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Reportage
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Der Glauben dient jungen Irakern als Identitätsstifter Susanne Fischer
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Die Reportage erschien im Dezember 2004 in fluter Nr. 13: "Wer Weiß? Das Glaubens-Heft".
Es gibt Tage, an denen verwünscht Ammar al-Dschanabi seinen Charakter.
Und auch seine islamische Erziehung, die ihm bedingungslosen Respekt
gegenüber den Eltern gebietet. Wäre der 31-Jährige egoistischer, säße er jetzt in Dubai in
einem modernen Apartment, hätte Strom rund um die Uhr und Frieden vor der Tür. Er
würde als Verkaufsmanager bei Sony arbeiten, hätte eine Freundin und würde sich für Religion
allenfalls am Rande interessieren.
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Zur Person |
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Susanne Fischer hat von Oktober 2003 bis Mai 2004 im Irak gelebt. Zusammen mit dem
"Stern"-Korrespondenten Christoph Reuter, hat sie 2004 das Buch "Café Bagdad. Der ungeheure
Alltag im neuen Irak"veröffentlicht.
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Doch Ammar ist ein guter Sohn. Deshalb lebt er wieder in Bagdad, in jener Stadt, die er im
Jahr 2001 fluchtartig gen Dubai verlassen hatte, nachdem ihn der Geheimdienst der Konspiration
gegen das Regime von Saddam Hussein verdächtigt hatte. Als der Krieg kam,
wollte er, der einzige Sohn, seine Eltern nicht allein lassen. Also zog er wieder zu Hause ein
und auch sonst hat sich im Leben des zuvor eher den profanen Freuden zugewandten jungen
Ingenieurs vieles verändert.
Noch bevor er morgens aufbricht zum Sheraton-Hotel im Zentrum Bagdads, wo die US-Firma
residiert, für die er seit ein paar Monaten arbeitet, rollt er im Garten seinen Gebetsteppich
aus und verneigt sich zur Andacht im Morgengrauen gen Mekka. Ein Ritual, das er,
an unterschiedlichen Orten, noch viermal am Tag wiederholt. Jeden Freitag geht er in die
sunnitische Moschee in seinem Stadtviertel Yarmouk und im Fernsehen zappt er nicht
gleich weiter zu Friends oder MTV, wenn er einen der örtlichen Prediger sieht. Anders als
den meisten irakischen Politikern, die er für korrupt und von den Amerikanern ferngesteuert
hält, gesteht Ammar den Imamen eine hohe moralische Autorität zu. Sie sind,
neben seinem Vater, die einzige Instanz, die er akzeptiert.
Als nach dem Einmarsch der Amerikaner im Irak alles kollabierte, es den alten Staat nicht
mehr gab und auch noch keine neue vom Volk akzeptierte Regierung, waren es die Imame
in den Moscheen, die im Chaos einen Rest von Halt boten, die Wasser, Medikamente
und Lebensmittel verteilten, noch bevor die ersten Amerikaner aus ihren Panzern gekrabbelt
waren. Schnell tauchte an den Wänden die Parole "Islam ist die Lösung" auf – ein Slogan,
den 1928 zuerst die ägyptische Muslimbruderschaft verwendete, mit einer Botschaft,
die vielen im Irak aktueller erscheint denn je:
Durch die strenge Befolgung islamischer Prinzipien könne die imperialistische Herrschaft
des Westens abgewehrt und eine gerechte und wohlhabende Gesellschaft aufgebaut werden.
"In Dubai habe ich fast nie gebetet, schon gar nicht fünf Mal am Tag", erinnert sich Ammar
an sein bis vor kurzem noch sehr weltlich geprägtes Leben wie an eine ferne Zeit, "ich war
so mit anderen Dingen beschäftigt, die Religion hatte keinen Platz in meinem Leben.
Aber hier, inmitten all der Unsicherheit, ist das anders." Schritt für Schritt beansprucht der
Islam eine größere Rolle in Ammars Leben – als sei er nicht nur in den Irak, sondern auch
in seine muslimische Identität zurückgekehrt.
Der Islam ist immer eine Religion gewesen, die das politische und soziale Leben seiner Anhänger – gemäß dem Glaubenssatz Din wa Daula, Glaube und Staat – stark geformt und
bestimmt hat. In einem Land, in dem jede staatliche Ordnung zusammengebrochen und
eine neue noch nicht einmal in Ansätzen sichtbar ist, bietet der Islam gerade jungen Menschen
verbindliche Regeln, Halt, einen Kompass durch die verwirrende neue Zeit.
Bevor Ammar seine Arbeit als Bauingenieur aufnahm, ging er zum Imam seiner Moschee
und fragte, ob es in Ordnung sei, für eine amerikanische Firma zu arbeiten. Der Imam befand:
Nein, sei es nicht, "das ist so, als würdest du indirekt für die US-Truppen arbeiten, du
bringst dein Leben in Gefahr". Ammar war hin- und hergerissen. Wochenlang rang er mit
sich, versuchte, mit seinem Gewissen zu klären, was patriotischer sei: dem Gebot des
Widerstands – und seines Imams – zu folgen und jede Kooperation mit den Amerikanern
zu verweigern oder durch sein Know-how den Wiederaufbau voranzubringen. Er entschied
sich, auch mangels wirtschaftlicher Alternativen, für den Wiederaufbau. Mit zwiespältigen
Gefühlen: Während des gesamten ersten Jahres nach dem Krieg hatte er nicht einem
einzigen Amerikaner die Hand gegeben.
Und je länger die Besatzung des Irak durch die amerikanischen Truppen und deren Verbündete
andauert, umso intensiver setzt sich Ammar damit auseinander, wer er eigentlich
ist, wie er dem Westen gegenübersteht, wo seine Wurzeln liegen.
Dass er sich dabei zunehmend auf seine sunnitische Identität besinnt, ist kein Zufall. Zwar
eint die Präsenz ausländischer Truppen die im Irak lebenden Menschen als "Iraker" – doch
die Oberfläche täuscht. Beim geringsten Druck zerfällt das scheinbar einige Volk in
Sunniten, Schiiten und Kurden. Mangels anderer Orientierung besinnen sich
viele Iraker auf ihren Clan, ihren Stamm – und ihren Glauben.
"Sunniten sind Ungläubige", raunt es im Schiitenviertel Qadhimiya. "Schiiten
schlafen mit ihren Schwestern", wispert es im Sunnitenviertel Adhamiya. Verloren
geht, wie leicht die Glaubensfrage vor dem Krieg wog. Im Innenstadtviertel Karrada heißt
eine Moschee "Jesus, Sohn von Maria", umgekehrt gingen noch zum letzten Weihnachtsfest
auch Schiiten in die Kirche: "Ich liebe Weihrauch, diese ganze Feierlichkeit",
sagte die fünfzigjährige Samira, die sogar einen geschmückten Weihnachtsbaum in ihrer Wohnung hatte.
Doch das friedliche Nebeneinander hat gelitten. Nach mehreren Anschlägen
auf christliche Kirchen haben in den letzten Monaten einige Tausend der insgesamt etwa
750 000 Christen das Land verlassen. Für die Identitätsstiftung taugt der Islam im
unübersichtlichen Irak gleich in zweifacher Hinsicht – zur Abgrenzung gegenüber den
"ungläubigen Amerikanern", die auf islamischem Boden nichts zu suchen hätten, aber
auch zur Positionierung in der eigenen Gesellschaft. So fürchten die Sunniten, die unter
Saddam Hussein die herrschende Klasse stellten, in einem demokratischen Irak von der
schiitischen Zweidrittelmehrheit unterdrückt zu werden.
Die Schiiten hingegen betonen ihre Identität, die sie unter Saddam aus Angst vor Verfolgung
so lange unterdrücken mussten. "Jahrelang durften wir unsere Religion nicht frei
ausüben", sagt ein Medizinstudent, der auf einer Buchmesse an der Bagdader Universität
eine CD mit schiitischen Predigten erworben hat. "Jetzt kommt alles an die Oberfläche."
Zwar hatte Saddam nach dem Golfkrieg 1991 zur Stärkung seiner Position eine "Islamisierungskampagne" gestartet und Gläubigkeit quasi zur Bürgerpflicht erhoben. Die von der Macht ausgeschlossenen Schiiten aber durften ihre religiösen Rituale, wie etwa das Pilgern zum Schrein des Imams Ali in Nadschaf, nicht praktizieren. Umso inbrünstiger werden diese jetzt öffentlich vollzogen.
Auf der Buchmesse in Bagdad laufen auf Großbildschirmen Szenen aus der Altstadt von
Nadschaf, wo sich Tausende Gläubige um die heiligen Stätten drängen, religiöser Gesang erfüllt
den Saal, in dem eigentlich medizinische Bücher verkauft werden sollen. Stattdessen
gibt es Werke wie Das richtige Benehmen für Mädchen im Islam oder Die Ethik der islamischen
Familie. Und die Studenten und Studentinnen kaufen eifrig.
Der Handel mit der Religion blüht. Auf den Plätzen vor den Moscheen breiten bärtige
Männer Tücher aus, vor denen sich wiederum bärtige Männer sammeln. Geldscheine
wandern hin und her, Tüten werden überreicht, aus der Ferne wirkt das Treiben wie
ein großer Flohmarkt. Gehandelt wird jedoch nur eine Art von Ware: schiitische Devotionalien.
Seit die Iraker nicht mehr gezwungen sind, das Antlitz Saddam Husseins zu verallgegenwärtigen, lassen sich mit Porträts religiöser Autoritäten gute Geschäfte machen.
Neue Poster will das Land. Zwischen den überwiegend greisen Gesichtern der diversen
Ayatollahs sticht ein jugendlicher Kopf ins Auge, mit schwarzem Bart und schwarzem Turban:
Muktada al-Sadr. Wie ein Popstar sieht er nicht gerade aus, trotzdem findet das milchige
Rundgesicht reißenden Absatz - auf Postern, Wandtellern, Postkarten.
Mit halb anhimmelndem, halb ehrfürchtigem Blick lässt die 20-Jährige Samira Hussein ihre
Augen über das pausbäckige Antlitz des radikalen Schiitenpredigers wandern. Al-Sadr,
jüngster Sohn des 1999 von Saddam Hussein ermordeten und hochangesehenen Ayatollahs
Mohammed Sadek al-Sadr, ist Anführer der so genannten Al-Mahdi-Armee, der "Messias-
Miliz".
Al-Sadr rekrutiert seine Anhänger und Gefolgsleute größtenteils unter den armen und
arbeitslosen Schiiten – in Bagdad vor allem aus dem Armenviertel Sadr-City, das nach seinem
Vater benannt wurde. Die Messias-Miliz leistet den US-geführten Truppen in Sadr-City und in den schiitischen Städten im Süden des Iraks Widerstand. Andere Mädchen mögen
ihre Zimmer mit Robbie Williams oder Leonardo Di Caprio schmücken - Samiras Idol
heißt Muktada al-Sadr.
Die junge Schiitin, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in einer heruntergekommenen
Baracke in Sadr-City wohnt, hat sich ganz der Religion verschrieben.Wenn sie das Haus verlässt, verhüllt sie sich nicht nur von Kopf bis Fuß, sondern auch noch ihr Gesicht. Jetzt dürfe
sie das endlich, freut sie sich, als bereite es ihr großen Spaß, bis auf einen Augenschlitz
in schwarzes Tuch gehüllt herumzulaufen. "Unter Saddam hätte ich mich, so konservativ
gekleidet, verdächtig gemacht." Jeglicher Popmusik hat sie abgeschworen, stattdessen
hört sie Korangesänge, die auf jedem Markt verkauft werden. Um mehr über den Islam zu
erfahren, hat sie sich in der Moschee für einen Kurs in religiösen Studien angemeldet. "Ich
will mein Leben Muktada widmen, er zeigt uns den richtigen Weg."
Dass für ihr Idol der Islam vor allem ein Weg zur Macht ist, will sie
nicht hören. Für sie ist er ein Held, der sich um die Armen und Machtlosen kümmert, ihm
folgen die Jungen aus den Elendsquartieren, die Verlierer der neuen Zeit. Den Mitgliedern
seiner privaten Armee, der Messias-Miliz, bietet er eine Waffe und ein Einkommen – für
manchen in diesen unübersichtlichen Zeiten schon zwei gute Gründe, zu Gott zu finden. |
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19. März 2010
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Mit den vereitelten Anschlägen von London sind die Ereignisse vom 11.09.2001 stärker in den Mittelpunkt gerückt. In Kooperation mit politik-digital präsentiert die bpb täglich eine kommentierte Linkliste zu den Folgen des Terrorismus. |
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