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Bilder in Geschichte und Politik

Weltbilder auf Karten


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Ute Schneider
Das Bild der Welt

Karte einer Studentin
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Karte einer Studentin
Eine Gruppe Studierender sollte die Welt zeichnen; das Ergebnis löste bei allen großes Erstaunen aus, denn die Zahl verschiedenartiger Welten entsprach der Anzahl der Seminarteilnehmer. Die abgebildete Darstellung fiel durch ihre Farbigkeit und weitere Merkmale auf. Hatten andere die Welt eher auf eine Fläche projiziert, so hatte sich diese Zeichnerin für den Globus entschieden. Deshalb konnte sie nicht alle Länder abbilden, zeichnete aber Teile von Nord- und Südamerika, Europa und Afrika; Asien fehlt ebenso wie Grönland im Norden. Der Blick des Betrachters fällt auf Europa, das Zentrum der Karte. Damit entspricht diese Darstellung den europäischen Abbildungen der Welt, wie wir sie aus Atlanten und anderen Medien kennen.

Zur Person

HD Dr. Ute Schneider, Studium der Geschichte und Allgemeinen Sprachwissenschaft an der Universität Düsseldorf; seit 2003 Hochschuldozentin für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Darmstadt; dort auch Redaktionsleitung der "Neuen Politischen Literatur (NPL)"; mehrere Monographien, darunter "Die Macht der Karten" (Darmstadt 2004);" verschiedene Projekte im Bereich der Kultur- und Sozialgeschichte

Die Studierende hat eine weitere Information in ihre Abbildung aufgenommen. Statt wie gewohnt Gebirge, Städte, Flüsse oder Seen zu zeichnen, zeichnete sie Menschen. Sie verweisen vielleicht auf bewohnte Regionen, bedeuten aber womöglich noch mehr. Die Menschen sind keineswegs gleichmäßig verteilt: Afrika und Südamerika sind stark bevölkert, die anderen Länder und Kontinente eher dünn. Intuitiv und unaufgefordert hatte die Studierende Wissen und Vorstellungen über die Welt und die Probleme unterschiedlicher Bevölkerungsdichte in ihre Zeichnung eingefügt. Inwieweit sie dabei die Problematik von Überbevölkerung und Ernährung im Kopf hatte, ist der Abbildung nicht zu entnehmen.

Das Phänomen Karte

Karten speichern Wissen, enthalten auf den Raum bezogene Informationen, die aber nicht auf geographische Aspekte beschränkt sein müssen. Das Speichern von Wissen ist bis heute meistens an Institutionen wie Kirche und Staat oder an Personen der gesellschaftlichen Elite gebunden. Damit sind Karten immer auch Mittel und Ausdruck von Macht, wie es der amerikanische Geograph Brian Harley einmal formuliert hat. In einem gewissen Rahmen hängt darüber hinaus die Auswahl der Informationen von den Entscheidungen der Kartographen ab. Und weil auch sie Kinder ihrer Zeit sind, fließen unwillkürlich vorherrschende Diskurse und Weltsichten in ihre Karten ein. Karten bilden damit nicht die Realität in einem "objektiven" Sinne ab, sondern im Sinne zeitgenössischer Deutungen, Normen und zeitgenössischen Wissens. Wie Texte haben Karten eine Oberfläche und so genannte Subtexte, die sich nur erschließen, wenn man die Karten im Kontext ihrer Entstehungszeit betrachtet. [Abb. 2, Ritter; Abb. 3, Stiehler]

Das Entschlüsseln kartographischer Botschaften setzt auch bei Zeitgenossen die Fähigkeit voraus, Karten lesen zu können. Das erscheint uns heute wie selbstverständlich, wurde aber wahrscheinlich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer allgemeinen Kulturtechnik. Bisher wissen wir sehr wenig über die Verbreitung und den Gebrauch von Karten in der Bevölkerung. Es scheint aber, als hätten Militär und Schule, die in Europa seit dem 19. Jahrhundert zu allgemeinen Pflichten wurden, auch zur Verbreitung von Karten und damit des Kartenlesens beigetragen.


28. Dezember 2005

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