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Gehirn: Aus Spielen lernen
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Geschichtsverständnis via Computerspiel |

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"Civilization" simuliert Grundstrukturen historischer Prozesse Jürgen Fritz
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Worin liegen die wesentlichen Spielforderungen? Der Spieler muss das komplexe Regelwerk und seine vielfältigen Handlungsmöglichkeiten erkennen und aus dieser Erkenntnis im Verlaufe von vielen Spielpartien erfolgreiche Handlungsschemata entwickeln. Er muss lernen, was in bestimmten Situationen zu tun ist. Dies beinhaltet zum einen strategische Entscheidungen in recht vielfältigen Problemlagen, die jeweils auf unterschiedlich hohen Ebenen bestehen:
- Möchte ich rasch expandieren und viel Land für mich gewinnen oder lege ich eher Wert darauf, langsam zu wachsen und den kulturellen Fortschritt stärker im Auge zu behalten?
- Bemühe ich mich grundsätzlich um ein friedliches Nebeneinander der Kulturen oder beabsichtige ich, unterlegene Kulturen rasch zu erobern und als potentielle Gegner auszuschalten?
- Betreibe ich eine intensive Militärrüstung (um mich zu schützen oder Gegner angreifen zu können) oder setze ich (zunächst) auf friedliche Expansion und/oder kulturelle Entwicklung?
- Baue ich bevorzugt "Kasernen" (um stärkere Militäreinheiten zu bekommen) oder ist mein Bemühen darauf gerichtet, "Tempel" in jeder Ortschaft zu errichten (um die kulturelle Ausdehnung zu erreichen und die Bevölkerung zufrieden zu stellen)?
- Wünsche ich mir ein rasches Bevölkerungswachstum? In diesem Falle wäre der Bau von Getreidespeichern sinnvoll.
- Halte ich "Weltwunder" für besonders wünschenswert? Bin ich bereit, weil der Bau eines solchen Wunders sehr viele Ressourcen erfordert, auf vieles andere zu verzichten?
- Treibe ich Handel, um begehrte Güter zu erhalten oder erscheint es mir notwendig, entsprechende Gebiete durch einen Krieg zu erobern?
- Was ist zu tun, um einen (möglichst kurzen) Krieg erfolgreich zu beenden? Welche Militäreinheiten brauche ich dazu? In welchen Ortschaften könnte ich sie heranbilden? Welchen Zeitraum nimmt dies in Anspruch? Wie steht es mit den Verbindungswegen? Welche sind noch zu bauen? Was sind die wichtigsten Angriffsziele? Welche Verluste muss ich kalkulieren? Wie steht es um den Nachschub? Welche Reserven kann ich bereit stellen? Wie verhindere ich, dass Nachbarn ihre Neutralität aufgeben und mir den Krieg erklären?
Dies ist nur eine winzig kleine Auswahl an denkerischen Problemen, mit denen der Spieler auf der strategischen Ebene des Spiels immer wieder neu konfrontiert wird. "Civilization 3" stellt einen sehr komplexen, vielfältig sich ändernden Problemraum dar, der sich durch typische "Interpolationsprobleme" auszeichnet. Der Spieler kennt die Ausgangsbedingungen und die Ziele. Auch die Mittel sind ihm bekannt.
Unbekannt ist, welche Mittel in welchem Umfang und wie eingesetzt werden müssen, um die jeweiligen Ziele zu erreichen. Nur durch folgerichtiges Denken, rasches Auffassen der Situationen, zutreffende Einschätzung der Mittel und durch Entwickeln wirksamer Schemata können Spielerfolge erlangt werden.
Diese Art von Spielanforderung setzt sich auf der taktischen Ebene fort:
- Wie reagiere ich auf den Angriff meines Gegners? Welche eigenen Einheiten setze ich ein? Kann ich sie rasch genug an den gewünschten Punkt bringen?
- Welche Einheiten ziehe ich zurück, damit sie ihre Ursprungsstärke wieder erlangen können?
- Gegen welche gegnerischen Einheiten setze ich Kampfflugzeuge ein, um sie wirkungsvoll zu schwächen?
- Aus welchen Einheiten stelle ich Marinekampfgruppen zusammen, damit sie im Gefecht Überlebenschancen haben?
- Wie schalte ich am besten ein gegnerisches Schlachtschiff aus? Sind Kampfflugzeuge ein geeignetes Mittel oder setze ich lieber meine U-Boote ein? Gibt es möglicherweise wichtigere Ziele als das Schlachtschiff (z.B. ein Transportschiff)?
- Aus welchen Einheiten bilde ich eine Kampfgruppe, die bei Gegenangriffen möglichst geringe Verluste erleidet?
Der Spieler wird im Verlaufe einer sich über hundert Stunden erstreckenden Spielpartie mit zahlreichen, recht unterschiedlichen taktischen Problemen konfrontiert, die eine genaue Kenntnis der Regeln, des Regelwerks und der Möglichkeiten der einzelnen Spielfiguren ebenso erfordern, wie genaues folgerichtiges Denken. Bei all dem muss der Spieler noch bedenken, dass der Ausgang von Gefechten zwischen verschiedenen militärischen Einheiten in einem geringeren Ausmaß vom Zufall abhängt, so dass bei allen Überlegungen eine "Sicherheitsreserve" einzukalkulieren ist.
Diese wenigen Beispiele verdeutlichen, dass "Civilization 3" ein Strategiespiel von enormer Spieltiefe und hoher Komplexität ist. Dies wird durch verschiedene Faktoren verursacht:
- kaum überschaubare Anzahl verschiedener Elemente und Faktoren (Besonderheiten des Geländes, verschiedene Gebäudetypen und Einheiten usw.);
- Größe des Spielfeldes und Anzahl der am Spiel beteiligten Kulturen;
- hoher Grad der Vernetztheit der verschiedenen Elemente und Faktoren;
- Vielzahl an miteinander verwobenen Handlungsmöglichkeiten und Steuerungsprozessen;
- vom Spieler nicht steuerbare Entwicklungen und Zufälle.
Die Durchdringung dieser Komplexität, die Steuerung des Geflechts der von den Regeln bestimmten Einzelfaktoren in Richtung auf Erfolg versprechende Schemata, ist die große denkerische Herausforderung von "Civilization 3" und macht einen nicht unwesentlichen Teil seiner Faszinationskraft aus. |
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