Schüler stellen am 12.06.2013 in der Ernst-Schering-Schule in Berlin Prominenten Fragen bei einer Veranstaltung im Rahmen der Aktion "Gewalt verhindern - Integration fördern".

Haiti: Fluchtbewegungen nach Erdbeben

1.2.2010
Als Reaktion auf das schwere Erdbeben am 12. Januar versuchen immer mehr Haitianer, das Katastrophengebiet um die Hauptstadt Port-au-Prince zu verlassen. Während ein Teil der Menschen innerhalb des Landes Schutz sucht, werden auch Fluchtbewegungen in die benachbarte Dominikanische Republik sowie Ausreiseversuche auf dem Seeweg beobachtet. Die migrationspolitischen Antworten der internationalen Gemeinschaft reichen von Aufnahmebereitschaft über Abschiebestopps bis hin zu verstärkten Grenzkontrollen.

Hintergrund



Am 12. Januar hat ein schweres Erdbeben den Süden der karibischen Republik Haiti erschüttert, den gemessen am Pro-Kopf-Einkommen ärmsten Staat der westlichen Hemisphäre. Es war das schwerste Erdbeben in der Region seit über 200 Jahren. Die Zahl der Opfer ist besonders hoch durch die Nähe des Epizentrums zum Großraum der Hauptstadt Port-au-Prince, durch fehlende Präventionsmaßnahmen sowie die prekären Wohnverhältnisse eines Großteils der Bevölkerung.

Bisher wurden rund 150.000 Tote geborgen, Schätzungen der Vereinten Nationen gehen von bis zu 200.000 Verletzten und bis zu 1 Mio. Obdachlosen aus. Nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes waren bis zu 3 Mio. Menschen von dem Beben direkt betroffen, was einem Drittel der Gesamtbevölkerung entspricht. In Port-au-Prince wurden etwa 70-80 % der Gebäude zerstört, in anderen Städten sogar bis zu 90 %.

Angesichts der mangelhaften Infrastruktur und der verheerenden Schäden kam es zu Liefer- und Verteilungsproblemen bei Hilfsgütern. Außerdem erweist sich die medizinische Versorgung der Opfer als schwierig. Die von den Betroffenen als hoffnungslos empfundene Lage sowie Streit um Wasser und Nahrungsmittel führten teilweise zu spontanen Gewaltausbrüchen sowie Plünderungen, auf die die Polizeikräfte auch mit Waffengewalt reagierten. Medienberichten und internationalen Beobachtern zufolge steigt die Zahl derer, die das Katastrophengebiet verlassen bzw. versuchen, aus Haiti auszureisen.

Binnenflüchtlinge



Bereits wenige Tage nach dem Beben mehrten sich Berichte, nach denen tausende Bewohner der Hauptstadt zu Fuß, in überfüllten Bussen oder Booten die Stadt verließen. Ziel ist oftmals die haitianische Provinz bzw. Orte, in denen Familienangehörige leben. Bisher nahmen mindestens 130.000 Bewohner des Katastrophengebiets das Angebot der Regierung an, kostenlos in andere Regionen der Inselrepublik gebracht zu werden.

Flughafen und Botschaften



Medienberichten zufolge haben sich in den Tagen nach dem Beben lange Schlangen sowohl am Flughafen von Port-au-Prince, der von US-amerikanischen Streitkräften kontrolliert wird, als auch vor verschiedenen Botschaften gebildet. Tausende Haitianer mit Verwandten im Ausland, v. a. in den USA, Kanada und Frankreich, versuchen ein Visum zu erhalten.

Dominikanische Republik



Pläne der Internationalen Organisation für Migration zur Errichtung eines Flüchtlingslagers für bis zu 100.000 Opfer des Erdbebens stießen in der Dominikanischen Republik auf Ablehnung. Politiker befürchten eine langfristige Ansiedlung der Flüchtlinge aus Haiti. Da Haiti zusammen mit der Dominikanischen Republik auf der Insel Hispaniola liegt, ist das Nachbarland ein Hauptziel haitianischer Flüchtlinge.

Zudem besteht seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine Tradition der temporären und auch dauerhaften Migration von Haitianern in die Dominikanische Republik. Während die Regierung in Santo Domingo von insgesamt etwa 1 bis 2 Mio. Haitianern in der Dominikanischen Republik spricht, gehen Migrationsforscher stattdessen von 250.000 bis 500.000 Haitianern aus, die im Nachbarstaat leben.

Präsident Leonel Fernández (PLD, liberal) bekräftigte, dass illegale Zuwanderung weiterhin nicht toleriert würde. Lediglich Schwerverletzte, Missionare, Studierende und Arbeitsmigranten aus Haiti dürften einreisen, so ein leitender Beamter der Einwanderungsbehörde.

Karibik



An der jamaikanischen Ostküste, 200 km südwestlich von Haiti, werden bereits Aufnahmeeinrichtungen für die Ankunft von haitianischen Boatpeople vorbereitet. Auch der Direktor der Einwanderungsbehörde der Bahamas Jack Thompson erklärte, dass Abschiebungen nach Haiti ausgesetzt und Aufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge eingerichtet würden. Auf den Bahamas, deren südlichste Inseln ca. 250 km von Haitis Nordküste entfernt sind, leben etwa 80.000 Haitianer.

USA



Die US-amerikanischen Behörden wollen angesichts eines möglichen Exodus haitianischer Flüchtlinge auf einen Notfallplan ("Operation Vigilant Sentry") zurückgreifen. Demnach werden die Insassen eines Abschiebezentrums in Miami in andere Zentren umverteilt, um Platz für potenzielle Flüchtlinge aus Haiti zu schaffen. Haitianische Staatsbürger, die sich bereits am Tag des Erdbebens illegal in den USA aufhielten, sollen vorerst nicht abgeschoben werden.

Die US-Regierung kündigte aber an, dass Neuankömmlinge aus Haiti generell wieder zurückgeführt werden. Auf hoher See aufgegriffene Haitianer sollen zunächst zu dem auf Kuba gelegenen US-Militärstützpunkt Guantánamo Bay gebracht werden. Heimatschutzministerin Janet Napolitano (Demokraten) warnte haitianische Flüchtlinge in einer Ansprache vor der lebensgefährlichen Passage des etwa 1.000 km langen Seewegs von Haiti nach Florida. Gemäß dem American Community Survey leben etwa 480.000 in Haiti geborene Zuwanderer in den Vereinigten Staaten.

Kanada



Einwanderungsminister Jason Kenney (Konservative) kündigte an, bis zu 5.000 Haitianer durch ein beschleunigtes Verfahren zur Familienzusammenführung in Kanada aufzunehmen. Sie müssten jedoch nachweisen, dass sie vom Erdbeben in "bedeutendem Ausmaße betroffen" seien. Das Eilverfahren gilt für Ehepartner, Kinder, Eltern, Großeltern sowie verwaiste Kinder unter 18 Jahren, deren Verwandte in Kanada leben. Die haitianische Diaspora in Kanada umfasst nach Angaben des kanadischen Statistischen Amtes etwa 100.000 Personen.

Frankreich



Einwanderungsminister Éric Besson (UMP, konservativ) kündigte die Aussetzung aller Abschiebungen von Haitianern ohne legale Aufenthaltspapiere an. In Frankreich, das von 1697–1804 Kolonialmacht auf Haiti war, leben schätzungsweise rund 80.000 Haitianer. Außerdem werde Frankreich temporär haitianische Flüchtlinge aufnehmen, die infolge des Erdbebens medizinische Hilfe benötigen, sagte Besson.

Senegal



Der senegalesische Präsident Abdoulaye Wade (PDS, liberal) erklärte, dass sich haitianische Flüchtlinge dauerhaft im Senegal niederlassen könnten. Wer "zu seinen Wurzeln zurückkehren" wolle, würde kostenlos Land im Senegal erhalten. Wenn haitianische Flüchtlinge "in Massen kommen, sind wir bereit, ihnen eine ganze Region zu geben", so Wade. Die Vorfahren vieler Haitianer stammen aus dem Senegal und wurden vor Jahrhunderten als Sklaven auf die Insel gebracht. Es ist allerdings zweifelhaft, ob Haitianer unter den gegebenen Umständen den langen und kostspieligen Weg in den Senegal antreten können.