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Demografischer Wandel in Deutschland

Kreisverkehr statt Kindergarten


Statt mit Aktionen um junge Familien zu werben, müssen die Kommunen langfristig Prioritäten setzen
Sandra Schmid

Billiger Baugrund, Baby-Betreuung und Bonusheftchen – mit solchen Anreizen für junge Familien versuchen immer mehr Kommunen, auf den Bevölkerungsschwund zu reagieren. Kein Wunder: Die Prognosen sind in vielen Regionen Deutschlands alarmierend. Bundesweit gibt es kaum Städte, die in Zukunft einen Bevölkerungszuwachs zu erwarten haben. Dafür gibt es umso mehr, die in den kommenden 15 Jahren die Folgen eines deutlichen Bevölkerungsrückgangs spüren werden.

Magdeburg etwa hat zwischen 1996 und 2003 nahezu 10 Prozent seiner Einwohner verloren. Und die Hauptstadt Sachsen-Anhalts schrumpft weiter:
Baustelle, Innenstadt von Guben (Foto: C. Revilla)
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"Kommunen müssen einhalten, was sie versprechen": Innenstadt von Guben (Foto: C. Revilla)
Rund 11 Prozent der heute 227.535 Einwohner wird die Kommune voraussichtlich bis 2020 verlieren, schätzt eine aktuelle Studie der Bertelmann-Stiftung. Ähnliches gilt für viele Städte in Deutschland, besonders im Osten. Aber auch der Westen ist von diesem Prozess betroffen, in Nordrhein-Westfalen kämpfen Städte wie Mühlheim an der Ruhr, Bochum und Essen schon jetzt gegen die Folgen des demografischen Wandels.

Die Stadtoberen vieler Kommunen wollen diese Entwicklung nicht länger untätig mitansehen. Es ist die Horrorvision von verlassenen Straßenzügen, geschlossenen Schulen, stillgelegten Bädern und Theatern, schwindenden Steuern und klammen Stadtsäckel, die sie landauf landab zu besonderen, möglichst medienwirksamen Maßnahmen greifen lässt: Magdeburg verschickte beispielsweise im März 2006 eine so genannte "Heimwehschachtel" an rund 300 ehemalige Bürger der Stadt, die aus wirtschaftlichen Gründen Magdeburg den Rücken gekehrt hatten. Das "Ostpaket" mit heimischen Produkten wie Knäckebrot, Gutscheinen und einem Abo der "Magdeburger Volksstimme" sollte die Abgewanderten zur Rückkehr motivieren.

Bonusheft und Eigenheim

Um neue Bürger werben auch Heidelberg und Tübingen: Hier bekommen Neubürger Bonusheftchen mit Freizeit -und Kulturgutscheinen, in Tübingen bekam ein ausgeloster Neu-Zugezogener ein Jahr lang umsonst ein Auto gestellt. Mühlheim an der Ruhr hat dagegen das Programm "100 Häuser für Familien" aufgelegt: Die Stadt vergibt Grundstücke, ein Bauträger baut die Häuser – zusammen für nur rund 150.000 Euro pro Familie. Wer in den Genuss eines so günstigen Eigenheims kommen will, muss sich bei der Stadt bewerben. Je mehr Kinder die Familie hat und je jünger die Eltern sind desto besser.

Zur Person
Sandra Schmid arbeitet als freie Journalistin in Berlin. Sie studierte in Heidelberg und Uppsala/ Schweden Politikwissenschaft und Geschichte. Ihre Schwerpunkte sind politische und gesellschaftliche Themen. Beiträge erschienen u.a. in der Berliner Zeitung, der taz, in der Wochenzeitung Das Parlament und im Tagesspiegel.

Solche finanziellen Anreize bieten auch andere Kommunen: Karlsruhe etwa gibt Grundstücke günstiger an Familien mit Kindern ab, Mannheim hat eine Kinderverträglichkeitsprüfung beim Bauen eingeführt, und das bayerische Kaufbeuren zahlt sogar jedem zugereisten Bauherren 5.000 extra pro Kind. Mit solchen Ideen treten die Kommunen jedoch in einen Konkurrenzkampf, der kontraproduktiv ist. Susanne Tatje, Demografie-Beauftragte der Stadt Bielefeld, appelliert deshalb an die Kommunen "nicht sinnlos gegeneinander zu kämpfen", sondern lieber über Kooperationen nachzudenken, etwa wenn ein neuer Kindergarten gebaut würde.

Investitionen als Bumerang

Das Problem der Konkurrenz sieht auch Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg: "Wenn Familien nur von A nach B ziehen, kommt unter dem Strich nichts heraus", sagte er kürzlich im Westdeutschen Rundfunk. Davon, mit besonderen Aktionen wie Familien anderen Kommunen "abzuwerben", hält auch Kerstin Schmidt wenig. Sie leitet das Projekt "Kommunen und Regionen im Demografischen Wandel" der Bertelmann-Stiftung und hat mit ihrem Team gerade den "Demografischen Wegweiser" herausgegeben, ein Frühwarn- und Informationssystem für Kommunen. Städte und Gemeinden, die sich auf die Bevölkerungsveränderungen einstellen wollen, berät und begleitet sie seit Jahren auch einzeln.

Ihrer Ansicht nach kann sich der Plan, immer wieder neues Bauland auszuweisen, sogar als Bumerang für die Kommunen erweisen: "Viele scheinen die finanziellen Folgen gar nicht zu überblicken", so Schmidt, "wer Bauland außerhalb der Stadt schafft, muss dort auch für Infrastruktur sorgen". Und Straßen oder Kindergärten außerhalb der Stadt hätten schließlich ihren Preis. Ein negativer Nebeneffekt zudem: Die Zersiedelung der Landschaft bei gleichzeitiger Verödung der Innenstädte.

Keine Stadt wird jünger

Statt medienwirksamer Ad-hoc-Aktionen sei es sinnvoller, findet
Baustelle, Innenstadt von Guben (Foto: C. Revilla)
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Standort-Vorteil Familienpolitik: Baustelle in Guben (Foto: C. Revilla)
Schmidt, wenn jede Kommune für sich ein demografisches Gesamtkonzept entwerfe. "Jede Stadt sollte ihre Situation analysieren und sich fragen: Wie hoch ist der Anteil der über 60-Jährigen, wie sieht die Geburtenrate aus und wie viele Menschen im Ausbildungsalter wandern ab?" Erst wenn Klarheit über solche Fragen bestünde, könne die Kommune etwas tun und sich Ziele setzen.

Ein wichtiges Thema für die meisten Städte und Regionen ist nach Schmidts Erfahrung die Seniorenpolitik. "Alle müssen sich darauf einstellen, dass die Bevölkerung insgesamt älter wird", sagt die Expertin der Bertelsmann-Stiftung, "keine einzige Kommune in Deutschland wird im Jahr 2020 jünger sein als heute". Darauf müssen sich die Kommunen frühzeitig einstellen, etwa indem sie mehr Angebote für betreutes oder integratives Wohnen schaffen.

Vollmundige Versprechungen

Ein anderer zentral Aspekt ist jedoch die Kinderfreundlichkeit der Kommunen: "Die erreicht man aber nicht mit Billig-Bauland oder Bauprämien", so Schmidt, "sondern durch gute Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder". Doch obwohl viele Kommunen dies als wichtig erkannt haben, sieht die Realität oft anders aus: Noch immer gibt es Gemeinden, die es nicht schaffen, für ausreichend Betreuungsplätze am Nachmittag zu sorgen. Kindergärten, die bereits um 12 Uhr schließen, sind vielerorts die Regel, trotz vollmundiger Versprechungen der Stadtoberen. "Die Kommunen müssen auch einhalten, was sie in ihren Stadtprospekten versprechen", sagt die Beraterin.

Schafft es aber eine Kommune tatsächlich, das Gemeinwesen familienfreundlich zu organisieren, dann kann das ein echter Standtortvorteil sein: "Wenn bekannt wird, dass eine Stadt gute Bildungs- und Förderangebote für Kinder unter 10 Jahren hat, wie etwa eine Ganztagsschule, dann werden sich Familien überlegen, ob sie ihren Wohnort wechseln", davon ist Schmidt überzeugt.

Umgekehrt kann sich auch ein unattraktiver Standortbedingungen darauf auswirken, ob offene Arbeitsplätze besetzt werden können. "Es gibt durchaus Städte", weiß die Demografie-Expertin der Bertelmann-Stiftung, "wo es Firmen mit offene Stellen gibt, für die sich niemand findet – auch weil das Betreuungsangebot mangelhaft ist".

Die richtigen Prioritäten setzen

Familienfreundlichkeit, Seniorenpolitik, Wirtschafts- und Infrastrukturplanung, gute Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten sowie nicht zuletzt die Integration von Zuwanderern: Das sind Bereiche, die Einfluss darauf haben, wie eine Kommune die Folgen des Demografischen Wandels meistert. Ein pauschales Erfolgsrezept gibt es aber nicht.

In welchem Bereich eine Kommune aktiv werden muss, kann sie nur selbst erkennen und entscheiden. "Wie bei einem Puzzle ergeben aber die einzelnen Maßnahmen erst zusammen ein vollständiges Bild", meint Kerstin Schmidt. Oft hängt nämlich der Erfolg auch davon ab, wie gut Stadt und Wirtschaftsunternehmen zusammen arbeiten.

Beispiele für gelungene Kooperationen gibt es bereits: Firmen, die Belegplätze in Kindergärten mieten oder Unternehmen, die Partnerschaft für Kulturangebote übernehmen. Manchmal hänge der Erfolg aber auch einfach davon ab, die richtigen Prioritäten zu setzen, meint die Beraterin aus Gütersloh: "Viele Kommunen haben Geld, investieren es aber lieber in Kreisverkehre als in die Weiterentwicklung ihrer Bildungs- und Betreuungsangebote."


 
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