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Wirtschaft und Soziales: Kehrseite des Booms

Reise durch den Selbstmordgürtel


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Trotz High-Tech-Boom – Indien ist ein Agrarland
Britta Petersen
Jedes Jahr im Sommer richten sich die Blicke der indischen Bauern sorgenvoll gen Himmel. Im Juni beginnt die Zeit der Monsun-Regen. Es ist die wichtigste Zeit für die indische Landwirtschaft. Setzen die Sommerregen rechtzeitig ein? Und bringen sie die erwünschte Menge an Niederschlägen?
Feldarbeit mit Ochsenpflug und Kindern in Andhra Pradesh
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Feldarbeit mit Ochsenpflug und Kindern in Andhra Pradesh
Foto: Rainer Hörig

Von diesen Fragen hängt nicht nur ab, ob die Bauern ein erfolgreiches Jahr haben – die gesamte Volkswirtschaft hängt davon ab. Denn trotz des viel beschriebenen IT-Booms ist Indien ein Agrarland geblieben.

33 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) werden von den Bauern erwirtschaftet. Damit ist die Landwirtschaft noch immer der größte Wirtschaftszweig des Landes. Ein ausbleibender Monsun kann das Wirtschaftswachstum, das in im Jahr 2006 auf mehr als acht Prozent geschätzt wird, erheblich drücken. Für die Menschen hat das katastrophale Auswirkungen: 60 Prozent der Ernten bestehen aus Getreide und Hülsenfrüchten zur Versorgung der eigenen Bevölkerung. Zwei Drittel verdienen ihr Brot in der Landwirtschaft, das sind mehr als 600 Millionen Menschen. Jeder vierte Bauer weltweit ist Inder.

Zur Person
Britta Petersen lebt als freie Autorin und Journalistin in Neu-Delhi. Sie ist Mitglied im Korrespondentennetzwerk Weltreporter und Vorsitzende der Initiative Freie Presse (IFP), die in Afghanistan Journalisten ausbildet. Dafür erhielt sie 2005 den Leipziger "Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien". Im August 2006 erschien im Herder-Verlag ihr zweites Buch "Wo die Götter leben. Alltag und Religion in Indien".

Vom Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre haben die indischen Landwirte nicht profitieren können. Im Gegenteil: Fast täglich ist in den Zeitungen von Suiziden unter Bauern zu lesen. Die Umweltaktivistin Vandana Shiva geht davon aus, dass sich landesweit in den vergangenen fünf Jahren rund 40.000 Bauern das Leben genommen haben. Für die Trägerin des Alternativen Nobelpreises kommt das einem "Genozid" gleich. "Die Selbstmorde sind ein Ergebnis von Schulden, und Schulden sind ein Ergebnis von steigenden Produktionskosten und fallenden Preisen, die mit der Handelsliberalisierung in Verbindung stehen", sagt sie.

Landflucht als Ausweg aus der Misere?

Wegen des starken Bevölkerungswachstums – derzeit 1,4 Prozent im Jahr – ist die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten seit der indischen Unabhängigkeit 1947 um etwa ein Drittel gewachsen. Zugleich ging die Größe der bewirtschafteten Flächen wegen der Aufsplitterung durch das Erbrecht von durchschnittlich vier auf 1,5 Hektar zurück. "1,5 Hektar wären noch immer ausreichend, um die Menschen zu ernähren, wenn wir eine andere Politik hätten. Aber das ist leider nicht der Fall", sagt der Agrarwissenschaftler Devinder Sharma. Er ist Gründer der Chakriya Vikas Foundation, die sich für nachhaltige Anbaumethoden in der Landwirtschaft einsetzt, und einer der schärfsten Kritiker der indischen Agrarpolitik.

Bei kleineren Anbauflächen sind die Bauern zum Teil gezwungen, sich als Tagelöhner zu verdingen, oder sie werden in die Schuldknechtschaft gezwungen, die eigentlich gesetzlich verboten ist. Zugleich besteht in einigen Unionsstaaten noch immer ausgedehnter Großgrundbesitz bei einer großen Anzahl landloser Bauern. Wer jung ist und Kraft hat, verlässt die heimatliche Scholle, um Arbeit in der Stadt zu suchen. Einer von ihnen ist Manoj, 23 Jahre alt, aus Jhansi im Unionsstaat Madhya Pradesh. Er ist mit dem Zug in Delhi angekommen – wie so viele in der Hoffnung auf ein besseres Leben. "Meine Familie ist noch zu Hause. Wir bauen auf unserem Hof Weizen, Rohrzucker und Linsen an. Aber Wasser ist das Hauptproblem", sagt er. "Ich hoffe, dass ich hier für zwei, drei Jahre Arbeit finde – warum sollte ich sonst von zu Hause weggehen?"

Die meisten der Landflüchtlinge landen in den Slums der großen Städte. "Delhi besteht heute schon zu 40 Prozent aus Slums, und es gibt Schätzungen, wonach diese Zahl bis 2010 auf 80 Prozent steigen könnte", so Devinder Sharma.


24. Januar 2007

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