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Politik

Indiens Außenpolitik


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Einführung und Überblick
Stefan Mentschel
Indien hat in den vergangenen Jahren erheblich an politischem Gewicht gewonnen. Zugrunde liegen dem selbstbewussten Agieren auf der Weltbühne unter anderem eine Neuausrichtung der indischen Außenpolitik
US-Präsident Bush and Indiens Premier Singh
Grossansicht des Bildes
US-Präsident George W. Bush and Indiens Premier Manmohan Singh in New Delhi im März 2006
nach Ende des Kalten Krieges und die kontinuierlich boomende Wirtschaft als Stütze dieser Politik. Doch schon vor 1991 war Indien ein herausragender internationaler Akteur. Da es unmöglich, in diesem Dossier die Außenpolitik in all ihren Einzelheiten zu beleuchten, haben wir uns für vier Schwerpunkte entschieden: das Verhältnis Indien-USA (C. Raja Mohan), die indisch-pakistanischen Beziehungen und den Konflikt um Kaschmir (Iftikhar Gilani), die indisch-chinesischen Beziehungen (Jochen Buchsteiner) sowie das Verhältnis von Indien, EU und Bundesrepublik Deutschland (C. Uday Bhaskar). Hinzu kommt ein kurzer Überblick zu Indiens Rolle in Südasien.

Zur Person
Stefan Mentschel ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Journalist. Nach Studium an der Freien Universität, Volontariat und Redakteurstätigkeit in Berlin lebt und arbeitet er heute in Neu Delhi. In Zeitungen und Zeitschriften wurden zahlreiche Artikel und Reportagen von ihm aus und über die Region Südasien veröffentlicht. 2005 erschien sein Buch "Right to Information: An Appropriate Tool Against Corruption" (Mosaic Books, New Delhi). Für die Bundeszentrale hat er das vorliegende Dossier konzipiert und redaktionell betreut.

Nach Erlangung der staatlichen Souveränität 1947 agierte die junge Nation unter Führung von Premier Jawaharlal Nehrus unabhängig und selbstbewusst auf internationaler Bühne. Jenseits der Konfrontation der Supermächte erwarb sich Indien durch das Engagement in der Bewegung der Blockfreien Respekt und Anerkennung. Im Jahr 1955 hatten auf Initiative Nehrus 23 asiatische und sechs afrikanische Staaten im indonesischen Bandung den Grundstein für diese Organisation gelegt, die sich im Ost-West-Konflikt neutral verhielt. Die Konferenz verabschiedete mehrere Resolutionen, in denen unter anderem "jede Form von Kolonialismus und Rassendiskriminierung" verurteilt und die "Beachtung der Charta der Vereinten Nationen" gefordert wurde. Zudem sprach man sich für den "Abbau der Spannungen zwischen den Machtblöcken und eine allgemeine Abrüstung" aus. Das Bündnis konstituierte sich 1961 in Belgrad, wobei Indien neben Jugoslawien und Ägypten die Führungsrolle übernahm.

Auch die starke Bindung an die Sowjetunion war lange eine wichtige Konstante der Außenpolitik Neu Delhis. Als überzeugter Demokrat strebte Nehru nie eine sozialistische Gesellschaftsordnung an, zollte aber wie viele indische Intellektuelle den sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften in dem kommunistischen Land großen Respekt. Daher reagierte er positiv, als Moskau Mitte der 50er Jahre um Indien zu werben begann und den Weg für ein "besonderes Freundschaftsverhältnis" ebnete. Im Gegensatz dazu waren die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten bis zum Ende des Kalten Krieges ambivalent, bisweilen sogar frostig. So gehörte Indien zu den schärfsten Kritikern des US-amerikanischen Krieges in Vietnam. Auch die Rolle Washingtons im Konflikt mit dem Nachbarn Pakistan belastete lange die Beziehungen der beiden größten Demokratien.

Der indisch-pakistanische Konflikt

Hauptstreitpunkt zwischen Indien und Pakistan ist die Region Kaschmir, um die beide Staaten drei Kriege – 1947, 1965 und 1971 – geführt haben. Der erste Waffengang endete mit einem Waffenstillstand unter Aufsicht der Vereinten Nationen und der faktischen Teilung des ehemals unabhängigen Fürstentums. Obwohl Neu Delhi die Supermächte aus der Region Südasien und vor allem aus diesem Konflikt heraushalten wollte, konnte es nicht verhindern, dass Pakistan Unterstützer suchte und in den USA fand. Folgerichtig lehnte sich Indien stärker an die Sowjetunion an. Die Politikwissenschaftlerin Citha D. Maaß spricht in diesem Zusammenhang von einem "strategischen Viereck".

Indisches und pakistanisches Tor am Grenzübergang Wagah unweit von Amritsar (Punjab)
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Indisches und pakistanisches Tor am Grenzübergang Wagah unweit von Amritsar (Punjab)
Foto: Stefan Mentschel

Der Kaschmir-Konflikt entwickelte sich zu einem dauerhaften Belastungsfaktor der bilateralen Beziehungen und löste einen Rüstungswettlauf aus, der auch die Entwicklung von Kernwaffen einschloss. Im Mai 1998 testete Indien (zum zweiten Mal nach 1974) erfolgreich mehrere Atomsprengsätze, worauf Pakistan wenige Tage später mit einer eigenen Testreihe reagierte. In den folgenden Monaten spitzte sich die Lage bedrohlich zu. Nach der Kargil-Krise 1999 und Terroranschlägen auf das Landesparlament in Srinagar am 1. Oktober 2001 sowie das Parlamentsgebäude in New Delhi am 13. Dezember 2001 zogen beide Seiten entlang der Grenze rund ein Million Soldaten zusammen. Erst im November 2003 verständigte man sich auf einen Waffenstillstand.

Anfang 2004 kam Bewegung in den Friedensprozess. Der damalige indische Premier Atal Behari Vajpayee und der pakistanische Präsident Pervez Musharraf verabredeten, zu mehreren Themenkomplexen gemeinsame Gespräche – den so genannten Composite Dialogue – aufzunehmen. Diese Politik wird auch von der neuen indischen Regierung, die seit Mai 2004 im Amt ist, weitergeführt. Bislang konnten in einigen Bereichen Fortschritte erzielt werden, ein Durchbruch bei der Lösung des Kaschmir-Konflikts steht allerdings aus. Auch 2006 wurde der Dialog fortgesetzt. Nach Ansicht Iftikhar Gilanis sind Indien und Pakistan einer Lösung inzwischen näher als jemals zuvor. Gleichzeitig erschweren jedoch die verheerenden Bombenanschläge von Varanasi und Mumbai (Bombay) – für die der Nachbar zumindest mitverantwortlich gemacht wird – den Friedensprozess, da vor alle in Indien der innenpolitische Widerstand gegen eine Annäherung wächst.


18. Januar 2007

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