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Schwarze Identität, Transkulturalität und die Aufgabe politischer Bildungsarbeit


30.7.2004
Die gesellschaftliche Beteiligung der afro-deutschen Bevölkerung und anderer Communities stellt einen Ansatzpunkt für politische Bildungsarbeit dar. Welche vielfältigen Möglichkeiten bestehen zur Sensibilisierung der weißen Öffentlichkeit für das Thema Transkulturalität?

Einleitung



Dieser Artikel basiert auf der Prämisse, dass die zunehmende kulturelle Pluralisierung in Europa die einzelnen Länder vor eine zentrale Aufgabe stellt. Es ist somit erforderlich, die Bevölkerung mittels "Public Education", d.h. durch politische Bildungsarbeit, zu befähigen mit soziopolitischer Differenz und ihren konkreten gesellschaftlichen Folgen umzugehen. Das bedeutet, dass eine Sensibilisierung für Transkulturalität und ihre gesellschaftliche Tragweite innerhalb der Bevölkerung vor allem aber innerhalb der Institutionen des täglichen Lebens – wie z.B. Schule, Ämter – erreicht werden muss.

Von entscheidender Bedeutung ist es, die Wahrnehmung und das Konzept europäischer Identitäten entsprechend den Entwicklungen der Spätmoderne anzupassen. In diesem Zusammenhang thematisiere ich die damit einhergehende Anerkennung Schwarzer Präsenz in Europa als Fakt und als eine europäische Realität. Konzepte einer Schwarzen Staatsbürgerschaft, wie sie in Großbritannien, Frankreich oder in den Niederlanden umgesetzt werden, können hier Beispiele liefern für unsere Situation in Deutschland. Die gesellschaftliche Beteiligung der afro-deutschen Bevölkerung und anderer Communities von "People of Color" stellt einen weiteren wichtigen Faktor dar. Dieser Artikel fragt nach Ansatzpunkten politischer Bildungsarbeit in Zusammenhang mit der Schwarzen Bevölkerung. Er thematisiert gleichzeitig Möglichkeiten einer Sensibilisierung der weißen Öffentlichkeit zum Thema Transkulturalität.

Schwarze Identität, Transkulturalität und die Aufgabe politischer Bildungsarbeit auf europäischer und nationaler Ebene



Die bundesdeutsche Gesellschaft wird – wie viele europäische Gesellschaften – beschrieben als eine Gesellschaft, die durch eine zunehmende kulturelle Pluralisierung und einen Relativismus gekennzeichnet ist. Die offizielle Erklärung der Bundesrepublik Deutschland zum Einwanderungsland gilt als Hauptpfeiler eines gesteigerten gesellschaftlichen Bewusstseins für die Pluralität deutscher Kultur (Alltagskultur und Popkultur) und die Vielfalt deutscher nationaler Identitäten bzw. möglicher oder denkbarer Identitätsformen. Die kulturelle Differenzierung und Rationalisierung, die in einer postmodernen Gesellschaft wie in der BRD ausschlaggebend ist, verlangt eine kritischen Betrachtung zentraler Größen wie (nationale) Zugehörigkeit und gesellschaftliche Beteiligung und die Rolle von Formen sozialer Interaktion der verschiedenen Bevölkerungsgruppen untereinander. Dieser Blick muss m.E. über die beschränkte Perspektive einer Problematisierung der Konflikte und Spannungen zwischen den Gruppen hinaus, in diesem Zusammenhang zwischen weißen Bevölkerungsgruppen und der schwarzen europäischen Bevölkerung entwickelt werden.

Eine Grundanforderung besteht darin, Schwarze Präsenz, die Anwesenheit Schwarzer Bürgerinnen und Bürger in Europa, in Deutschland nicht als vorwiegend vorübergehend wahrzunehmen, sondern als Fakt, als eine europäische Realität anzuerkennen und mit allen daraus wachsenden Konsequenzen Rechnung zu tragen. Konzepte Schwarzer Staatsbürgerschaft ("Concepts of Black Citizenship") wie sie vor allem in Großbritannien und Frankreich, aber auch in den Niederlanden oder in Frankreich propagiert werden, bieten hierfür Grundlagen und Beispiele eines möglichen Umgangs mit der gesellschaftlichen Beteiligung Schwarzer Gemeinschaften. Tatsächlich haben Schwarze Deutsche Historikerinnen und Historiker wie Oguntoye und El-Tayeb Schwarze Deutsche, Afro-Deutsche Geschichte fest in einer Gesamtentwicklung der deutschen Geschichte verankert, sei dass nun in der Weimarer Republik, im dritten Reich, in der ehemaligen DDR oder in der zeitgenössischen Geschichte der BRD.[1] Sie haben Beweise dafür gesucht, dass die Präsenz und der Beitrag Schwarzer Bevölkerungsgruppen auf vielschichtiger und anhaltender Weise das gesamtdeutsche historische Bild mitgestaltet und ihren spezifischen Einfluss geprägt hat.


Fußnoten

1.
Vgl. Fatima El-Tayeb: Schwarze Deutsche – Der Diskurs um "Rasse" und nationale Identität 1890-1933, Frankfurt/M. 2001; Katharina Oguntoye: Eine afro-deutsche Geschichte – Zur Lebenssituation von AfrikanerInnen und Afro-deutschen in Deutschland von 1884 bis 1950, Berlin 1997.

 

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