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Interview

Der Weg in eine neue Dimension des Radios


REGIOCAST DIGITAL-Geschäftsführer Florian Fritsche über Chancen und Risiken in der neuen Welt des Digitalen Radios
Interview: Patricia Dudeck

Dudeck: Zur neuen Internetgeneration des so genannten Web 2.0 gehört auch digitales Radio. Ist das eine Chance oder eine Bedrohung für die etablierten Sender?

Fritsche: Beides. Eine Chance ist etwa die Befreiung aus der - wenn auch sehr erfolgreichen - Regional-Logik. Bisher gab es 14 verschiedene Radiomärkte in Deutschland. Mit der Digitalisierung können wir jetzt nationale Angebote konzipieren, die über UKW-Grenzen hinausgehen. Unendlich viele Möglichkeiten ergeben sich, Produkte auszuprobieren und neue Geschäftsideen anzubieten. Zweitens verschiebt sich der Fokus: Weg vom so genannten Mainstream, hin zu kleineren, genau definierten Zielgruppen. Die Ökonomie der Individualisierung wird sich mehr und mehr durchsetzen. Bisher waren Radiofrequenzen ein knappes Gut, also galt es bislang, vor allem die Masse anzusprechen. Dies setzen die Radiosender der REGIOCAST auch heute noch mit großem Erfolg um. Mit digitalem Radio - sei es via Internet, digitaler Terrestrik, Satellit - können wir jetzt aber auch in Nischen gehen und ökonomisch sinnvoll beispielsweise monothematische Formate für kleinste, jedoch hoch attraktive Zielgruppen anbieten. Dabei ist die Qualität beziehungsweise die Relevanz solcher Angebote natürlich von entscheidender Bedeutung.

Zur Person
Florian Fritsche ist Geschäftsführer der REGIOCAST DIGITAL, ein Tochterunternehmen der Radioholding REGIOCAST. Die REGIOCAST hält über drei Dutzend Beteiligungen an privaten Radiosendern und Unternehmen in Deutschland und im europäischen Ausland. Im Juni 2007 ging REGIOCAST DIGITAL unter Führung des 32-Jährigen mit "Second Radio" in der virtuellen Welt von "Second Life" online. Es ist damit der erste deutschsprachige Radiosender, der ausschließlich Programminhalte aus der Virtualität sendet.

Dudeck: Doch was ist dann die Bedrohung?

Fritsche: Der Wettbewerb ist ein ganz anderer. Vorher gab es aufgrund der knappen Ressource "Frequenz" sozusagen geschützte Räume für Radioanbieter und damit in einem Bundesland höchstens eine Handvoll Konkurrenten. In der neuen Welt des digitalen Radios gibt es nun unzählige Mitbewerber, die noch nicht einmal aus dem klassischen Medienbereich kommen müssen, sondern in erster Linie über enorme finanzielle Ressourcen verfügen. Sie heißen etwa Vodafone oder Google. Bisher war Rundfunk Landessache. Jetzt bekommen wir es also mit potentiellen Radiomachern zu tun, die sich nie nach einer Landesmedienanstalt richten mussten und müssen.

Dudeck: Bleiben Ihnen Ihre Hörer treu?

Fritsche: Wenn wir Radio für die ganze Welt und alle Zielgruppen machen, laufen wir in der Tat Gefahr, den Kontakt zu den Hörern zu verlieren. Die Audionutzungszeiten sind in der Statistik zwar rapide gestiegen, doch die Gewinner sind iPod und Co. Viele Menschen kommen nach Hause, machen den Rechner an und stellen iTunes auf Shuffle. Gegen diese Bedrohung müssen wir kämpfen mit unserer langjährigen Erfahrung: dem optimalen Konfektionieren von Audio-Inhalten für verschiedene Nutzungssituationen. Digitales Radio bietet in diesem Zusammenhang viele Möglichkeiten, die es clever zu nutzen gilt.

Second Radio
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Mit Second Radio glaubt Fritsche den Prototypen des Radios der Zukunft für digitale, virtuelle Welten geschaffen zu haben: zugeschnitten auf eine hochindividualisierte Zielgruppe, interaktiv und community-orientiert.
Dudeck: Welche Konsequenzen hat das für den privaten und den öffentlich-rechtlichen Hörfunk?

Fritsche: Ob privat oder öffentlich-rechtlich, wir müssen uns mit den neuen Rahmenbedingungen vertraut machen und diese für uns nutzen. Es gilt im wahrsten Sinne des Wortes: forschen und entwickeln! Dazu hat REGIOCAST DIGITAL unter anderem in der virtuellen Welt von "Second Life" das Projekt "Second Radio" gestartet: Ein Radioprogramm nur über Second Life. Dort können wir hervorragend testen, was ankommt. Wir müssen in die Zukunft investieren. Dazu gehört das Forschen und Entwickeln von Dummys. Also Testprodukten, so wie wir es bisher nur aus der Pharma-Industrie oder dem Magazinmarkt kennen. In der Radiobranche ist es bisher nicht üblich, solche Risiken einzugehen.

Dudeck: Entwickeln sie bereits Dummys?

Fritsche: Ja. Wir sind gerade dabei, ein nationales Programmkonzept für das neue digitale Handy-TV zu entwickeln. Es ist spannend, eine Produktidee auf das Nutzungsverhalten einer Zielgruppe maßzuschneidern. Wir gehen davon aus, dass unser multimediales und konvergentes Audioprogramm zum Start von Handy-TV zur Fußball Europameisterschaft im Sommer 2008 via DVB-H auf Sendung geht.

Dudeck: Die öffentlich-rechtlichen Sender bekommen gerade viel Gegenwind aufgrund ihres großen Engagements im Internet. Sollte man den gesamten Rundfunk privatisieren?

Fritsche: Nein, keineswegs. Die Öffentlich-Rechtlichen muss es im bewährten dualen System geben, keine Frage. Ihre Entstehung muss dabei vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte eingeordnet werden. Genau deswegen allerdings darf die Frage erlaubt sein, wie dieses System mit den aktuellen Entwicklungen zukunftsfähig aufgestellt werden kann.

Dudeck: Was würden Sie ändern?

Fritsche: Wir müssen überlegen, was der Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen heute sein kann, ihn - wenn nötig - an die heutigen Gegebenheiten anpassen. So fordert die REGIOCAST etwa in ihrem Papier "radiohochdrei - Der Weg in eine neuen Dimension des Hörfunks" (www.radiohochdrei.de), dass die Länder im Rahmen der Digitalisierung sämtliche neuen Programme der Öffentlich-Rechtlichen einem Public-Value Test unterziehen. Ziel dabei soll es sein, den Bestrebungen nach dem Motto "Wir sind überall dabei und bieten alles an" sachliche Argumente entgegenzusetzen. Nur aus der bloßen technischen Machbarkeit lässt sich meiner Meinung nach kein öffentlich-rechtlicher Auftrag zur permanenten Programmausweitung und somit zur Wettbewerbsverzerrung gegenüber den privaten Anbietern ableiten. Zudem gehen wir davon aus, dass neue digitale Angebote der Öffentlich-Rechtlichen werbefrei sind.

Patricia Dudeck ist Volontärin der Bundeszentrale für politische Bildung im Fachbereich Multimedia


 
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