Veranstaltungen: Dokumentation

Einstieg in die Tagungsthematik: Japan und Korea:

Wandel und Annäherung im 21. Jahrhundert

13.11.2002
Irmela Hijiya-Kirschnereit, Direktorin des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo - Einstieg in die Tagungsthematik: Japan und Korea: Wandel und Annäherung im 21. Jahrhundert.

Irmela Hijiya-Kirschnereit, Direktorin des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokyo

Wer heute von Pokémon redet, setzt sich womöglich dem Vorwurf mangelnder Aktualität aus. Und in der Tat hat dieses digitale japanische Phantasieprodukt die heftigste Phase seiner weltweiten Ausbreitung wohl hinter sich. Andersherum ließe sich sagen, Pokémon ist derart allgegenwärtig, daß sich so leicht gar kein Terrain mehr für seine weitere Expansion finden läßt. Und so gesehen, dürfte Pokémon natürlich einen idealen Stoff für kritische Attacken auf die Globalisierung abgeben. Mit Sicherheit wird man Derartiges auch schon lesen können.

Nun kann man der Familie der Taschenmonster natürlich auch positive Aspekte abgewinnen. Der auch in Japan sehr bekannte koreanische Autor Lee O-Young (Yi O-Nyong) beispielsweise hält Pokémon zugute, daß es eine globale Sprache entwickelt habe, durch die unsere ansonsten auseinanderfallende Welt sich verbinden lasse. Auch Japan und Korea bringt Pokémon folglich einander näher. Doch die völkerverbindende Wirkung der possierlichen Figuren und ihrer Geschichten dürfte sich, das weiß natürlich auch Lee, genauso zwischen Japan und Deutschland, oder, sagen wir, Thailand, Südafrika, Grönland und Australien entfalten, solange Pokémon als Plüschtierchen, auf dem Bildschirm, auf Sammelkarten oder in welcher Form auch immer in diesen Ländern zu finden ist. Wenn es also um die japanisch-koreanischen Gemeinsamkeiten geht, wäre Pokémon allein ein schwaches Argument. Doch weiß Lee durchaus noch von anderen zu berichten. Beide Länder verbinde die Eßstäbchen-Kultur, und auch in ihrem Sprachdenken seien sie einander durchaus verwandt. Sowohl das Japanische wie das Koreanische hätten nämlich die Tendenz, die Dinge direkt und intuitiv in lautmalerische Formen zu bringen, ohne sie intellektualistisch, vom Kopf her zu deuten. Und schließlich zeichne es die Japaner und die Koreaner aus, daß sie, und vielleicht nur sie, den Schnee fallen hören. Diese Fähigkeit führt Lee übrigens auf die in beiden Ländern dünnen Häuserwände zurück. Doch zugleich sind dünne Wände auch ein Zeichen für eine "offene Kultur", und das wiederum sei ein Merkmal der gemeinsamen koreanisch-japanischen kulturellen Identität.

Argumente dieser Art sind uns vertraut. Sie sind besonders in Japan, offenbar aber auch in Korea, und natürlich auch anderswo, ausgesprochen beliebt, beziehen sie ihre Überzeugungskraft doch aus ihrer scheinbaren praktischen Evidenz. Doch ob wir nun schmunzeln oder die Stirn runzeln, bemerkenswert ist jedenfalls, daß der koreanische Autor sie auf der Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen Japan und Korea vorbringt. Es geht um eine offensichtlich schwierige Nachbarschaft, und das wird schon an der Bemühtheit der Argumente deutlich. Denn ein allzu demonstrativer Versuch, das im Positiven Verbindende hervorzuheben, weckt unser gesundes Mißtrauen...

Bevor ich mich nun kopfüber in mein Thema begebe, sollte ich an dieser Stelle jedoch ein Geständnis ablegen. Ich muß gestehen, daß ich mir die Aufgabe, in Fragen zum japanisch-koreanischen Verhältnis einzuführen, nicht selbst gestellt habe, sondern daß sie mir regelrecht zugefallen ist. Der zündende Funke zu dieser Veranstaltung entstand, wenn ich mich recht entsinne, nämlich im Kopf des vorigen Direktors des Japanischen Kulturinstituts, Herrn Sakato Masaru, der die Gunst der Stunde - nämlich das aus hinlänglich bekannten Gründen allseits gewachsene Interesse an den japanisch-koreanischen Beziehungen - nutzen wollte, um im Verein mit dem Ost-West-Kolleg von der Bundeszentrale für politische Bildung etwas Besonderes zu wagen. Als Verbündete in diesem Unterfangen fanden sich auf deutscher Seite der Lehrstuhl für Ostasiatische Geschichte der Universität Erfurt und das Japanisch-Deutsche Zentrum Berlin, dazu mein Haus, das Deutsche Institut für Japanstudien, Tôkyô, und gemeinsam wurde die Ausgangsidee dann in das Programm gegossen, das Ihnen allen nun in Form des hübschen bunten Faltblattes vorliegt. Daß ich mit der Einführung betraut wurde, hat nun weniger etwas damit zu tun, daß ich mich für besonders kompetent auf diesem Gebiet halten würde. Ganz im Gegenteil, ich bin überzeugt, daß jeder Einzelne unter den Referentinnen und Referenten dieser Tagung sehr viel mehr Sachverstand zu Fragen der japanisch-koreanischen Beziehungen im Gepäck trägt als ich. Wenn ich mich also dennoch diesem mehr als kühnen Vorhaben stelle, so keinesfalls aufgrund der Überzeugung, daß ich hier Originäres würde leisten können. Immerhin gibt mir meine für mich mit viel Bauchgrummeln - um nicht zu sagen Bauchgrimmen - verbundene Aufgabe die Gelegenheit, darauf hinzuweisen, daß mein Institut sich schon seit längerem mit Fragen der Beziehungen zwischen Japan und seinen asiatischen Nachbarn beschäftigt. Wir tun dies im Rahmen eines 1997 eingerichteten Forschungsprojekts unter dem Titel "Japan in Asien". Daß ein aus Mitteln des Bundes finanziertes Forschungsinstitut wie das DIJ, das seit 1988 in Tôkyô ansässig ist und die Aufgabe hat, das moderne Japan mit den Mitteln der Geistes-, der Sozial- und der Wirtschaftswissenschaften zu erforschen und die deutsch-japanischen Beziehungen zu dokumentieren, daß ein solches Institut sich vor Ort gerade jenen Fragen widmen sollte, die aus europäischer Sicht besonders vordringlich erscheinen, liegt auf der Hand. Und zu diesen Fragen gehört zweifellos, wie Japan sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Region und im Verhältnis zum sogenannten Westen positioniert. Den Prozessen der Regionalisierung, die sich seit den 1990er Jahren abzeichnen, gilt daher unser besonderes Interesse. Ganz gleich, ob wir die politische oder die wirtschaftliche Ebene betrachten, ob wir Kultur oder Gesellschaft in den Blick nehmen - ohne die Einbettung in regionale Entwicklungen wird sich Japan kaum noch sinnvoll betrachten lassen. Zumal viele Elemente und Ebenen ineinandergreifen, wie wir beispielsweise in unseren Forschungen zur Regionalisierung im Bereich von Ökonomie und Politik zeigen konnten.

Seit 2000 richten wir unser besonderes Augenmerk auf Selbstverständigungsdebatten in Ostasien. Damit sind jene Argumente und Diskussionen gemeint, mit denen in den einzelnen Ländern die nationale und kulturelle Eigenständigkeit in Abgrenzung von den Nachbarn oder vom "Westen" behauptet wird. Unter dem Titel "Selbstbehauptungsdiskurse in Ostasien" haben wir dazu bereits zwei internationale Symposien, eines in Tôkyô und eines im letzten Jahre in Seoul abgehalten, das dritte wird Ende dieses Jahres folgen. Wir haben also von Japan aus den Schritt auf den Kontinent gemacht, da es uns wichtig erschien, gemeinsam mit koreanischen (und natürlich auch chinesischen) Kollegen sowie aus der Perspektive der Region, nicht nur vom Zentrum Tôkyôs aus, über Fragen nachzudenken, die das Selbst- und das Fremdbild von Nationen betreffen und die damit auch das Klima im internationalen Verkehr miteinander, die allgemeinen Stimmungen und die öffentlichen Verlautbarungen mitprägen.

Nun will ich die mir zugedachte Zeit keinesfalls mit Werbung für mein Institut und seine Unternehmungen ausfüllen, zumal ich Ihnen ja auch gar nichts verkaufen möchte und könnte. Nähere Informationen finden Sie ohnehin auf unserer Homepage. Zeigen wollte ich Ihnen damit nur, daß die Beziehungen und Verflechtungen, in die ein Land wie Japan eingebunden ist, auch in unserer Forschung eine immer wichtigere Rolle spielen.

Um nun den eingangs gesponnenen Faden wieder aufzugreifen, kehre ich wieder zur Frage der Beziehungen zwischen Japan und Korea zurück. In den nächsten Stunden und Tagen werden wir "Wandel und Annäherung" in vielfältigen Bereichen näher beleuchten können, von der politischen (und militärischen) Lage über die Frage nach Stand und Perspektiven der Geschichtsdebatte bis hin zu kulturellen und zivilgesellschaftlichen Initiativen. Doch geht es dabei vorrangig natürlich um Gegenwartsaspekte, und die gemeinsame Geschichte wird vermutlich nicht über das letzte Jahrhundert hinaus in den Blick genommen werden können. Vielleicht ist es da kein schlechter Gedanke, die Gelegenheit zu nutzen, um ein wenig weiter in die Vergangenheit auszugreifen. Schließlich sind hundert Jahre, bezogen auf die lange Geschichte beider Nationen, ja eine nicht sehr große Zeitspanne. Wie hat sich die Nachbarschaft der beiden Länder denn in den Jahrhunderten zuvor gestaltet? Gibt es womöglich gewisse Grundmuster und Konstanten, deren Kenntnis für ein besseres Verständnis der Gegenwart hilfreich wäre? Lassen Sie mich mit geopolitischen Überlegungen beginnen und einer eigentlich unzulässigen bzw. unsinnigen Frage nachgehen.

Fragt man Japaner danach, ob sie ihre Insellage historisch gesehen für ein Glück oder für ein Unglück halten, so überwiegt die positive Sicht. In vielen allgemeinen Einführungen zu Japan steht zu lesen, daß dieses Land mit just dem rechten Abstand zum asiatischen Festland gesegnet sei - weit genug entfernt, um fremde Attacken erfolgreich abzuwehren und seine nationale Souveränität zu wahren, doch nah genug, um selektiv an der Festlandskultur teilzuhaben. Wie eine solche Frage von Koreanern beantwortet würde, vermag ich aus reiner Unkenntnis hier nicht wiederzugeben, doch mit Sicherheit würde sie weniger eindeutig ausfallen. Nun ist es natürlich eh müßig, mit dem Schicksal der geographischen Lage zu hadern. So wenig, wie man sich seine Eltern aussuchen kann, so wenig läßt sich an der Geographie herumkritteln. Doch daß diese Gegebenheiten nicht ganz ohne Einfluß auf das Denken, das Verhalten und das Geschick einer Nation sind, steht außer Zweifel.

Korea wird in diesem Zusammenhang als die Landbrücke gesehen, die Japan mit dem Kontinent verbindet und die in der Entwicklungsgeschichte des japanischen Volkes eine besonders große Rolle gespielt hat. Die Meerenge, die sie von Japan trennt, bemißt sich auf knapp 200 km und wird durch die Inselstationen Tsushima und Iki noch leichter überquerbar gemacht. Kein Wunder also, daß zwischen den hier und dort lebenden Völkern in allen überblickbaren Epochen Kontakte bestanden. Kontakte sehr unterschiedlicher Natur, bei denen die koreanische Seite, wie Bruno Lewin vermerkt, im Grunde stets die gebende, die japanische die nehmende war.

Schon die japanischen Mythen weisen auf Beziehungen zu Korea hin, ebenso die chronikalen Darstellungen der Frühgeschichte in den altjapanischen Schriftdenkmälern. Geschichtlich gesehen ist das Verhältnis beider Völker durch japanische Aggressionen seit dem Altertum belastet. Vom 4. bis zum 7. Jahrhundert mischten sich die Japaner mit militärischen Operationen in die Kämpfe der drei altkoreanischen Reiche, und sie unterhielten lange Zeit einen Brückenkopf an der koreanischen Südküste. Vom 13. bis 16. Jahrhundert suchten immer wieder japanische Piraten die koreanischen Küstenregionen heim. Ende des 16. Jahrhunderts erfolgte der Korea-Feldzug des japanischen Generalissimus Toyotomi Hideoyoshi, der auf diesem Wege das chinesische Ming-Reich unterwerfen wollte und mit seinen Expeditionen viel Leid und Verwüstung nach Korea trug. Seither stauten sich die Antipathien. Nach dem Ausbau der politischen und militärischen Einflußsphäre Japans in Korea seit dem Vertrag von Kanghwa (1876) und während der Kolonialisierung Koreas durch Japan 1910 bis 1945 kamen sie erst recht zum Ausbruch, und sie wirken bis in die Gegenwart nach. So haben beide Nationen über weite Strecken ihrer Geschichte kein gutes Bild voneinander. Aus japanischer Sicht wurde Korea kaum je als gleichrangiger Partner anerkannt. Aber auch für die koreanische Seite galt Japan seit dem Mittelalter als inferiorer Nachbar, zumal sich Korea zeit seiner Geschichte an der überlegenen Kultur Chinas orientierte. Das belastete Verhältnis hat jedenfalls den Blick auf die frühen Beziehungen beider Völker getrübt. Mein japanologischer Lehrer, zugleich der Gründervater der deutschen Koreanistik, Bruno Lewin, der in seiner Habilitationsschrift die frühen Kontakte zwischen Korea und Japan erforschte, stellt dazu fest:

"Auf koreanischer Seite bestand die Tendenz, das japanische Inselvolk als ursprünglich fremd und unkultiviert anzusehen und seine Entwicklung allein dem sinokoreanischen Einfluß zuzuschreiben. Andererseits herrschte in Japan die Auffassung von Korea als einem jüngeren Verwandten, der in der Frühzeit meist vom Inselreich abhängig war. Hoshino, ein Pionier der modernen japanischen Geschichtswissenschaft, betrachtete Japan und Korea sogar als territoriale, völkische und sprachliche Einheit mit einem dynastischen Sitz in Japan, eine Einheit, die erst im 7. Jahrhundert begonnen habe sich aufzulösen."

Im Gefolge der Annexion Koreas wurden in Japan allerlei Theorien entwickelt, beispielsweise die Vorstellung, die koreanische Sprache sei ein Zweig des Japanischen, vergleichbar dem Verhältnis zwischen dem Deutschen und dem Niederländischen. Oder man ging von einer Urverwandtschaft zwischen beiden Völkern aus, um den "Anschluß" Koreas gewissermaßen wissenschaftlich zu untermauern. Aus koreanischer Perspektive wiederum erschien es wenig opportun, sich mit einer etwaigen Verwandtschaft mit den Japanern zu befassen, zumal die koreanische Geschichtswissenschaft aus alter Tradition mehr am kontinentalen Nachbarn interessiert ist. Doch man findet in der neueren koreanischen Geschichtsforschung auch die Vorstellung, daß das altjapanische Reich auf Gründungen von Immigranten aus den altkoreanischen Reichen zurückgehe. So sind die allgemeinen Vorstellungen wie die akademischen Geschichtsbilder über weite Strecken von gegenseitigem Desinteresse und Abgrenzung, dann aber auch wieder von unzulässiger Vereinnahmung geprägt.

Dabei gäbe es genügend Anlässe und vor allem jede Menge Stoff zu einer weniger durch gegenseitige Vorurteile geprägten Sichtweise. Außer Frage steht ja beispielsweise, daß die koreanische Komponente für das Entstehen der japanischen Kultur von großer Bedeutung ist. Vom 4. Jahrhundert an intensiviert sich der Austausch zwischen dem Inselvolk und seinen kontinentalen Nachbarn. Die Japaner errichten in Südkorea einen Brückenkopf zur Sicherung ihres Einflusses in einem für sie ökonomisch und kulturell eminent wichtigen Nachbargebiet, der mehr als 150 Jahre Bestand hat. Und zugleich werden koreanische Fachleute für das Weber-, Schneider- und Schmiedehandwerk, für Seidenraupenzucht und Seidenweberei wie auch für Sakebrauerei ins Land geholt. Koreanische Schreibkundige führen die chinesische Schriftkultur in Japan ein. Die Einwanderer aus Korea in dem etwa drei Jahrhunderte dauernden Zeitraum von 400 bis 700 n. Chr. bilden die größte Gruppe der kontinentalen Einwanderer in Altjapan wie überhaupt in der Geschichte des Landes.

Hier eröffnet sich eine direkte Verbindungslinie zur Gegenwart, denn bis auf den heutigen Tag bildet die Gruppe der Koreaner, der sogenannten zainichi, die größte ausländische Minorität im Lande. Bei den gut 700.000 Koreanern in Japan heute handelt es sich durchweg um Personen, die während der japanischen Kolonialzeit nach Japan verpflanzt wurden oder deren in Japan geborene Nachfahren. Während die frühen koreanischen Einwanderer in Japan höchst willkommen waren, der einheimischen Bevölkerung gleichgestellt wurden, sogar steuerliche Vergünstigungen erhielten und, soweit sie dem Adel angehörten, in die Führungsschicht aufgenommen wurden, hat die Generation der im zwanzigsten Jahrhundert nach Japan geholten Koreaner, viele davon kamen ja nicht einmal freiwillig, ein ungleich härteres Los zu bewältigen gehabt. Die frühen koreanischen Einwanderer, deren Assimilierung bewußt gefördert wurde und deren Anteil im Adel besonders hoch war - ein Drittel der namhaften Geschlechter war kontinentaler Herkunft -, sind binnen weniger Generationen ganz in der japanischen Bevölkerung aufgegangen. Ihnen verdankt Japan den Aufbau einer Staatsverwaltung, handwerkliche Künste von der Tuch- und Brokatweberei bis zur Keramik und die Dokumentation der eigenen Geschichte durch koreanische Schriftgelehrte als Chronisten und Sekretäre am japanischen Hof.

In der zweiten Phase des Kulturimportes aus Korea, beginnend mit dem Eindringen des Buddhismus um die Mitte des 6. Jahrhunderts, wird die Einwanderung durch Priester und Gelehrte bestimmt. Sie übermitteln die buddhistische Lehre und wirken als Tempelarchitekten, Gartenbauer, Maler, Bildhauer, als Musiker, Astrolgen und Geomanten, als Mediziner und Pharmazeuten, am japanischen Hof. Spätestens in der Nara-Zeit, im 8. Jahrhundert, ist der koreanische Anteil am Werden Japans jedoch in seine Kultur weitgehend eingeschmolzen, auch wenn er, beispielsweise in der buddhistischen Kunst, der höfischen Musik oder in der chinesischen Schreibweise des Japanischen, sichtbar bleibt.

Und was geschah zwischen diesen für Japan so überaus fruchtbaren frühen Berührungen der Völker und heute? Von den unglückseligen japanischen Übergriffen war bereits die Rede. Doch erschöpfen sich die koreanisch-japanischen Kontakte glücklicherweise nicht darin, auch wenn besonders in den zweieinhalb Jahrhunderten, in denen Japan offiziell eine Politik der geschlossenen Grenzen betrieb, nicht viel an Austausch möglich war. Immerhin gab es auch zu jener Zeit einige wenige ausländische Gesandtschaften, die durchs Land reisten, um in Edo ihre Aufwartung zu machen, nämlich die Niederländer, die Ryûkyûaner und die Koreaner. Für die Japaner war dies die einzige Gelegenheit, überhaupt mit Fremden in Berührung zu kommen, und entsprechend groß war die Neugier und der Eindruck, den sie machten. Wie fremd die koreanischen Gäste in japanischen Augen bereits zu Beginn des 17. Jahrhunderts, noch vor dem Einreiseverbot für Ausländer, gewirkt haben müssen, geht aus einem Bericht eines Engländers hervor, der im Jahre 1613 durch die Hafenstadt Hakata auf Kyûshû kommt und sich darüber beklagt, daß er überall von "boyes, children, and worser sort of idle people", also "Knaben, Kindern und schlimmeren Arten von Müßiggängern" verfolgt wird, die ihn Koreaner schimpfen und ihm manchmal Steine hinterher werfen. Daß die Bürger einer Stadt, in der sich bis dahin nicht wenige Ausländer ostasiatischer und europäischer Herkunft aufhielten, einen Engländer nicht von einem Koreaner unterscheiden konnten, ist immerhin bemerkenswert. Im folgenden Zeitraum von 268 Jahren kamen dann allerdings nurmehr zwölf koreanische Gesandtschaften ins Land. Und diese prachtvollen Prozessionen stimulierten die Phantasie der Japaner derart nachhaltig, daß sie selber Umzüge veranstalteten, in denen sie sich als Koreaner verkleideten. Der amerikanische Historiker Ronald Toby, der sich mit diesem "Karneval der Fremden" näher befaßt hat, vermutet, daß die Bürger, die in Edo und anderen Orten solche jährlichen Umzüge veranstalteten, damit den besonderen Freiraum beanspruchten, den die Fremden genossen. Immerhin wurden diese vom Schogun empfangen. Vielleicht verbargen sich hinter diesen japanischen Koreaner-Umzügen sogar noch revolutionärere Gedanken. Jedenfalls überrascht es nicht, daß die Regierung in der frühen Meiji-Zeit diesen Karneval verbot.

Diese Episode zeigt uns, daß selbst in solchen Perioden, in denen der Kontakt zwischen beiden Ländern auf ein Minimum schrumpfte, die Präsenz des anderen gleichwohl nicht mehr in Frage gestellt ist, mehr noch, daß das Fremde in der Form der kreativen Aneignung eine durchaus positive Konnotation erhalten kann, wenn auch nur durch die Instrumentalisierung zum indirekten Ausdruck eigener Wünsche. Und dies, obwohl die beiden Nachbarn über Jahrhunderte hinweg so wenig direkten Kontakt miteinander pflegen konnten. Doch es ist wichtig, dies zu betonen: Auch wenn die Bilder vom jeweils anderen sich besonders in der Moderne noch einmal stärker eintrüben - es gibt auch abweichende Meinungen und überraschend freundliche Ansichten vom anderen. Dies ungeachtet der Tatsache, daß bis in die jüngste Zeit beide Nationen einander auf der internationalen Beliebheitsskala ganz unten einordneten. Auf koreanischer Seite werden dafür die 36jährige japanische Kolonialherrschaft und ein indifferentes, wenig Geschichtsbewußtsein spiegelndes Verhalten der Japaner seit dem Kriege verantwortlich gemacht, während japanischerseits Desinteresse und Mißtrauen nach wie vor groß sind. Umfragen unter Japanern aus dem Jahr 1980 belegen beispielsweise, daß die junge Generation stärkere Ressentiments gegenüber den Koreanern hegt als die Generation, die selbst noch die Propagandainhalte während der Besatzung Koreas geschluckt hat. Eine andere Umfrage, die die bekannten Tageszeitungen Asahi Shinbun in Tôkyô und Tong-A Ilpo in Seoul im Oktober 1984 durchführten, kam zu ähnlich niederschmetternden Ergebnissen. Während auf koreanischer Seite ein großer Anteil ausgesprochen negative Meinungen über die Japaner äußerte, gaben ganze 64 Prozent der japanischen Befragten an, überhaupt keine Meinung zu haben. Große emotionale Barrieren auf der einen, eine Mauer aus Gleichgültigkeit auf der anderen Seite. Noch in den frühen 1990er Jahren sieht es, wenn man Meinungsumfragen Glauben schenken will, nicht besser aus. Und noch immer tut man sich auf beiden Seiten schwer damit, eine entspannte Nachbarschaft zu pflegen.

Dabei hat sich in der Zwischenzeit der Kontakt zwischen beiden Ländern geradezu exponential entwickelt. Die Wirtschaftsbeziehungen hatten sich ohnehin weitgehend unabhängig von emotionalen Belastungen kontinuierlich entfaltet, und die Kommunikation wurde beispielsweise durch die Einführung eines automatischen koreanisch-japanischen Übersetzungssystems beim Telefonieren erheblich erleichtert. Korea hat das jahrzehntelang geltende Verbot für die Einfuhr japanischer Kulturprodukte aufgehoben, und so geben japanische Popstars dort ihre Konzerte, japanische Filme werden auf Festivals gezeigt, und japanische Manga erobern wie die Hard- und Software der übrigen japanischen Unterhaltungsindustrie den koreanischen Unterhaltungsmarkt. In Japan feiert die temperamentvolle koreanische Sängerin Kim Pu-Ja Triumphe, das Fernsehen hat Koreanisch-Unterricht eingeführt, sogar einen Schnellkurs für Touristen, und die koreanische Küche ist populärer denn je. Die Fußballweltmeisterschaft bot den Anlaß zu intensiver Berichterstattung über das Nachbarland und weckte die Neugier auf direkte Begegnungen. Das Reisevolumen in beiden Richtungen ist derart angestiegen, daß die Flüge vielfach schon lange im voraus ausgebucht sind. So explodiert die Zahl der direkten Kontakte und gibt Anlaß zu der Hoffnung, daß sich damit auch das gegenseitige Bild zum Positiven wandeln wird. Denn dies haben die früheren Umfragen auch ergeben: Je häufiger und intensiver die Berührungen, desto größer ist die Chance, die Vorurteilsstrukturen zu durchbrechen.

Im Blick auf die unmittelbare Gegenwart und Zukunft fällt es dennoch schwer, eindeutige Einschätzungen abzugeben. Zum einen sind die Eindrücke noch zu frisch, als daß sie längerfristige Gültigkeit beanspruchen könnten. Ist beispielsweise das Abflauen des Interesses an Korea in japanischen Medien nach der WM nur einer verständlichen Erschöpfung nach dem Großereignis zuzuschreiben und dürfen wir mithin annehmen, daß die Anteilnahme am Nachbarland sich auf einem insgesamt höheren Niveau einpendeln wird? Oder war es doch nur ein Strohfeuer wie so vieles, das die japanische Medienöffentlichkeit eine Zeitlang in seinen Bann zieht und das ziemlich schlagartig wieder in Vergessenheit gerät? Während der WM war die Stimmung in beiden Ländern von Sympathie für die Nachbarn getragen. Wie labil das von beiden Seiten im Umgang miteinander angestrebte emotionale Gleichgewicht ist, zeigen jedoch die im August ausgetragenen Auseinandersetzungen um die Benennung des Meeres zwischen Japan, der koreanischen Halbinsel und Rußland. Jede Neuauflage eines japanischen Schulbuchs, jedes weitere vor Japans Küsten gesichtete oder aufgebrachte Schiff unbekannter Herkunft kann die Emotionen neu schüren. Und dennoch, auch hier gibt es natürlich hoffnungsvolle Zeichen wie den Besuch von Japans Ministerpräsident Koizumi in Nordkorea, was bis vor kurzer Zeit noch die Phantasie der meisten Japaner überstiegen hätte.

Mit dieser letzten Wende schließlich ist auch Nordkorea in den Blick unserer Überlegungen getreten, denn was über die Beziehungen zwischen den Nachbarn während der letzten Jahrzehnte angedeutet wurde, bezog sich ja durchweg auf den marktwirtschaftlich agierenden Süden des Landes. Handelsbeziehungen hatte Japan allerdings auch mit Nordkorea unterhalten. Die zainichi, die in Japan ansässigen Koreaner, fühlen sich entweder dem einen oder dem anderen Korea zugehörig. So bildet sich die Teilung des Landes auch noch in jener Generation ab, die in Japan geboren und sozialisiert wurde.

Im Jahre 2000 erhielt Kaneshiro Kazuki, ein koreanisch-japanischer Autor, für sein Buch mit dem Titel "GO" den 123. Naoki-Preis. Der Roman wurde sogleich unter diesem Titel, der wohl so etwas wie die (englische) Aufforderung "Los jetzt!" bedeuten soll, verfilmt und hat seither ein großes Publikum erreicht. Er erzählt die Geschichte eines jungen, in Japan aufgewachsenen Koreaners namens Sugihara, übrigens von einem Japaner dargestellt, der sich in eine Japanerin verliebt. Als er ihr seine Herkunft gesteht, verläßt sie ihn, kommt schließlich jedoch wieder zu ihm zurück. Ein Problemfilm ist dieser Streifen nicht, doch immerhin: Daß ein solcher Stoff vor allem die jungen japanischen Zuschauer in seinen Bann schlägt, ist sicherlich kein schlechtes Zeichen. Allzu leicht scheint im Film zwar die Überwindung der koreanischen Teilung, denn der Held wechselt mitsamt seiner Familie die Staatsangehörigkeit, um mit südkoreanischem Paß einen Ferientrip nach Hawaii unternehmen zu können. Doch vielleicht hat das In-Erscheinung-Treten zweier koreanischer Staaten zumindest einen gewissen Demonstrationseffekt auf japanische Zuschauer. Viele Japaner sind sich ja dessen nicht bewußt, daß die Bitterkeit auf koreanischer Seite auch von dem Gefühl herrührt, Korea leiste mit der Teilung des Landes anstelle von Japan gewissermaßen Wiedergutmachung für die Folgen des Zweiten Weltkriegs. Von der japanischen Filmfachzeitschrift Kinema junpô wurde "GO" übrigens zum besten Film des Jahres 2001 gekürt.

In den letzten Jahren haben in Japan geborene koreanische Autoren immer häufiger durch originelle Werke auf sich aufmerksam gemacht und prestigeträchtige Preise eingestrichen, ob sie nun Yû Miri, Yan Sogiru, Sagisawa Megumu oder Lee Yangji heißen. Für sie ist Japan bei allen Schwierigkeiten, die sie in ihrem Alltag angesichts verdeckter und offener Diskriminierung noch zu bewältigen haben, ihre Heimat, mit der sie sich kritisch auseinandersetzen. Und aus japanischer Sicht macht dieser Blick von den Rändern her den besonderen Reiz ihrer Literatur aus. Diese Autorinnen und Autoren sind, ob sie es darauf anlegen oder nicht, Brückenbauer zwischen beiden Nationen. Vermutlich gibt es Analoges nicht auf koreanischer Seite. Doch ausgeschlossen sollte es nicht sein, daß junge Japaner sich in Korea zuhause fühlen und ihre Umwelt aus frischem Blickwinkel schildern.

Wie wir es drehen und wenden, es gibt zweifellos zahlreiche Asymmetrien im Verhältnis der beiden Nationen. Es gibt florierende Kontakte und hoffnungsvoll stimmende Initiativen. Es gibt aber auch noch jede Menge gegenseitiges Desinteresse und Mißtrauen, eine heftige Haßliebe von koreanischer Seite und dort, wo man einander intensiver begegnet, die Falle des allzu bequemen Opfer-Täter-Arguments, das alle nötigen Differenzierungen leicht erstickt. Nutzen wir die kommenden Stunden und Tage, um uns gemeinsam mit Gelassenheit und Engagement auf die Suche nach den Zwischentönen zu begeben. In der gerade auch für Europa wichtigen Region Ostasien zeichnen sich Wandel und Annäherung ab. Auf welchen Pfaden beide Länder in Politik und Wirtschaft, in der gemeinsamen Diskussion über das Erbe der Vergangenheit und in zivilgesellschaftlichen und kulturellen Initiativen Wandel und Annäherung betreiben, werden Referate und Diskussionen erkunden.

Das 21. Jahrhundert wird eine umgekehrte Kontinentaldrift erleben, wenn auch nur virtueller Natur. So, wie alle Erdteile laut Wegener einmal miteinander zusammengehangen haben - und Korea und Japan waren noch nicht durch ein Meer, um dessen Namen man streitet, getrennt -, so rücken wir nun unweigerlich wieder zusammen. Und das nicht nur durch die Globalisierung, die vielgescholtene. Die Tage, da wir in Kategorien von Nationen denken und handeln konnten, sind unumkehrbar vorbei. Wir teilen unsere Probleme und unsere Chancen, seien es Umweltkatastrophen oder technische Entwicklungen, die das Leben erleichtern sollen. Und im Aufeinander-Angewiesen-Sein liegen unsere Chancen.



 

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Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln. Weiter... 

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