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Die friedliche Revolution

Die Medien öffneten die Mauer


Hans-Hermann Hertle, Historiker



Textversion des Video-Interviews

Beabsichtigt war mit der Reiseverodnung des Ministerrates, dass DDR-Bürger reisen und ausreisen durften, aber nach wie vor mit einem Visum. Und um ein Visum zu erlangen, bedurfte es eines Reisepasses. Schabowski hat auf seiner Pressekonferenz ja nicht mitgeteilt: Die DDR-Grenze ist offen, sondern hat kundgetan, dass Reise- und Ausreisemöglichkeiten geschaffen werden, aber unter diesen Bedingungen.

Nur indem die Medien dann Schabowskis zum Teil doch sehr schwieriger und unverständlicher Äußerung eine Richtung gegeben haben, ist eine Eigendynamik entstanden. Und indem – vor allen Dingen die Ostberliner – aufgebrochen sind, um zu testen, ob die Grenzen offen sind, haben sie die Grenze im Prinzip gestürmt. Die Grenzwächter unmittelbar an den Übergängen hatten in der Tat keinerlei Befehle, keinerlei Weisungen. Die ersten Weisungen, die sie dann bekamen, als die ersten sich einfanden an den Grenzübergängen, waren, sie sollten die Grenzübergänge halten. Das haben sie eine Zeit lang versucht, dann war aber im Laufe des Abends – und vor allen Dingen nach den entsprechenden Sendungen im ZDF und vor allen Dingen in der ARD – der Druck so stark, dass sie keine andere Möglichkeit mehr sahen als zurückzuweichen. Das waren eigenständige Entscheidungen der Passkontrolleure und der Grenzsoldaten vor Ort an den Übergängen. Sie hatten es erlebt, dass Ungarn die Grenze zu Österreich öffnete und DDR-Bürger über Ungarn ausreisen durften. Dann kam als nächster großer Einschnitt der 4. November, als DDR-Bürgern erlaubt wurde, über die CSSR in die Bundesrepublik auszureisen. Sie waren aber praktisch in Berlin und an der innerdeutschen Grenze immer noch verdonnert, Ausreisewillige oder einfach nur Reisewillige zurückzuweisen und zur Not auch Fluchten gewaltsam zu verhindern. Das machte alles keinen Sinn mehr.

Zum Zusammenbruch der DDR haben verschiedene Faktoren beigetragen. Das Entscheidende letzten Endes war, dass die Sowjetunion nach dem Mauerfall irgendwann einsehen musste, dass die DDR nicht mehr zu halten war. Und dieses Einsehen beruhte wiederum auf verschiedenen Faktoren. Einer der wichtigsten war die wirtschaftliche Krise der DDR. Die DDR stand vor der Zahlungsunfähigkeit. Mit dem Mauerfall hatte die DDR praktisch gegenüber dem Westen ihre letzte kreditwürdige Immobilie verloren. Es gab in der DDR immer noch die Vorstellung, man könne die Mauer und das Durchlässigmachen der Mauer gewissermaßen verkaufen und im Gegenzug dadurch von der Bundesregierung finanzielle, wirtschaftliche Hilfe bekommen. Als die Mauer dann gefallen war, wurden aus Bonn – von der Bundesregierung unter Helmut Kohl – aber ganz klar politische Forderungen gestellt als Voraussetzung für wirtschaftliche Hilfe. Zu diesen Forderungen gehörte zum Beispiel die Aufgabe des Führungsanspruchs der SED, es gehörte dazu die Zulassung von Parteien und Oppositionsbewegungen. Und dieser ursprüngliche Gedanke der DDR-Oberen, für die Mauer und das Durchlässigmachen der Mauer noch Gegenleistungen zu erzielen, waren dadurch praktisch verloren gegangen.


 
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