Journalistentagung

"Es fehlen wirkliche Nachrichten"

Interview mit dem italienischen Journalisten und Blattmacher Marco Travaglio

2.9.2011
Marco Travaglio ist einer der prominentesten italienischen Journalisten. Mit seinen Recherchen zur Mafia oder zu den Missgriffen der italienischen Regierung erregte der gebürtige Turiner in den letzten Jahren Aufsehen. Nach Stationen bei der Il Giornale, la Voce und der langjährigen Arbeit für die Tageszeitung La Repubblica, gelang ihm im September 2009 sein größter Coup: Gemeinsam mit einer Gruppe befreundeter Journalisten gründete er die Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano" ("Die täglichen Fakten") - Italiens einzige Zeitung ohne staatliche Subventionierung. Ihr erklärtes Ziel ist es, Berlusconi jeden Tag aufs Neue zu "verprügeln". Nach Travaglios Angaben hat "Il Fatto" heute eine tägliche Auflage von über 60.000 Exemplaren. Im Interview mit Tommaso Rodano und Martin Herzer, zwei jungen Journalisten aus Italien und Deutschland, spricht Travaglio über die Eigenartigkeit des italienischen Mediensystems, den Erfolg seiner Zeitung und Zukunftsperspektiven für angehende Journalisten.

Sprechen wir über Fatto Quotidiano. Überall redet man derzeit von der tiefen Krise der auf Papier gedruckten Zeitung. Woher haben Sie und Ihre Kollegen den Mut genommen, unter solchen Umständen Geld und Energie gerade in eine solche Zeitung zu investieren?

Marco TravaglioMarco Travaglio (© bpb)
Wir haben gewettet. Wir wollten sehen, ob tatsächlich wahr ist, was wir immer gedacht haben: Dass die Zeitungen sich nicht schlecht verkaufen, weil die Leute kein Papier mögen, sondern weil das Problem die Qualität des Journalismus ist. In Italien haben wir, mit wenigen Ausnahmen, ein gelenktes und parteiisches Informationssystem, das Fakten versteckt und die Dinge nicht beim Namen nennt. Deshalb haben wir eine unabhängige Zeitung auf dem Markt gebracht und damit in die Idee investiert, dass Journalismus wirklich frei sein muss, um zu sehen, ob wir recht hatten. Und bis jetzt, drücken wir die Daumen, bestätigen die Ergebnisse unsere Einschätzung.

Stimmt es, dass der italienische Journalismus sehr provinziell ist und wenig über Dinge außerhalb Italiens berichtet? Halten Sie eine engere Zusammenarbeit zwischen europäischen Journalisten für möglich, besonders bei Themen mit internationalem Bezug?

Jede Nutzung von Synergien kann wertvoll sein, wobei aber die Qualität der dabei erreichbaren Ergebnisse beachtet werden muss. Leider ist das Problem in Italien aber nicht das Suchen von außergewöhnlichen Lösungen. Hier muss erst einmal der "gewöhnliche" Journalismus zum einwandfreien Funktionieren gebracht werden: Bei uns fehlen nicht nur die Recherchen zu den großen multinationalen Konzernen, es fehlen wirkliche Nachrichten: Nicht einmal auf die Veröffentlichungen der Ansa (wichtigste Italienische Nachrichtenagentur, Anm. d. Verf.) kann man sich verlassen. Dazu kommt, dass der italienische Journalismus in der Tat provinziell ist. Wenn vom Ausland die Rede ist, dann meistens, um über den neuesten Damenhut der englischen Königin oder Obamas neues Hündchen zu reden. Das Problem ist, dass sich die Tagespresse immer mehr der Logik von Unterhaltungszeitschriften annähert.

Il Fatto Quotidiano ist die einzige Zeitung in Italien, die ohne staatliche Zuwendungen für Verlage auskommt. Bezüglich der Politik sind Sie also unabhängig. Besteht dann aber nicht die paradoxe Gefahr, dass sie in Ihrer Berichterstattung eingeschränkt werden durch den von Ihnen eroberten Markt, also von den Wünschen Ihrer Leser?

Unsere Leser könnten uns vielleicht beeinflussen, wenn sie einer einzigen politischen Partei verbunden wären. Aber so ist es nicht: Il Fatto wird von Wähler der Demokratischen Partei genauso gelesen wie von Anhängern von Di Pietro, Fini und Vendola. Gut möglich, dass sie in unserer Zeitung einen Artikel finden, der ihnen nicht gefällt, weil er einen von ihnen geschätzten Politiker kritisiert. Unsere Leser fragen uns nach Informationen ohne Abschlag und das ist eine Beeinflussung, mit der wir gut leben können. Wenn sie hingegen verlangen würden, dass wir Nachrichten, die Di Pietro, Vendola oder Fini schaden, weglassen, dann können wir ihnen nicht entgegenkommen: Es wäre gegen den Geist, in dem wir unsere Zeitung geschaffen haben.

In Deutschland wie in Italien stehen viele Zeitungen am Rande des Bankrotts. Junge Leute, die den Journalisten-Beruf erlernen wollen, machen das ohne Garantie für ihre Zukunft. Wie können sie freie und unabhängige Journalisten werden in Anbetracht von ökonomischer und vertraglicher Unsicherheit?

Der Markt kann und darf nicht Hungerlöhne und wilde Prekariats-Verträge produzieren, die es den Verlegern erlauben, erpressbare Journalisten zu rekrutieren. Es ist nötig, ein minimales Niveau von Stabilität für jemanden zu garantieren, der in einem journalistischen Betrieb arbeitet. Das ist eine unumgängliche Bedingung für qualitätsvollen Journalismus.

Von Tommaso Rodano und Martin Herzer

Dieses Interview wurde in italienischer Sprache auch veröffentlicht in "Reporternuovo", der Zeitung der Studenten der Scuola Superiore di Giornalismo "Massimo Baldini" in Rom: »www.reporternuovo.it«