestellt, der die Aufarbeitung der nationalen Vergangenheit befruchten kann. Die Gründung der "Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research" (ITF) im Jahr 1998, der inzwischen 25 Länder angehören, war Ausdruck und Ergebnis dessen, was heute als Globalisierung der "Holocaust-Erziehung" zu bezeichnen ist.
[1] Das Visual History Archive an der Freien Universität Berlin
www.vha.fu-berlin.de
26. August 2008 |
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Themenblätter im Unterricht |
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Nr. 14 - Erinnern und Verschweigen
Für die Forderung, "dass Auschwitz nicht noch einmal sei", ist eine Erinnerungskultur nötig, die sich gegen das langsame Vergessen, das Verfälschen und das Relativieren richtet. |
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