30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
Journalistentagung

2.9.2011

Medienlandschaften: Deutschland und Italien

Machtkonzentration im Medienbereich, mediale Zweidrittel-Gesellschaft und der Niedergang des Qualitätsjournalismus: Zwei Referate führten die Teilnehmer der Tagung in die Lage der Medien in Italien und Deutschland ein.

TeaserbildPhotocase/Inuit)
Zwei Referate führten die Teilnehmer der Tagung in die Lage der Medien in Italien und Deutschland ein. Roberto Natale, Präsident des italienischen Presseverbands FNSI, berichtete, dass Italiener traditionell wenig lesen: Auf 1000 Einwohner seien 2008 landesweit nur 86 verkaufte Tageszeitungen gekommen, und die gedruckte Presse sei in stetigem Niedergang. Hingegen bildeten sich nach "Censis"-Angaben fast siebzig Prozent der Bevölkerung ihre politische Meinung über das Fernsehen; 54 Prozent der Werbung, die in "klassischen" Medien geschaltet werde, gehe ans Fernsehen – wobei allein der Privat-TV-Gigant Mediaset mehr Werbeeinnahmen habe als alle gedruckten Zeitungen zusammengenommen.

Eine "typisch italienische Anomalie" sei die Machtkonzentration im Medienbereich, der sich seit 1994 auch die politische Macht "angeschlossen" habe, welche die Medien als Multiplikatoren nutze; Natale nannte als Beispiel eine Kampagne der Zeitung Il Giornale gegen Parlamentspräsident Gianfranco Fini, hinter der erkennbar der Ministerpräsident und Medienunternehmer Berlusconi stecke. Aus seiner Sicht könne die Machtkonzentration im Medienbereich in nächster Zeit sogar noch anwachsen. Natale sprach auch von einer "traditionellen Unterordnung des staatlichen Fernsehens RAI unter die jeweils herrschende Regierung" und betonte, dass es Interessenkonflikte nicht nur bei Berlusconi gebe: "Der größte Teil der italienischen Presse ist in der Hand von Privaten – oft Unternehmern –, die damit ihre eigenen Interessen verfolgen."

Roberto Natale, Präsident des italienischen Presseverbands FNSI, beklagt die geringe Qualität des italienischen Journalismus.Roberto Natale, Präsident des italienischen Presseverbands FNSI, beklagt die geringe Qualität des italienischen Journalismus. (© röhr:wenzel)
Jeder Italiener wisse, dass hinter dem Corriere della Sera Schwergewichte aus Wirtschaft und Finanzwelt stünden, hinter der Turiner Stampa Fiat, hinter der Repubblica Energie-Interessen. Dass es in Italien viel zu viele Journalisten gebe, führe dazu, dass fast die Hälfte von ihnen "in sehr schwacher Position" sei: unterbezahlt oder in einem prekären Arbeitsverhältnis. Zu den schweren Hypotheken, die auf seinem Berufsstand in Italien ruhten, gehörten außerdem die Bedrohung durch die organisierte Kriminalität, eine "drohende Einschränkung der Chronistenpflicht durch Privacy-Gesetze", Zensurversuche, "aber auch viel Selbstzensur". Allgemein sei die Qualität des italienischen Journalismus, vor allem auch der Auslandsberichterstattung, ziemlich niedrig.

Auf dem Weg in die mediale Zwei-Drittel-Gesellschaft?

Rainer Reichert, Vorsitzender des Europa-Ausschusses des Deutschen Journalistenverbandes, antwortete mit einer Darstellung der Medienlage in Deutschland: Die starken Umbrüche durch technischen Wandel und Neuordnung der Märkte setzten die Medien stark unter Druck, so dass man durchaus von einer "Medienkrise" sprechen könne. Das zeige sich etwa bei Arbeitsbedingungen und Einkommen: gekündigte Gehalts- und Manteltarifverträge bei Zeitungen und Zeitschriften; Missbrauch der Leiharbeit, um "das Tarifniveau um bis zu vierzig Prozent zu drücken"; "Praktikanten-Unwesen"; Unsicherheit für freie Journalisten; Abbau von Korrespondentenstellen "auch hier in Rom". "Die Ausgaben werden gedrückt, wo es nur immer geht, weil die Einnahmen aus Abo bzw. Einzelverkauf und Anzeigen nicht mehr fließen." Weil klassische Medien junge Leute oder Menschen mit Migrationshintergrund immer weniger erreichten, drohe ein "Zeitalter der Orientierungslosigkeit": Auch Deutschland sei auf dem Weg "in die mediale Zweidrittel-Gesellschaft", so eine Mehrheit der Bevölkerung die Medien zur Unterhaltung und Kommunikation nutze, "während das verbleibende Drittel zu einer Informationselite wird".

Eine weitere Auswirkung der Medienkrise sei der Niedergang des Qualitätsjournalismus: "Wir machen das, was der Leser will". Verlagsmanager erklärten ihre wirtschaftlichen Interessen zunehmend "zum Maßstab für die Redaktionen" – mit der inneren Pressefreiheit sei es in Deutschland "nicht mehr weit her", auch weil viele Journalisten ihren Beruf nicht mehr "als Berufung" verstünden. "Ich sehe in meiner täglichen Arbeit als Redakteur auch einen generellen Qualitätsverfall gerade bei freien Journalisten. Viele bekennen unverblümt, dass sie sich bei den derzeit üblichen Honoraren einen ambitionierten Journalismus gar nicht leisten können." Darüber hinaus verengten interne Leitfäden oder Layoutzwänge die Spielräume merklich. Um auch "unter den Vorzeichen des Medienwandels" Qualitätsjournalismus erhalten zu können, plane sein Verband in Kürze die Verabschiedung einer "Essener Erklärung"; darin würden der Gesetzgeber zum Bestand der Qualitätsmedien aufgerufen und Rahmenbedingungen gefordert, die die Ausübung der Pressefreiheit unabhängig machen soll von "Konjunktur oder Renditevorgaben". Soziale Netzwerke und Blogs könnten den klassischen Journalismus nicht ersetzen, "da sie nicht den gleichen Qualitätsstandards unterliegen".