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Antismemitismus

"Es scheint, als würde in Deutsch-
land gerade ein letztes Tabu fallen"


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Interview mit Charlotte Knobloch
 
Knobloch
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Charlotte Knobloch, Foto: IKG
Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, über aktuelle antisemitische Vorfälle, die sie "tatsächlich an jene Zeit erinnern, die ich als Kind erleben musste", aber auch über Zeichen, die sie hoffen lassen, wie die wachsende Zahl neu errichteter Synagogen: "Wir zeigen damit, dass es Hitler nicht gelungen ist, uns zu vernichten." Das Gespräch führten Holger Kulick und Stefan Lampe.

Am 29. Januar gedachte der Deutsche Bundestag der Opfer des Nationalsozialismus. Ist das für Sie eher gesellschaftspolitische 'Pflichtübung' oder tatsächlich öffentliche Zeichensetzung, die auch einen Bewusstseinswandel in der Bundesrepublik dokumentiert?

Charlotte Knobloch: Für mich ist die Gedenkstunde des Bundestages alles andere als eine "Pflichtübung". Vielmehr machen die gewählten Repräsentanten des deutschen Volkes damit klar, dass sie sich gerade auch als politische Institution ihrer Verantwortung vor der Geschichte unseres Landes bewusst sind.

Zur Person
Charlotte Knobloch
Charlotte Knobloch, geb. 1932 in München ist seit 1985 Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern www.ikg-muenchen.de, seit 2005 Vizepräsidentin des Jüdischen Weltkongresses (WJC) und seit dem 7. Juni 2006 Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland www.zentralratdjuden.de. Als Kind 1936 geschiedener Eltern wuchs sie bei ihrer Großmutter auf, die 1944 im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Sie selbst fand Zuflucht auf dem Bauernhof einer katholischen Familie in Franken, wo sie als vermeintliche Tochter einer Hausangestellten die Naziverfolgung überleben konnte.

Wie nehmen Sie Antisemitismus im Alltag wahr? Hat sich da etwas gewandelt, nimmt er zu? Ist er plumper oder intellektueller geworden? Oder beides?

Stellenweise habe ich den Eindruck, dass antisemitische Vorurteile in einigen Gesellschaftsschichten breite Akzeptanz erfahren. Einige Vorfälle wie die Tatsache, dass im vergangenen Jahr ein Schüler in Parey gezwungen wurde, ein Schild zu tragen, dessen diffamierender Wortlaut wörtlich von einem Schild aus dem Jahr 1935 übernommen wurde, erinnern mich tatsächlich an jene Zeit, die ich als Kind erleben musste. An den Schmähbriefen, die bei den jüdischen Gemeinden eingehen, können wir erkennen, dass die Absender inzwischen auch den gebildeten Schichten zuzurechnen sind.

"Du Opfer! Du Jude!" sind immer gängigere Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen, berichten uns Lehrer. Ist das etwas, was auch Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland wahrnehmen? Was hat das für Auswirkungen auf betroffenen Schüler und wie sollte von Lehrern darauf reagiert werden? Was sollte sich an Schulen ändern, um Antisemitismus vorzubeugen? Oder auch in den Medien?

Es scheint, als würde in Deutschland gerade ein letztes Tabu fallen. Ich gehe nicht davon aus, dass alle Schüler, die "Du Jude" als Schimpfwort benutzen, einem rechtsextremen oder neonazistischen Umfeld zuzurechnen sind. Aber offensichtlich fehlt hier Sensibilität und historisches Bewusstsein – nicht zuletzt aus diesem Grund mache ich mich dafür stark, dass wir die Holocaust-Vermittlung an den Schulen überdenken.

Die moralische Dimension der Shoa und die Ableitung konkreter ethischer Handlungsanweisungen finden bei der Vermittlung historischer Fakten oftmals zu wenig Beachtung. Wir brauchen ein intensives Nachdenken über die Würde des Menschen, ein Verständnis für das "Wie" und "unter welchen Umständen" wurden und werden Menschen zu Tätern. Es müssen Transferleistungen zu den Herausforderungen der Gegenwart der Schülerinnen und Schüler erbracht werden.


31. Januar 2007

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