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Veranstaltungsdokumentation (November 2006)
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Gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte? |

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Clemens Vollnhals: Sektionsbericht Gesellschaft/ Medien und NS-Vergangenheit
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Deutsch-deutsche Beziehungen: Gesellschaft
In der Sektion "Gesellschaft" trug zunächst Thomas Ahbe (Universität Wien) Überlegungen zu west- und ostdeutschen Generationsgestalten im Vergleich vor. Die Konstruktion von Generationen erlaube es, in der Entstehung von immer neuen Kohorten das Moment der Diskontinuität in der Kontinuität zu beschreiben und historische Sinnbildungsprozesse zu rekonstruieren. Obwohl die beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften politisch unterschiedlicher kaum sein konnten, wiesen die ersten beiden Generationen in der Bundesrepublik und der DDR große Ähnlichkeiten auf. Die "45er" wie die "Aufbau-Generation" in der DDR beschwiegen ihre konkrete Verstrickung in die NS-Vergangenheit, folgten in ihrer überwiegenden Mehrheit relativ konfliktfrei den jeweiligen Autoritäten, konzentrierten sich auf ihren sozialen Aufstieg und etablierten damit als erste Trägergeneration die jeweils neue Ordnung. Hierin liege eine beachtliche generationenspezifische Gemeinsamkeit, die bislang durch die Fremd- und Selbstdeutung der Generationsangehörigen verdeckt worden sei.
Eine weitere Gemeinsamkeit kann man in der Kampagne gegen "Schund und Schmutz" sehen, die Mitte der 1950er Jahre in beiden deutschen Staaten einsetzte und in der öffentlichen Verbrennung angeblich jugendgefährdender Schriften ihren Höhepunkt erreichte. Wie Michael Scholz (Universität Visby) am Beispiel der Comic-Hefte ausführte, wurde die DDR von der internationalen Anti-Comic-Kampagne zunächst überrascht, machte sich dann aber die antiamerikanischen Tendenzen der konservativen Kulturkritik zu Nutze. Anders als in Bundesrepublik akzeptierte man in der DDR jedoch den jugendlichen Bildungshunger und setzte auf alternative "Bildergeschichten" als Gegenmittel gegen die westlichen Comics. Trotz chronischer Ressourcenprobleme wurden Papierkontingente bereitgestellt und die Comicmagazine "Atze" und "Mosaik" gegründet. Neben ihrer Abwehrfunktion sollten sie bei der politischen Indoktrination der Kinder und Jugendlichen in der DDR helfen. Doch hier stiessen die Steuerungs- und Kontrollmechanismen der SED an ihre Grenzen.
Mit den Jugendkrawallen in den 1950er Jahren befasste sich der Vortrag von Wiebke Janssen (Leipzig). Analog zu den "Halbstarken" "und "Rowdies" in der Bundesrepublik gab es auch in der DDR gewalttätige Ausschreitungen zwischen Polizei und Jugendlichen, die sich in Kleidung und Auftreten an der amerikanischen Jugendkultur, am Rock'n Roll und den Kultfiguren James Dean und Elvis Presley orientierten. Für die Jahre 1956 bis 1960 eruierte Frau Janssen mindestens 23 Jugendkrawalle mit durchschnittlich 150-200 Teilnehmern, in Dresden gab es sogar einen Zusammenstoß mit 500-1000 Jugendlichen. Für die SED handelte es sich um gezielte Provokationen des Klassenfeindes, tatsächlich war es jedoch - wie in der Bundesrepublik - eine spezifische Form des Generationenkonflikts. Auch in der sozialen Zusammensetzung zeigten sich bemerkenswerte Übereinstimmungen, handelte es sich doch vor allem um Lehrlinge und junge ungelernte Arbeiter.
Mit welchen Strategien die Herrnhuter Brüdergemeine für den Erhalt eines deutsch-deutschen Austausches kämpfte, untersuchte Hedwig Richter (Berlin). Die kleine, aber traditionsreiche protestantische Freikirche besaß in der DDR einen relativ großen Handlungsspielraum, den sie durch die Erfindung und Neu-Erfindung von Tradition absicherte. Die demonstrative Loyalität zum SED-Regime, etwa unter dem Motto "für Frieden, gegen Apartheid", ermöglichte die Fortführung der weltweiten Missionsarbeit, wobei die Mitglieder in der DDR mit ihrem alten Stammsitz in Herrnhut (Sachsen) auf die intensive Zusammenarbeit mit ihren westdeutschen Glaubensbrüdern angewiesen waren. Wie Frau Richter ausführte, erwies sich gegenüber dem SED-Staat die Erfindung bzw. Neuinterpretation der Tradition als ein überraschend schlagkräftiges Argument, das selbst die Fortführung eigener Wirtschaftsbetriebe erlaubte.
Perzeptionen und Grenzüberschreitungen: Medien und NS-Vergangenheit
Wie in der Bundesrepublik Filme aus der DDR und anderen osteuropäischen Staaten zensiert wurden, stellte Stephan Buchloh (Universität Ravensburg-Weingarten) vor. Das maßgebende Gremium war hierbei der "Interministerielle Ausschuss für Ost/West-Filmfragen", der von 1953 bis 1967 bestand und als geheime Zensurinstanz im verborgenen tagte. Das Gremium, in dem u.a. das Außen-, Innen- und Wirtschaftsministerium sowie das Bundesamt für Verfassungsschutz vertreten waren, prüfte insgesamt 3180 Filme und verbot bei 130 Filmen die Einfuhr in die Bundesrepublik. Als politisch unerwünscht galten etwa die positive Darstellung kommunistischer Politik in der Weimarer Republik, die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Deutschlands und Hinweise auf personelle Kontinuitäten bei westdeutschen Eliten. Nicht gezeigt werden durften in der Bundesrepublik beispielsweise "Der Untertan" von Wolfgang Staudte, "Der Rat der Götter" von Kurt Maetzig oder Sergei Einsteins Historienfilm "Alexander Newski".
Michael Meyen (Universität München) stellte in seinem Beitrag eine Typologie der Mediennutzer in der DDR vor, die das gängige Bild einer "kollektiven Ausreise im Fernsehsessel" in Frage stellte. Zwar konnten 85 Prozent der DDR-Fernseherzuschauer westdeutsche Programme empfangen, doch zeigen zeitgenössische Erhebungen zur Sehbeteiligung wie die Auswertung von 100 qualitativen Interviews, dass das ostdeutsche Fernsehen keineswegs als so langweilig empfunden wurde. Großer Beliebtheit erfreuten sich Spielfilme, Serien und Sport, auch bei den Westprogrammen dominierten Unterhaltungssendungen aller Art. Das Informationsbedürfnis sei bislang über- und die Belastungen aus dem Alltag unterschätzt worden. So sei ein Drittel aller Fernsehzuschauer bereits um 21.00 Uhr schlafen gegangen, auch habe der schlechte Empfang des Westfernsehens in entlegeneren Landesteilen nicht zum Umschalten eingeladen.
Den Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden deutschen Nachkriegsstaaten beleuchtete Christoph Classen (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam), der vor allem die strukturellen Gemeinsamkeiten hervorhob. Die Integration des Millionenheeres ehemaliger Nationalsozialisten sei unabweisbar gewesen und habe in beiden Systemen eine prekäre Situation erzeugt. Die Staatslegitimation als jeweiliger deutscher Teilstaat habe in der Abgrenzung zum Nationalsozialismus bestanden, wobei der (spiegelbildlichen) Stilisierung und Heroisierung des Widerstandes eine große Bedeutung als Legitimationsquelle zugekommen sei. Antifaschismus im Osten und Antitotalitarismus im Westen seien dabei als gegenwartsbezogene Abgrenzungsstrategien zu verstehen. Das Opferbewusstsein und die Verdrängung der persönlichen Verantwortung habe die gesellschaftliche Integration der ehemaligen Nationalsozialisten in der Bundesrepublik wie in der DDR wesentlich erleichtert. Dem vergangenheitspolitischen Populismus der 1950er Jahre habe in der DDR der Antifaschismus entsprochen, der die Verantwortung für die NS-Verbrechen an Hitler und die Kapitalistenklasse delegiert und somit ebenfalls maßgeblich zur Entlastung der deutschen Gesellschaft beigetragen habe. Erst in den 1980er Jahren sei dann im Zuge einer transnationalen Erinnerungskultur die Hinwendung zum jüdischen Opferschicksaal zu beobachten gewesen, wobei in der DDR wesentliche Impulse aus dem Bereich der evangelischen Kirche gekommen seien.
Umbruch und Transformation - Gesellschaft
Folgt man zeitgenössischen Presseberichten, so gab es 1989/90 ein politisch motivierte Selbstmordwelle enttarnter MfS-Mitarbeiter und gestürzter SED-Funktionäre, was den letzten Innenminister der DDR, Michael Distel, zu der Behauptung veranlasste, das "Stasi-Syndrom" habe mehr Todesopfer als die Mauer gefordert. Tatsächlich sind jedoch nur ca. 30 Suizide belegt, wie Udo Grashoff (Universität Leipzig) recherchierte. So u.a. der Freitod von drei (von 15) Leitern einer MfS-Bezirksverwaltung und drei SED-Kreissekretären. Diesen Selbsttötungen steht der Befund gegenüber, dass im Jahr 1989 die niedrigste Suizidrate seit Bestehen der DDR registriert wurde. In den folgenden Jahren stieg die Rate wieder leicht an, wovon nahezu ausschließlich die Altersgruppe der 40-65jahrigen Männer betroffen war, was wohl als eine Reaktion auf den sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit zu deuten ist. Ulrich Arnswald vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung (Frankfurt a. M.) trug die Ergebnisse einer repräsentativen Erhebung zum zeithistorischen Schülerwissen 2005 vor. Sie beruht der bundesweiten Befragung von 5600 Schülern an 70 Gymnasien und offenbart einen durchwegs unbefriedigenden Kenntnisstand zu Daten, Fakten und Personen. Bei vielen Fragen liegt die Quote richtiger Antworten unter 50 Prozent, während bis zu 30 Prozent der befragten Schüler gar keine Antwort gaben. Nicht wesentlich besser ist der Kenntnisstand zur deutschen Nachkriegsgeschichte in den Klassenstufen 12 und 13. Als generelle Tendenz ist zu bemerken, dass Schüler aus den neuen Bundesländern (und Berlin) ein signifikant besseres Faktenwissen besitzen, jedoch die DDR weniger kritisch beurteilen. Alarmierend sollte jedenfalls der Befund sein, dass rund ein Drittel der Schüler im Unterricht der 10. Klassenstufe nichts zur Geschichte der DDR erfahren hat, obwohl die Schüler in Ost und West gleichermaßen ein starkes Interesse an dieser Geschichte zeigen.
Die Kontroversen um die "alte" bundesdeutsche Forschung standen im Mittelpunkt des Referats von Jens Hüttmann (Universität Halle-Wittenberg). Entgegen vielfacher Kritik, wie sie wie Anfang der 1990er Jahre unter den Überschriften "Prognosedebakel" und "Schönfärberei" postuliert wurde, hätten die DDR-Forscher vor 1989 nicht versagt. Vielmehr führten diese Kontroversen in eine wissenschaftliche Sackgasse: Als etwa Jochen Staadt und Klaus Schroeder die ohnehin schon vorhandene Polarisierung zuspitzten, Kollegen persönlich attackierten und die Regeln wissenschaftlicher Zitierpraxis "über Bord warfen", sei es nur darum gegangen, vorhandenes Wissen einseitig zu entwerten und politisch motivierte Profilierungskämpfe auszutragen. Demgegenüber argumentierte Hüttmann, dass es aus heutiger Sicht vielmehr darum gehen sollte, die schon vor 1989 heftig umstrittene Entfaltung "kritisch-immanenter Ansätze" (P. C. Ludz) aus der Frontstellung herauszuheben, in die sie nach 1989 geraten seien. Zum Vorschein kämen so einerseits überraschende Kontinuitäten in den Fragestellungen, Wahrnehmungen und Bewertungen von DDR-Geschichte. Andererseits zeigten sich auffällige Brüche der Forschungsentwicklung. Dies betreffe etwa den blinden Fleck "Stasi", der vor 1989 ein Thema für Außenseiter blieb, nach 1990 aber ein Boomthema der "neuen" DDR-Forschung wurde.
Zusammenfassender Kommentar
In seinem Statement betonte Clemens Vollnhals resümierend, dass sich hinsichtlich der Fragestellung einer gemeinsamen deutschen Nachkriegsgeschichte der Vergleich spezifischer Generationserfahrungen, des Umgangs mit der gemeinsamen NS-Vergangenheit sowie selbstverständlich der deutsch-deutschen Beziehungen als fruchtbare Ansätze gezeigt hätten. Mit der Wiedervereinigung sei die Geschichte der DDR gewissermaßen als Erbe Bestandteil der bundesdeutschen Geschichte geworden, weshalb eine stärkere Berücksichtigung in der Unterrichtspraxis dringend erforderlich sei. Er warnte jedoch vor der Konstruktion einer integrierten gemeinsamen Nachkriegsgeschichte, da sie die fundamentale Differenz zwischen Demokratie und Diktatur, für die die politische und gesellschaftliche Entwicklung in beiden deutschen Staaten stehe, verwische. Zudem dürfe, was vor allem die westdeutsche Gesellschaft seit den 1970er Jahren anbetreffe, der Aspekt einer zunehmenden Teilungsgeschichte nicht aus dem Blick geraten: Hier sei die DDR erst mit ihrem Untergang wieder zu einem Problem geworden. Die gutgemeinte, nationalpädagogisch motivierte Fokussierung auf deutsch-deutsche Gemeinsamkeiten berge deshalb die Gefahr einer der historischen Realität unangemessenen Verschiebung und Verengung der Perspektiven. Auch sollte in Zukunft die jeweilige Blockintegration als Vergleichsebene eine stärkere Berücksichtigung finden.
Text: Clemens Vollnhals |
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30. Juli 2010
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