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Der globale Energiemarkt

Südamerika – zwischen Überfluss und Knappheit

Chance auf regionale Integration trotz Energienationalismus
Detlef Nolte, Christina Stolte
Der steigende Energiebedarf hat das Kräfteverhältnis in Südamerika verschoben. Die Andenstaaten gewinnen an Bedeutung, und Venezuela verstaatlicht seine Energieressourcen. Auf dem Kontinent zeichnet sich ein Energienationalismus ab, aber auch die Chance auf verstärkte Integration.

Urucu Öl- und Gasraffinerie im Amazonas
Der halbstaatliche brasilianische Energieriese Petrobras fördert mitten im Amazonas Öl und Gas. Das Öl wird direkt vor Ort in der Urucu Ölraffinerie behandelt. Noch Ende 2008 soll eine Gaspipeline in Betrieb genommen werden, die Urucu mit dem 670 Kilometer entfernten Manaus verbindet. Foto: AP
Betrachtet man die Energiesituation in Südamerika, so scheint die Region auf den ersten Blick relativ reich an fossilen Ressourcen: Der Kontinent ist im Besitz von 9 Prozent der weltweiten Ölvorkommen und 4,4 Prozent der globalen Gasreserven.[1] Ein ambivalenteres Bild ergibt sich hingegen, wenn die regionale Verteilung der Energievorkommen in die Analyse einfließt: Die großen Öl- und Gasvorkommen konzentrieren sich auf nur wenige Staaten des Kontinents. So befinden sich allein in Venezuela knapp 78 Prozent der regionalen Ölvorkommen sowie 67 Prozent der Gasreserven. Dieser Reichtum verleiht dem Land eine energiepolitische Vormachtstellung. Weitere nennenswerte Energievorkommen finden sich hauptsächlich in der Andenregion. Hier sind vor allem Ecuador, als zweitgrößter Ölexporteur, und Bolivien als wichtigster Gasexporteur der Region zu nennen. Auch Kolumbien und Peru verfügen über umfangreiche Öl- und Gasvorkommen.

Dem gegenüber stehen die Länder des südlichen Südamerika, dem so genannten Cono Sur mit Chile, Argentinien, Uruguay, Paraguay und Brasilien, die in den letzten Jahren immer wieder mit Energieknappheit zu kämpfen hatten. Besonders kritisch stellt sich die energiepolitische Lage in Chile dar. Das Land verfügt über so gut wie keine eigenen Öl- oder Gasvorkommen und ist vollständig auf Energielieferungen aus dem Ausland angewiesen. Hingegen sind Brasilien und Argentinien zwar im Besitz eigener Öl- und Gasvorkommen. Doch aufgrund ihrer Bevölkerungsstärke und ihres Wirtschaftswachstums haben sie einen sehr hohen Energiebedarf. Dabei sind Argentinien, lange Zeit selbst Energieexporteur, und Brasilien, das seit 2006 die Selbstversorgung mit Erdöl erreicht hat, vor allem abhängig von Gasimporten. Ihren Energiehunger deckten die beiden großen Volkswirtschaften Südamerikas bislang durch Gaslieferungen aus dem Nachbarland Bolivien.

Zur Person
Prof. Dr. Detlef Nolte, Direktor des Instituts für Lateinamerika-Studien am GIGA, dem German Institute of Global And Area Studies. Nolte hat u.a. aktuell im GIGA Fokus 2007 über die neue Verortung Lateinamerikas innerhalb der internationalen Politik mit Blick auf die Energierohstoffe geschrieben.

Die extreme Abhängigkeit von den bolivianischen Energielieferungen birgt ein hohes Risiko für den Cono Sur. So gefährden die aktuellen Produktionsausfälle in dem politisch instabilen Andenstaat die Energieversorgung der gesamten Subregion. Strom- und Gasrationierungen, wie sie in Argentinien bereits im Winter 2007 stattfanden, drohen nun auch Brasilien, Chile und Paraguay [2].

Zur Person
Christina Stolte, Mitarbeiterin am GIGA German Institute of Global and Area Studies in Hamburg. Sie befand sich bereits zu mehrmonatigen Aufenthalten in Peru, Ekuador und Mexiko/Zentralamerika.

Eine Energiekrise im Cono Sur hätte sowohl wirtschaftliche als auch politische Folgen. Vor allem Brasilien, die größte Volkswirtschaft des südamerikanischen Kontinents, würde durch die Lieferprobleme Boliviens empfindlich getroffen werden. Brasilien konkurriert deshalb offen mit Argentinien um die knapper werdenden Gaslieferungen aus Bolivien.

Venezolanische Petropolitik

Angesichts der extremen Abhängigkeiten der Cono Sur-Staaten von Energieimporten, haben sich die wirtschaftlichen und politischen Kräfteverhältnisse auf dem südamerikanischen Kontinent zugunsten der energiereichen Andenstaaten verschoben. Der steigende globale Energiebedarf und die sich abzeichnende Erschöpfung fossiler Energieressourcen verleihen energiereichen Ländern strategische Relevanz. Besonders Venezuela, das mit Abstand energiereichste Land der westlichen Hemisphäre, konnte deshalb in der regionalen Machthierarchie aufsteigen.

Der venezolanische Regierungschef Hugo Chávez setzt den Energiereichtum seines Landes gezielt als Instrument seiner Außenpolitik ein. Mithilfe von Öllieferungen zu Vorzugspreisen versucht er seinen Einfluss in der Region zu vergrößern. Im Rahmen des "Petrocaribe-Abkommens" von 2005 versorgt Venezuela die Karibikstaaten mit insgesamt 190.000 Barrel Öl pro Tag zu besonders niedrigen Preisen. Darüber hinaus bietet Chávez den Mitgliedern des Energieabkommens einzigartige Finanzierungskonditionen für die venezolanischen Öllieferungen: Je höher die Preise auf dem Weltmarkt steigen, desto günstiger werden die Kredite, die Chávez den Mitgliedsstaaten des Energieabkommens gewährt. Ferner stellt er den Staaten frei, die Öllieferungen bei Devisenmangel in Naturalien oder Dienstleistungen zu bezahlen. [3] Seit 2003 regt der venezolanische Präsident außerdem die Gründung eines lateinamerikanischen Energieverbundes namens Petroamérica an, in welchem alle bisherigen Abkommen zusammengeführt werden sollen.

Energienationalismus in Südamerika

In Südamerika, dessen Ressourcenreichtum jahrhundertelang durch ausländische Mächte ausgebeutet wurde, reicht die Bedeutung der Rohstoffe weit über ihre Funktion als Einnahmequelle hinaus: Die Verfügbarkeit über die Energieressourcen ist ein Symbol der nationalen Souveränität. Vor diesem Hintergrund verzeichnet Südamerika einen zunehmenden Energienationalismus. [4] Politisch und wirtschaftlich gestärkt durch die hohen Öl- und Gaspreise der vergangenen Jahre treten die Regierungen der energiereichen Staaten Südamerikas zunehmend selbstbewusst gegenüber den ausländischen Energieunternehmen auf. Mit dem Ziel, die Entscheidungsgewalt des Staates über die Förderung der Energievorkommen wiederzuerlangen und sich einen Anteil an den steigenden Gewinnen aus dem Öl- und Gasgeschäft zu sichern, haben Bolivien und Venezuela ihre Energieressourcen 2006 und 2007 verstaatlicht und die Förderverträge mit den ausländischen Unternehmen neu ausgehandelt. Auch die Regierung Ecuadors fordert zunehmend eine größere Beteiligung an den Gewinnen aus dem lukrativen Ölgeschäft.

Für ausländische Investoren stellt der Trend zur Verstaatlichung von Energieressourcen in Südamerika ein Risiko dar. In den letzten zwei Jahren mussten zahlreiche internationale Energiekonzerne wie etwa die spanische Repsol, der US-Konzern Exxon Mobil oder auch das brasilianische Energieunternehmen Petrobras ihre Mehrheitsanteile an der Öl- und Gasförderung in den Andenstaaten abtreten und im Rahmen neuer Verträge ungünstigeren Förderbedingungen zustimmen. Dies führte in einigen Fällen zu erbitterten Rechtsstreitigkeiten zwischen den Konzernen und den Regierungen der jeweiligen Länder. So befindet sich der venezolanische Staat seit mehreren Monaten in einem Rechtsstreit mit dem Energieriesen Exxon Mobil. Der Konzern lehnt eine Minderheitsbeteiligung in den Ölförderprojekten im Orinoco-Becken ab und hat deshalb Venezuela auf hohe Schadensersatzforderungen verklagt.

Von den neuen, wenn auch umstrittenen Vertragsbedingungen profitieren die armen Bevölkerungen in den ressourcenreichen Staaten. So fließt ein beachtlicher Teil der Gewinne aus dem Öl- und Gasgeschäft Venezuelas und Boliviens in sozialpolitische Maßnahmen. Dies sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit den gestiegenen Staatseinnahmen auch die Korruption deutlich zugenommen hat. Zudem ist fraglich, ob die finanzielle Basis für die großzügigen Sozialprogramme langfristig gesichert ist: Die verstaatlichten Energiekonzerne investieren zu wenig und können aufgrund ihrer ineffizienten Geschäftsführung das ursprüngliche Produktionsniveau oft nicht aufrechterhalten. [5] So ist teils mit sinkenden Ölförderquoten und sogar mit Produktionsausfällen und damit trotz Ressourcenreichtums mit Versorgungsengpässen zu rechnen.[6]

Die Suche nach Alternativen

Die Regierungen der von Energieimporten abhängigen Länder, wie Argentinien, Brasilien und Chile, sind deshalb bestrebt, durch eine Diversifizierung ihrer Energieversorgung und die Erschließung eigener Energievorkommen langfristig autonom von ausländischen Energielieferungen zu werden. In diesem Zusammenhang kommt der Produktion von Biokraftstoffen eine steigende Bedeutung zu. Brasilien, das schon heute 40 Prozent seines Kraftstoffverbrauchs durch Biobrennstoffe deckt und auf diese Weise seinen Ölverbrauch signifikant verringert hat, nimmt hier eine Vorreiterolle ein. [7] Viele Staaten der Region folgen dem brasilianischen Beispiel und haben in den letzten Jahren ebenfalls Biokraftstoffprogramme entwickelt.

Eine weitere Alternative zu den fossilen Energieträgern sehen die südamerikanischen Staaten in der verstärkten Nutzung von Wasserkraft. In den kommenden Jahren sollen deshalb nicht nur bestehende Wasserkraftwerke erneuert, sondern auch mehrere neue Staudämme gebaut werden. Dies stößt jedoch auf wachsenden Widerstand in der Bevölkerung, da viele der Staudammprojekte in ökologisch sensiblen Gebieten geplant sind. Neben gravierenden ökologischen käme es auch zu sozialen Auswirkungen, denn großflächige Landflutungen würden die lokalen Bevölkerungen zu Umsiedlungen zwingen.

Andere alternative Energien, wie die Nutzung von Windkraft, Solarenergie oder Erdwärme, sind trotz ihres großen Potenzials bisher kaum verbreitet. Stattdessen setzen die Staaten des südlichen Südamerika verstärkt auf Atomenergie. So schlossen Argentinien und Brasilien im Februar 2008 ein Abkommen zur gemeinsamen Urananreicherung ab und planen mit Atucha II (Argentinien) und Angra III (Brasilien) den Bau weiterer Reaktoren [8].

Energieintegration als Lösung?

Eine andere Möglichkeit, dem Ziel der Energiesicherheit in Südamerika näher zu kommen, stellt die Energieintegration dar. Durch verstärkte Kooperation im Energiebereich könnten erhebliche Kosten gespart und die Potenziale der ressourcenreichen Region besser genutzt werden. [9] Zudem könnten teure Investitionen in Raffinerien oder in den Ausbau der Gaspipelines gemeinsam getätigt werden.

Von einer Energieintegration in Südamerika würden nicht nur die energieabhängigen Staaten des Cono Sur in Form von größerer Versorgungssicherheit profitieren, sondern auch die ressourcenreichen Länder des Andenraumes. Der Vorteil läge für sie in einer Diversifizierung ihrer Lieferbeziehungen und verstärkten Investitionen der Nachbarländer in ihre Öl- und Gasproduktionen. Zudem könnte eine verstärkte Kooperation im Energiebereich eine Möglichkeit darstellen, die stagnierenden wirtschaftlichen Integrationsprozesse in der Region wiederzubeleben.

Erste Projekte zur Energieintegration Lateinamerikas werden bereits auf subregionalem Niveau durchgeführt. So schlug der venezolanische Regierungschef den Bau einer panamerikanischen Gaspipeline vor, die über fast 8.000 Kilometer die Länder des südlichen Südamerikas mit der Energiemacht Venezuela im Norden des Kontinents verbinden und so den steigenden Gasbedarf Brasiliens, Argentiniens und Chiles decken soll.[10]

Ob dieses Megaprojekt tatsächlich umgesetzt wird, ist sowohl aus ökonomischen wie auch ökologischen Gründen fraglich, doch die energiepolitische Diskussion hat begonnen. Auf dem ersten Südamerikanischen Energiegipfel in Venezuela im April 2007 vereinbarten die Regierungschefs die Gründung eines südamerikanischen Energierates, der einen regionalen Energieplan ausarbeiten soll. [11] Das Potenzial der Energieintegration für die Region ist erkannt.


05. September 2008

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Redaktion
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