Dossierbild Migration

Bildung und Integration


15.5.2007
Die Bildungsbe(nach)teiligung von Kindern mit Migrationshintergrund, Ursachen dessen und Lösungsansätze dafür sowie die Ausbildung von Einwanderern stehen im Mittelpunkt dieses Kapitels

Barbara und Bennet I. sind beide in Deutschland geboren und besuchen eine Gesamtschule.Barbara und Bennet I. sind beide in Deutschland geboren und besuchen eine Gesamtschule. (© Isadora Tast für Körber-Foto-Award 2003)
Zur gleichberechtigten Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen gehören neben Kenntnissen der Verkehrssprache sowohl eine fundierte schulische als auch eine berufliche Bildung. Daher hat das gesamte Bildungs- und Ausbildungssystem eine Schlüsselfunktion für das Gelingen der Integration von Migrantinnen und Migranten.

Seit der Veröffentlichung der PISA-Studien sind Bildungsprozesse von jungen Menschen mit Migrationshintergrund in den Fokus des öffentlichen Interesses gerückt. Die PISA-Ergebnisse haben dem hiesigen Schulsystem eine weitaus größere Selektivität und Abhängigkeit des Schulerfolges von der sozialen und ethnischen Herkunft der Schülerinnen und Schüler bescheinigt als in den meisten anderen Ländern. Die Bildungsbenachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund, die trotz Reformbemühungen seit Jahrzehnten mehr oder weniger ausgeprägt ist, wurde vielfach durch wissenschaftliche Studien untermauert. Allerdings werden die Ursachen kontrovers diskutiert: Nicht nur mangelnde Deutschkenntnisse von Schülerinnen und Schülern, die Bildungsferne sowie die sozioökonomische Situation von Familien, sondern ebenfalls Aspekte des mehrgliedrigen Schulsystems scheinen den Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund nicht zuträglich zu sein.

Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, weist der Bildung und der deutschen Sprache eine Schlüsselfunktion zu: "Bildung, Ausbildung und Integration in den Arbeitsmarkt sind wichtige Voraussetzungen, aber auch wichtige Indikatoren für die Integration", so Böhmer. Die Förderung der deutschen Sprache müsse so früh wie möglich beginnen, wozu Sprachstandstests und gezielte Sprachförderung rechtzeitig vor der Einschulung ebenso gehörten wie die Stärkung der Erziehungskompetenz von Eltern. Ebenso müssten die Schulen "besser auf Schülerinnen und Schüler aus Zuwandererfamilien vorbereitet werden. Sprachförderung muss in jedem Fach und in jeder Unterrichtsstunde stattfinden. Die Lehrerinnen und Lehrer müssen entsprechend qualifiziert werden, und wir brauchen dringend mehr Lehrkräfte, die eigene Migrationserfahrungen mitbringen." Die Integrationsbeauftragte sprach sich zudem für ein "flächendeckendes und möglichst kostenfreies Ganztagsangebot im Bildungsbereich vom Kindergarten bis zur weiterführenden Schule" aus.

"Integration durch Bildung" im Nationalen Integrationsplan



Im Rahmen der Entwicklung des Nationalen Integrationsplans (vgl. Kapitel 1 des Dossierteils), der am 12. Juli 2007 auf dem zweiten Integrationsgipfel von Bundeskanzlerin Merkel vorgestellt wurde, befassten sich zwei Arbeitsgruppen explizit mit Bildungsthemen: "Von Anfang an deutsche Sprache fördern" und "Gute Bildung und Ausbildung sichern, Arbeitsmarktchancen erhöhen" hießen die Schwerpunkte. Die Empfehlungen der Arbeitsgruppen flossen in den Nationalen Integrationsplan ein. Unter dem Leitsatz "Integration durch Bildung" verpflichtete sich die Bundesregierung darin zu Folgendem:

"Die Bundesregierung
  • strebt gemeinsam mit den Ländern und Kommunen den Ausbau der Betreuungsplätze für Kinder unter 3 Jahren auf eine Versorgungsquote von durchschnittlich 35 Prozent bis 2013 an. Der Bund wird sich maßgeblich an den Ausbaukosten beteiligen. Dieser Ausbau zielt auch auf Kinder mit Migrationshintergrund und wird positive Effekte für die frühe Sprachförderung haben.
  • spricht sich dafür aus, aufgrund der demografischen Entwicklung frei werdende Haushaltsmittel für die Verbesserung der Bildung zu nutzen.
  • entwickelt ein Konzept zur allgemeinen Sprachförderung in Kindertageseinrichtungen.
  • fördert die Forschung zu Verfahren der Sprachstandsfeststellung. Sie sollen die Entwicklung von Förderplänen für Schülerinnen und Schüler und Fortbildungskonzepten für Lehrende ermöglichen.
  • unterstützt gemeinsam mit zehn Bundesländern die Entwicklung eine Gesamtkonzeption sprachlicher Bildung durch das Programm FörMig.
  • verfolgt mit ihrem Modellprogramm "Schulverweigerung - Die 2. Chance" das Ziel, Schulverweigerinnen und -verweigerer wieder in die Schulen zu integrieren und ihre Chancen auf einen Schulabschluss zu verbessern.
  • unterstützt die Länder in der Bildungsforschung und bei der Entwicklung von Konzepten und Instrumenten zur Integrationsverbesserung."
(Auszug aus der Kurzfassung des Nationalen Integrationsplans 2007, S. 3)

Gesunkene Ausbildungschancen für Migrantenjugendliche



Besonders dramatisch hat sich seit einigen Jahren die Ausbildungssituation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund entwickelt. Sie finden immer seltener Ausbildungsstellen, brechen häufiger ihre Lehre ab und bis zu 40 Prozent von ihnen erlernen keinen Beruf. Dies geht nicht nur aus den Berufsbildungsberichten 2006 und 2007, sondern auch aus dem ersten Bildungsbericht "Bildung in Deutschland" hervor, den die Kultusministerkonferenz (KMK) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Juni 2006 vorlegten. Sein Schwerpunktthema war der Zusammenhang von "Bildung und Migration". Der Bericht bestätigt einmal mehr die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem.

Aufgrund dieser insgesamt alarmierenden Ausbildungssituation von jungen Menschen mit Migrationshintergrund setzten die Bundesregierung und Vertreter der wichtigsten Wirtschaftsverbände bei einer seit Herbst 2004 bestehenden Ausbildungsoffensive einen neuen Schwerpunkt auf diese Zielgruppe. Auch der Nationale Integrationsplan bündelt eine Vielzahl von Maßnahmen des Bundes, welche die Ausbildungssituation junger Migrantinnen und Migranten verbessern sollen.

Inhalt der Beiträge des Kapitels



Die Bildungsbeteiligung und -integration von Zuwanderern und ihren Kindern stellt seit langem ein Forschungsfeld der interkulturellen Pädagogik und Bildungswissenschaften dar, mit dem sich eine fast schon unüberschaubare Zahl von Arbeiten auseinandersetzt. Einige Aspekte dieses komplexen Themenfelds Bildung und Integration werden in den folgenden Beiträgen beleuchtet. So fragt der erste Text nach den Schulerfolgen von Kindern mit Migrationshintergrund, zeigt deren schwächere Bildungsbeteiligung anhand empirischer Daten und erörtert Befunde der PISA- und weiterer wissenschaftlicher Studien. Der zweite Beitrag behandelt mögliche Ursachen der Bildungsungleichheit, zeigt Zusammenhänge von Sprache und Integration und beschreibt die Reaktionen der Bildungspolitik sowie der Pädagogik auf die wachsende ethnische Vielfalt an deutschen Schulen. Der dritte Text ist ein Auszug aus dem Datenreport 2006 des Statistischen Bundesamtes, welcher die schulische und berufliche Bildung sowie die Deutschkenntnisse verschiedener Migrantengruppen für die Jahre 1996 und 2004 veranschaulicht.



 
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