Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index


Themen
Innenpolitik
Demografischer Wandel in Deutschland
Abschied vom Wachstum
Demografische Lage der Nation
Soziale Auswirkungen
Alterssicherung
Internationaler Vergleich
Wege in die Zukunft
Chancen und Perspektiven
Interesse der Medien
Wirtschaft und Arbeit
Föderale Strukturen
Leben mit der Leere
Materialien
Zahlen und Fakten
Weitere bpb-Angebote
Publikationen
Veranstaltungen
Wissen
Lernen
ZMI Universität Giessen Arte netzeitung.de Arte ZMI Universität Giessen taz Kulturstiftung des Bundes Berliner Konferenz Universität Duisburg-Essen Köln International School of Design
Suche
Dossier bpb.de

Demografischer Wandel in Deutschland

Wir sterben immer wieder aus

Prof. Ralf E. Ulrich
Der demografische Wandel ist heute in den deutschen Medien ein fast allgegenwärtiges Thema. In den vergangenen 100 Jahren hat das Thema jedoch bereits mehrfach einen Zyklus von Alarmierung, Suche nach Lösungen und abflauendem Interesses durchlaufen.

Der demographische Wandel ist heute in den deutschen Medien ein fast allgegenwärtiges Thema. Das galt 1972 auch für das Thema Ökologie. Gerade war Greenpeace gegründet worden, und das Buch "Die Grenzen des Wachstums" wurde weltweit zum Bestseller. Damals schrieb Anthony Downs einen bemerkenswerten Artikel zum Schicksal des Umweltthemas im Zyklus der Medienaufmerksamkeit ("Issue-Attention-Cycle"): In einer Vor-Problem-Phase werden die thematisierten Probleme von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. In der folgenden alarmistischen Phase entdecken die Massenmedien das Thema und beschäftigen sich intensiv damit. Die wichtigsten Begriffe und Konzepte der Problembeschreibung sind in aller Munde. Ein wichtiges Merkmal dieser Phase ist die kollektive Suche nach einer effektiven Lösung des Problems in möglichst kurzer Zeit. Die Existenz einer solchen Lösung wird dabei nicht in Frage gestellt.

In der dritten Phase sind die Umrisse von Lösungsstrategien bereits erkennbar. Die wirtschaftlichen und politischen Kosten einzelner Lösungen werden deutlicher wahrgenommen. Ihre Wirksamkeit wird aber auch zunehmend kontrovers beurteilt. Die Kontroverse wird dadurch verstärkt, daß einzelne Lösungsstrategien sich unterschiedlich auf verschiedene gesellschaftliche Gruppen auswirken oder mit Umverteilungen verbunden sind. In einer vierten Phase schließlich läßt das öffentliche Interesse am Thema immer mehr nach. Es wird auch erkennbar, daß einige der schlimmsten alarmistischen Erwartungen nicht eintraten. Schließlich wird das alte Thema durch ein neues abgelöst. Ein Rückblick zeigt, daß die Demographie diesen Zyklus heute bereits zum dritten Mal in den vergangenen 100 Jahren durchläuft. Der Rückgang der absoluten Geburtenzahlen Anfang des 20. Jahrhunderts löste nicht nur eine intensive wissenschaftliche Beschäftigung (u. a. durch Mombert, Brentano, Wolf) aus, sondern wurde auch stark in der Öffentlichkeit reflektiert. Ein Teil dieser Diskussion mündete in die nationalsozialistische Rassen- und Bevölkerungspolitik.

NoObject_1

Der nächste Aufmerksamkeitszyklus begann 1972, als die jährliche Zahl der Geburten in Deutschland erstmals unter jener der Sterbefälle lag. Bis Ende der siebziger Jahre wurde der Ton zunehmend alarmistischer, 1975 titelte der "Spiegel": "Sterben die Deutschen aus?". Im öffentlichen Raum und in Expertenpapieren des Bundesinnenministeriums wurden familien- und bevölkerungspolitische Maßnahmen diskutiert, die einen Wiederanstieg der Kinderzahlen befördern sollten.

Die Umsetzung wirksamer Maßnahmen konnte jedoch nicht erreicht werden. Drei Argumente trugen dazu bei. Das erste Argument war die Höhe der anfallenden Kosten, das zweite waren Zweifel an der tatsächlichen Wirksamkeit der familienpolitischen Transfers und das dritte die bevölkerungsstabilisierende Wirkung der Zuwanderung nach Deutschland. Tatsächlich konnten seit 1972 Zuwanderungen von fast sieben Millionen Menschen das kumulierte Geburtendefizit von über drei Millionen mehr als ausgleichen. Einige der schlimmsten damaligen Erwartungen, wie der bereits kurzfristig erwartete Kollaps der Rentenversicherung, sind bis heute nicht eingetreten.

Die alarmistische Phase des aktuellen Demographie-Booms begann um das Jahr 2002. Viele Argumente und Bilder sind aus den früheren Zyklen bekannt. Neu ist die historische Erfahrung von mehr als 30 Jahren anhaltend geringer Fertilität. Das wachsende Geburtendefizit wird sich zukünftig nicht mehr mit Zuwanderungen in heute vorstellbaren Dimensionen ausgleichen lassen. Zugleich werden aber auch die bislang verdrängten Kosten für die Integration von Zuwanderern stärker diskutiert. Neu ist auch die Erwartung von höheren Gewinnen in der Lebenserwartung. Die demographische Alterung wird stärker als in der Vergangenheit erwartet ausfallen.

Wird sich das Schicksal des Aufmerksamkeitsbooms für die Demographie wiederholen? In bezug auf die Medienpräsenz: ganz sicher. Wenn man Anthony Downs' Konzept anlegt, dürfte das Thema gegenwärtig am Ende der zweiten, alarmistischen Phase sein. Bald wird es in die dritte Phase eintreten, in der es um Kosten von Lösungen und ihre Wirksamkeit geht. In bezug auf tatsächliche gesellschaftliche Anpassungen an den demographischen Wandel muß sich die Situation der Siebziger nicht unbedingt wiederholen. In den vergangenen Monaten fokussierte sich die Diskussion stark auf die geringe Fertilität. Ob das Elterngeld und andere familienpolitische Transferleistungen tatsächlich eine Erhöhung der Fertilität bringen werden, ist unklar. Dies wird von vielen Demographen eher skeptisch beurteilt.

Zuwanderungen und die Integration der Zuwanderer wurden in der jüngsten Vergangenheit weniger aus demographischer Perspektive behandelt denn als Sicherheitsproblem. Diese Perspektivverschiebung ist kurzsichtig. Zuwanderungen können zwar zukünftig nicht das Geburtendefizit kompensieren, und Deutschland braucht angesichts hoher Arbeitslosigkeit in den nächsten drei Jahren nicht akut zusätzliche Zuwanderer. Aber bereits in fünf bis zehn Jahren wird gesteuerte Zuwanderung sich als unverzichtbare Komponente einer Strategie zur Bewältigung des demographischen Wandels erweisen. Der Rückblick zeigt, daß der heutige Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die Demographie letztlich nur kurz sein wird. Ob es gelingt, in diesem Zeitfenster eine nachhaltige Anpassungsstrategie zu verankern, hängt auch davon ab, ob wir fähig sind, aus der Vergangenheit zu lernen.

Der Artikel erschien am 11.05.2006 in der Tageszeitung Die Welt.


21. Januar 2010


 
Druck-Version
Artikel versenden
Redaktion
Links ins Internet

Berlin-Institut für Bevölkerungsentwicklung: Deutschland 2020

Bertelsmann-Stiftung: Aktion Demographischer Wandel

Zentrum für demografischen Wandel, Rostock
Dokumentation

"Rürup-Bericht": Nachhaltigkeit in der Finanzierung der Sozialen Sicherungssysteme

Enquête-Kommission demografischer Wandel: Schlussbericht (PDF)
Aus Politik und Zeitgeschichte
Demografischer Wandel
Demografischer Wandel
Konstant niedrige Geburtenraten und die gestiegene Lebenserwartung haben die Alterszusammen-
setzung der Bevölkerung nachhaltig verändert. Der demografische Wandel ängstigt viele – er birgt aber auch Chancen.
Demografischer Wandel
Schriftenreihe
Schrumpfende Gesellschaft
Schrumpfende Gesellschaft
Nicht das Altern, der Rückgang der Bevölkerung ist das zentrale Problem der Zukunft. Dieser lang tabuisierte Aspekt des demografischen Wandels steht im Zentrum des Buches.
Schrumpfende Gesellschaft

Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home