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Migration und Zwangswanderungen im Nationalsozialismus


15.3.2005
Die größten Migrationsbewegungen fanden von 1933 bis 1945 statt. Hunderttausende Juden und politisch Verfolgte emigrierten aus Deutschland. In Ost- und Ostmitteleuropa wurde systematisch eine Ansiedelungspolitik von "Volksdeutschen" betrieben, während die einheimische Bevölkerung deportiert oder ermordet wurde. In den Kriegsjahren wurden bis zu 12 Millionen ausländische Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft beschäftigt.

Ähnliche Prozesse von Weiterwanderungen wie bei den Flüchtlingen aus Russland und den osteuropäischen Juden in der unmittelbaren Nachkriegszeit lassen sich bei der Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland nach 1933 beobachten. Sie umfasste insgesamt rund eine halbe Million Menschen: politische Gegner des Regimes, solche, die das Regime dafür hielt und vor allem jene, die aufgrund der rassistischen Ideologie des Nationalsozialismus zu geächteten Fremden in Deutschland erniedrigt und zunehmend verfolgt wurden. Das galt vor allem für die Juden, von denen etwa 280.000 aus dem Reich flüchteten. Weltweit nahmen mehr als 80 Staaten Flüchtlinge aus Deutschland auf.

Der Zweite Weltkrieg führte zu einer beispiellos hohen Zahl von Zwangswanderungen. Sie resultierte ganz wesentlich aus Expansion und Untergang des nationalsozialistischen "Dritten Reiches". Bei vielfältigen Überschneidungen lassen sich während des Zweiten Weltkriegs und in der unmittelbaren Nachkriegszeit grob vier verschiedene Haupttypen von Zwangswanderungen unterscheiden:
  • die Flüchtlinge in der unmittelbaren Folge des Kriegsgeschehens, die aus den Kampfzonen und vor den vorrückenden Truppen flüchteten oder evakuiert wurden;
  • während des Krieges deportierte oder unter Zwang festgehaltene Personen: Zwangsarbeiter, vornehmlich in der deutschen Kriegswirtschaft, Kriegsgefangene sowie zivile Teile eigener oder fremder Bevölkerungen, die umgesiedelt oder deportiert wurden;
  • die "Displaced Persons" (DPs) der unmittelbaren Nachkriegszeit und
  • die nach dem Kriegsende vom 8. Mai 1945 aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches und aus Siedlungsgebieten von "Volksdeutschen" in Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa Vertriebenen.

Zwangsarbeit ausländischer Zivilisten



Im Zweiten Weltkrieg war Deutschland Motor und Zentrum der Massenzwangswanderungen. Es war nur deshalb in der Lage, den Zweiten Weltkrieg beinahe sechs Jahre lang zu führen, weil es den Krieg von vornherein als Raub- und Beutekrieg geplant hatte und durchführte. Die mit Deutschland verbündeten Staaten sowie die von 1938 an erworbenen bzw. eroberten Länder und Landesteile hatten die Aufgabe, mit ihrer landwirtschaftlichen und industriellen Produktion, ihren Rohstoffen und ihren Bevölkerungen der deutschen Kriegswirtschaft zu dienen.

Im Laufe des Krieges stieg die Bedeutung der geraubten Güter und Menschen für die deutsche Kriegswirtschaft immens an: Im Oktober 1944 wurden fast acht Millionen ausländische Arbeitskräfte in Deutschland gezählt, darunter fast sechs Millionen Zivilisten und knapp zwei Millionen Kriegsgefangene. Sie stammten aus insgesamt 26 Ländern. Unter den Herkunftsländern dominierte die UdSSR mit einem Anteil von mehr als einem Drittel (2,8 Millionen). 1,7 Millionen Menschen kamen aus Polen und 1,2 Millionen aus Frankreich, jeweils mehrere Hunderttausend zudem noch aus Italien, den Niederlanden, Belgien, der Tschechoslowakei und Jugoslawien.

Bedeutung der Zwangsarbeit für die Kriegswirtschaft



Ein Blick auf ihren Anteil an der Gesamtbeschäftigung lässt die enorme wirtschaftliche Bedeutung der ausländischen Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen für die deutsche Wirtschaft erkennen: Insgesamt stellten die ausländischen Arbeitskräfte im August 1944 etwa ein Viertel der Beschäftigten. Sie fanden sich in allen Wirtschaftszweigen, in allen Betriebsgrößenkategorien über das ganze Reich verteilt.

In einigen Wirtschaftsabteilungen bzw. Betrieben war ihre Bedeutung besonders hoch. Das galt etwa für die Landwirtschaft, die 1944 einen Anteil ausländischer Zwangsarbeiter von 46 Prozent erreichte, oder für den Bergbau mit 34 Prozent. Ausländische Zwangsarbeiter arbeiteten auch in hoch spezialisierten und kriegswichtigen Bereichen. In manchen Betrieben mit einem hohen Anteil unqualifizierter Arbeit kamen vier Fünftel aller Beschäftigten aus dem Ausland. Das Durchschnittsalter der ausländischen Arbeitskräfte lag bei 20 bis 24 Jahren, ein Drittel waren Frauen, zu einem Großteil jünger als 20 Jahre.

Die deutsche Kriegswirtschaft im Zweiten Weltkrieg war aufgrund ihrer Konzeption als Raubwirtschaft von Beginn an unabdingbar auf ausländische Zwangsarbeiter angewiesen: Schon 1941 hätte die Rüstungsproduktion ohne Ausländer ihre Planvorgaben nicht mehr erfüllen können. In der Landwirtschaft wurde dieser Zeitpunkt bereits 1940 erreicht. In der Form eines im großen Maßstab auf ausländischer Arbeitskraft basierenden Zwangsarbeitersystems blieb der nationalsozialistische "Ausländer-Einsatz" historisch ohne Parallele.

Rassistische "Weltordnung"



Im gesamten neu besetzten "Lebensraum" des Ostens strebte die nationalsozialistische Politik nach dauerhafter Herrschaftssicherung und nach der Etablierung einer streng rassistisch ausgerichteten deutschen "Ordnung" – einer Hierarchisierung von Bevölkerungsgruppen und Nationalitäten. Wesentliche Elemente dabei waren Planung und weitreichende Umsetzung von Umsiedlungen, Vertreibungen und Deportationen ganzer Bevölkerungen – zugunsten einer "arischen" Bevölkerung als angeblichem "Volk ohne Raum".

Etwa neun Millionen Menschen waren davon betroffen. Zwischen 1939 und 1944 wurden eine Million Menschen deutscher Herkunft aus ihren außerhalb der Reichsgrenzen gelegenen Siedlungsgebieten in Südost-, Ostmittel- und Osteuropa "heim ins Reich" gelockt und genötigt. Man wollte sie vor allem in den eroberten Gebieten, die dem Reich unmittelbar angegliedert worden waren, ansiedeln.

Vertreibung und Ermordung der Bevölkerung Osteuropas



Voraussetzung für die Ansiedlung dieser "Volksdeutschen" war immer die Deportation der ansässigen polnischen, tschechischen und jüdischen Bevölkerung. Sie war 1939/40 in großem Maßstab eingeleitet worden und endete im Völkermord. 1940/41 etwa wurden ca. 1,2 Millionen Polen und Juden aus den ehemals polnischen, nunmehr dem Reich angegliederten "Reichsgauen" Wartheland und Danzig-Westpreußen vertrieben ? zugunsten der neu anzusiedelnden "Volksdeutschen".

Das geschah nicht selten zeitgleich, sodass sich die Züge der Neuansiedler und der Deportierten noch begegneten. Doch das sollte nur der Anfang sein. Nach der Gesamtplanung galten von den mehr als zehn Millionen Menschen, die in diesem Gebiet lebten, nur 1,7 Millionen als "eindeutschungsfähig". 7,8 Millionen Polen und 700.000 Juden sollten vertrieben werden.

Ermordung der Bevölkerung jüdischer Herkunft



In der nationalsozialistischen rassistischen Hierarchie galten jüdische bzw. für jüdisch erklärte Menschen als Bevölkerungsgruppe mit dem geringsten Anspruch auf "Lebensraum". Sie waren von der deutschen Vernichtungspolitik am stärksten betroffen. Etwa 160.000 Juden lebten zum Zeitpunkt des Auswanderungsverbotes im Oktober 1941 noch im Reich. Damals ging die SS endgültig zur Deportation in Richtung Polen über, die für die meisten einer Zwangsmigration in den Tod gleichkam. In Polen selbst gab es insgesamt fast drei Millionen Juden, die in die SS-"Raumordnungs-" und Vernichtungspolitik einbezogen wurden. 2,7 Millionen von ihnen fielen der nationalsozialistischen Mordpolitik zum Opfer, die in der industriellen Massentötung in den Vernichtungslagern endete.

Das Schicksal der polnischen und deutschen Juden ereilte die jüdische Bevölkerung fast aller europäischer Länder: 2,2 Millionen Menschen aus der UdSSR, 550.000 aus Ungarn, 200.000 aus Rumänien, 140.000 aus der Tschechoslowakei, 100.000 aus den Niederlanden, 76.000 aus Frankreich, 60.000 aus Jugoslawien, 60.000 aus Griechenland und 28.000 aus Belgien.



 
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