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Veranstaltungsdokumentation (November 2006)
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Gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte? |

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Jens Gieseke: Sektionsbericht Politik/ Nachrichtendienste und Gesellschaft
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Mit der Tagung "Gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte?" unternahmen die Veranstalter den Versuch, die jahrzehntelange Tradition der DDR-Forschertagungen (in Tutzing, Bonn-Röttgen und Otzenhausen) aufzunehmen und zugleich einen neuen konzeptionellen Rahmen zu entwickeln, der die Kritik an der traditionellen DDR-Forschung ernst nimmt und neue Perspektiven aufzeigt.
Gedanklicher Ausgangspunkt der in den Sektionen präsentierten und diskutierten Forschung war die von den Veranstaltern vorangestellte (Hypo-)These, dass "trotz der staatlichen Teilung […] die beiden deutschen Staaten aufeinander fixiert" blieben. Das Gemeinsame äußere sich in verschiedenen Dimensionen: den Wurzeln in der gesamtdeutschen Geschichte, den zwischenstaatlichen Beziehungen und den gegenseitigen Bezogenheiten im gesellschaftlichen Leben. Diese Gemeinsamkeiten seien von wesentlicher Bedeutung für die Wiedervereinigung gewesen, denn: "so konnten nach der Friedlichen Revolution von 1989 in der DDR rasch die Weichen für die Vereinigung beider Staaten gestellt werden."
Dies voraussetzend, lautete die Leitfrage der Tagung: "Kann man aus der Perspektive des vereinigten Deutschlands zu einer integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte gelangen?" (Alle Zitate aus dem Konferenzprogramm). Die Frage traf offenbar den Nerv der Zeit: die Referatsangebote waren reichhaltig, und die ausgewählten Präsentationen deckten ein breites Spektrum ab. Zu den drei vom Verfasser moderierten Sektionen im Einzelnen:
Deutsch-deutsche Beziehungen – Politik
Die politischen Beziehungen zwischen den beiden Staaten stellen naturgemäß einen klassischen Anfangspunkt dar, wenn man die gemeinsame deutsche Nachkriegsgeschichte betrachtet. Sie waren immer schwierig und insbesondere in den frühen Jahren durch harte Abgrenzung am Rande des Unmöglichen. Michael Lemke (Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam) präsentierte aus dem Fundus seiner langjährigen Forschungen über die Deutschlandpolitik der Bundesrepublik und der DDR einen souveränen Überblick über die internationalen Rahmenbedingungen unter den Bedingungen der Blockkonfrontation und die daraus abgeleiteten Interessen, Initiativen und Handlungsspielräume der beiden deutschen Regierungen, um ihre jeweiligen Vorstellungen von gesamtdeutschen oder separatstaatlichen Lösungen der "deutschen Frage" in konkrete Politik umzusetzen.
In den damit gesteckten Rahmen fügten sich die drei folgenden Berichte über Spezialforschungen exzellent ein. Maximilian Horster (Universität Cambridge/Los Angeles) stellte Ergebnisse seiner kürzlich abgeschlossenen Dissertationsschrift über "Deutsch-deutsche (Nicht-)Beziehungen 1951-1967" vor. Er untersuchte darin vor allem die Bedeutung der zum Teil aus schierer organisatorischer Notwendigkeit unterhaltenen, oder auf unterster formeller Ebene initiierten Kontakte: Fahrplanabsprachen, Rechtshilfe, Regelungen für Post und Telefone, Sport- und Kirchentreffen usw. Diese "Ersatzbeziehungen" stellten auch in den Zeiten der härtesten Konfrontation immer wieder gleichermaßen ein Test- wie ein Minenfeld dar, wenn etwa ein argloser westdeutscher Ingenieur bei Verhandlungen über den Wiederaufbau von Autobahnbrücken fürs Erinnerungsfoto vor DDR-Schilder bugsiert wurde, das dann triumphierend als Beweis für die westdeutsche Anerkennung präsentiert wurden. Die Befunde Horsters sind akribisch zusammengetragen und überraschen in der Summe. Der weiteren Diskussion überlassen bleibt ihr Stellenwert für den späteren Annäherungs- und Verhandlungsprozess, zumal die Überlegungen der Wegbereiter der Neuen Ostpolitik, wie Willy Brandt und Egon Bahr, ja bereits im Westberlin der späten fünfziger Jahre gediehen und sicher eher aus den Bedingungen der internationalen Politik abgeleitet waren.
Dong-Ki Lee (Universität Jena) schloss hieran mit seinen Überlegungen zu "'Grenzgängern' und Entstehung der Konförderationsidee" in den Nachkriegsjahren bis 1956 an. Er widmet sich damit einem deutschlandpolitischen Pfad, der sich zwar mittelfristig als Sackgasse erweisen sollte, der aber für die Fortschreibung eigenständiger Politiktraditionen jenseits der Blockzugehörigkeit in der zunächst noch relativ offen erscheinenden deutschlandpolitischen Landschaft eine gewisse Attraktion auf sich zog. Lee porträtierte die maßgeblichen Akteure, wie Ulrich Noack, Hermann Etzel und Wilhelm Elfes, und untersuchte das Streben dieser bürgerlichen Föderalisten, sich trotz der zentrifugalen Kräfte mit neutralistischen Positionen zu behaupten.
Elke Seefried (Universität Augsburg) schließlich beleuchtete die CDU-Deutschlandpolitik 1973 bis 1982. Sie war ganz wesentlich von der Frage bestimmt, wie sich die Partei nach der Verabschiedung des Grundlagenvertrages und dem dazu ergangenen Spruch des Bundesverfassungsgerichts zur deutsch-deutschen Entspannungspolitik positionieren sollte. Die Diskussion über Maß und Art der "Anerkennung der Realitäten" war naturgemäß ausgesprochen kontrovers, doch formierte sich nach Seefrieds Erkundungen relativ zügig eine Strömung innerhalb der Union, die die neue Lage akzeptierte und mit eigenen Kontakten nach Ostberlin wieder handlungsfähig werden wollte. Zu den maßgeblichen Vertretern gehörten Walter Leisler Kiep, Gerhard Stoltenberg und Richard von Weizsäcker, die über den später geschassten Westexperten im SED-Zentralkomitee, Herbert Häber, intensive Beziehungen auf Parteiebene aufbauten. Insofern ist hier, wie Seefried betonte, auch ein Vorläufer zur häufig kritisierten späteren "Neben"-Deutschlandpolitik der SPD zu erkennen.
In der Diskussion wurden durch die zahlreichen anwesenden Experten im Publikum vor allem die tatsächlichen Strategien und Handlungsspielräume der unterschiedlichen deutschlandpolitischen Akteure in Ost und West erneut thematisiert und eine Fülle von hilfreichen Ergänzungen zu den teils noch nicht abgeschlossenen Forschungsprojekten gegeben.
Perzeptionen und Grenzüberschreitungen – Nachrichtendienste und Gesellschaft
Die zweite Sektion teilte sich faktisch in einen ersten Komplex zu den (im Wortsinne) Grenzüberschreitungen des kalten Krieges der Geheimdienste und einen zweiten, in dem es vornehmlich um die gegenseitige Perzeptionen und Einflüsse auf den Feldern der Strafrechtspolitik zu Schwangerschaftsabbrüchen und der Rezeption von bildender Kunst ging.
Helmut Müller-Enbergs (BStU Berlin) stellte seine Recherchen zu einem markanten Fall der frühen Nachkriegspolitik vor: Die Veröffentlichung eines Entwurfs des Deutschlandvertrags der Bundesrepublik mit den Westalliierten auf einer Pressekonferenz 1952. Müller-Enbergs entspann das multiple Geflecht von Geheimdienstoperationen und –counteroperationen, demzufolge der Vertragsentwurf eine absichtliche Fälschung westdeutscher Dienste war, deren Enttarnung nachhaltigen Schaden auf Seiten des ostdeutschen Außenpolitischen Nachrichtendienstes (APN) hinterließ. Andererseits wusste der sowjetische Nachrichtendienst vorab seinerseits von der Fälschung, gab die Information aber nicht weiter, um seinen Agenten Felfe in der Organisation Gehlen nicht zu gefährden.
Armin Wagner (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik Hamburg) beschritt Neuland mit der Präsentation von ersten Ergebnissen aus einer Studie zu "BND-Operationen gegen die russischen Streitkräfte in der DDR", die durch jüngste Aktenablieferungen des Bundesnachrichtendienstes an das Bundesarchiv möglich geworden ist. Dort findet sich unter anderem eine umfangreiche BND-Standortkartei der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD), aus der sich die Erkundungsleistungen der westdeutschen Militärspionage gegen die sowjetische Militärpräsenz recht detailliert nachvollziehen lassen. Wagner kam zu dem Ergebnis, dass entgegen den Verlautbarungen ehemaliger MfS-Abwehroffiziere es dem BND nach einer Schwächephase Ende der sechziger Jahre (einer Spätfolge des Mauerbaus) gelungen sei, über lange Zeit erfolgreich mit Hilfe von Reiseagenten die sowjetischen Standorte zu beobachten und so ein sehr dichtes Bild zu gewinnen (das wiederum durch technische Spionage und die Erkundungen der westalliierten Militärmissionen noch ergänzt wurde).
Die sehr gut besuchte, lebhafte Diskussion kreiste vor allem um zwei Probleme: zum einen, wie man Geheimdienstgeschichte als Teil der Nachkriegsgeschichte schreiben kann, ohne sich in der Faszination des Gegenstandes zu verlieren und ihn zu verabsolutieren. Hierbei spielt auch der problematische Quellenzugang noch immer eine große Rolle. Zum anderen wurde gerade an den beiden präsentierten Spionage- und Spionageabwehraktivitäten deutlich, dass eine Beschränkung auf die deutsch-deutsche Dimension schlechterdings unmöglich ist, da der internationale, ja globale Kontext des Kalten Krieges stets unmittelbar präsent ist. Der Versuch, sich auf den deutsch-deutschen Rahmen zu beschränken, ist gerade auf diesem Feld wenig ratsam, das in erster Linie als Teil der internationalen Militär- und Sicherheitspolitik zu begreifen ist. Hier besteht, wie in der Diskussion betont wurde, ein akuter Nachholbedarf im Vergleich zur angelsächsischen Forschung.
Es folgte ein markanter Szenenwechsel zu innergesellschaftlichen Prozessen. Michael Schwartz (Institut für Zeitgeschichte, Abteilung Berlin) nahm den scheinbaren "Gleichschritt" der Strafrechtsreformen zum Schwangerschaftsabbruch in den sechziger und siebziger Jahren zum Anlass, nach gegenseitigen Einflüssen, aber auch nach den deutlich unterschiedlichen Bedingungen bei der Genese der jeweiligen Gesetzesnovellierungen zu fragen. So führte paradoxerweise gerade die diktatorische Form der SED-Politik dazu, dass auf diesem weltanschaulich und ethisch höchst kontroversen Feld zügige Veränderungen herbeigeführt wurden, die dann schließlich in dem (bis 1989 einzigen nicht einstimmigen) Volkskammerbeschluss von 1972 zur Einführung einer Fristenlösung gipfelten. In der Bundesrepublik hingegen entwickelte sich das Abtreibungsrecht zu einem Dauerthema mit höchster gesellschaftlicher Sprengkraft im Zuge der Modernisierungsprozesse der siebziger Jahre.
Kathleen Schröter (Universität Bonn) durchschritt in einem zeitlich weit gespannten Vortrag die verschiedenen Phasen der Rezeption von bildender Kunst aus der DDR in der Bundesrepublik Deutschland, die sich stets im Spannungsfeld von politisch induzierter Generalablehnung und kunstimmanenter Akzeptanz bewegte. Während in den fünfziger Jahren DDR-Kunst überwiegend als totalitäre Staatskunst abgelehnt worden war, steigerte sich die Bereitschaft zur ästhetischen Auseinandersetzung später deutlich und wurde auch durch offenere künstlerische Konzepte bzw. das Aufkommen (z.T. vermeintlich) dissidenter Kunst in der DDR befördert. Die westliche Offenheit kulminierte schließlich im Porträtauftrag des Bundeskanzlers Helmut Schmidt an den DDR-Maler Bernhard Heisig.
So unterschiedlich diese Themen sind, wurde doch deutlich, dass sich in ihnen die transnationalen Modernisierungsprozesse der 60er und 70er Jahre und die von ihnen ausgelösten Widersprüche abbilden. Im Zuge dieser Prozesse verlor auch das Bedingungsgefüge der unmittelbaren Nachkriegszeit an Bedeutung: die Politisierung und der Homogenisierungsdruck der unmittelbaren Kriegsfolgen und des Kalten Krieges der fünfziger Jahre nahmen ab, und Trends wie das Streben nach Selbstbestimmung gewannen an Bedeutung: in der Bundesrepublik als unmittelbar sichtbarer Wandlungsprozess, in der DDR als merkwürdiges Gemenge von begrenzten Liberalisierungen und uneingelöstem Individualisierungsdrang.
Umbruch und Transformation – Politik
Der dritte Tag der Konferenz stand ganz im Zeichen der Vereinigung und der damit einhergehenden Transformationsprozesse. Gunnar Peters (Universität Rostock) stellte Ergebnisse seines Dissertationsprojekts vor, in der er – jenseits des gängigen Bildes von der "Stunde der Exekutive" - die Beziehungen zwischen frei gewählter Volkskammer und Bundestag in dem halben Jahr zwischen März und Oktober 1990 in ihren organisatorischen Abläufen beschreibt. Im Zentrum stand für ihn unter anderem die Frage, welche Rolle Berater aus dem westdeutschen Parlament bei der Einübung in den regulären Betrieb eines Arbeitsparlaments spielten. Peters’ konstatierte, dass die Westdeutschen zurückhaltend agiert hätten. In der Diskussion stand unter anderem zur Debatte, was unter den von Peters skizzierten Bestrebungen in Richtung westlichem Parlamentarismus aus der revolutionären Emphase jener Protagonisten geworden ist, die im Herbst 1989 ihren Kopf für die Entmachtung der SED hingehalten hatte. Peters vertrat hierzu die These, dass erst mit der Vereinigung am 3. Oktober 1990 die Revolution ihren Höhepunkt und ihre Vollendung gefunden hätte.
Es folgten zwei sich hervorragend ergänzende Beiträge zu den Vereinigungsprozessen der Blockparteien CDU und LDPD mit ihren westlichen Pendants sowie dem Verschmelzungsprozess der 1989 gegründeten ostdeutschen Sozialdemokratie mit ihrer westdeutschen Bruderpartei. Im Zentrum der Erkundungen von Manfred Agethen (Konrad-Adenauer-Stiftung St. Augustin) zur CDU standen insbesondere die unterschiedlichen Strömungen innerhalb der Ost-CDU, die entgegen den stereotypen Images der anpassungsbereiten "Blockflöten" sich langwierige Auseinandersetzungen über ihre Vergangenheit, unter anderem im Zusammenhang mit der Besetzung von Führungspositionen und der Mitgliederpolitik lieferten, die zum Teil bis heute die Lage in den ostdeutschen Landesverbänden der Union prägen. Hinzu kam die ambivalente Haltung der West-CDU, die traditionell Beziehungen zur Block-CDU auf ein Mindestmaß beschränkt hatte, nun aber handlungsfähige Partner im Osten suchte. Aufschlussreich sind auch die Differenzen zwischen Ost und West in Mitgliederstruktur und Führungspersonal. Insbesondere die vielen Neupolitiker(innen) aus der naturwissenschaftlich-technischen Intelligenz fallen gegenüber dem klassischen westlichen Politikertypus aus Juristen und Beamten auf. Zugleich hat sich der Mitgliederbestand der Ost-CDU von rd. 130.000 (1990) auf gut 60.000 (1998) mehr als halbiert.
Reiner Marcowitz (TU Dresden) ergänzte dieses Bild um die "schwierigen Wege zur Einheit" in den höchst unterschiedlichen Fällen der LDPD und der SPD. Im Falle der Liberalen gab es eine vergleichsweise lebhafte Kontaktkultur aus früheren Jahrzehnten. Außerdem hatte sich der LDPD-Vorsitzende Gerlach als Vorreiter einer gewissen SED-Kritik im Laufe des Jahres 1989 präsentiert. Die West-FDP versuchte es mit einer Doppelstrategie: Kontakt zur Altpartei, gleichzeitig Unterstützung der Neugründungen. Das daraus geschmiedete Wahlbündnis war allerdings im Vergleich zur "Allianz für Deutschland" der CDU mit 5,3 Prozent beileibe nicht so erfolgreich. Andere Widersprüche begleiteten die ostdeutsche SDP auf dem Weg ins Gesamtdeutschland: Sie hatte zwar eine lupenreine Oppositionsherkunft, verfügte aber über eine schwache Organisationsbasis und einen westdeutschen Partner, der aus ostdeutscher Wählersicht dem Kohlschen Einheitskurs nichts Adäquates entgegensetzen konnte bzw. wollte. Mittelfristig, so Marcowitz, litten und leiden alle Ostzweige dieser Parteien (wie auch der CDU) unter einem Akzeptanzproblem, weil sie nicht als "autochthone politische Kräfte wahrgenommen werden". Sowohl der FDP als auch der SPD fehlt es zudem an den jeweiligen traditionellen sozialen Milieus als Hinterland, so dass sich dauerhafte parteipolitische Bindungen in Ostdeutschland, mit Ausnahme der PDS als Standesvertretung der sozialistischen Dienstklasse, nur schwach ausgeprägt haben.
Beide Referate stellten außerordentlich nüchterne (und ernüchternde) Bestandsaufnahmen zum Stand der deutschen Einheit auf der Ebene der Parteien dar, die auch einiges Licht auf die Schwierigkeiten bei der Ausprägung einer stabilen demokratischen Kultur in Ostdeutschland werfen. So erfolgreich der schnelle organisatorische Vollzug des Beitritts zum politischen System der Bundesrepublik war, so deutlich wurde in diesen Beiträgen, dass damit noch nicht viel gewonnen war.
In der Diskussion wurde sowohl auf die Vergleichsfälle der anderen Blockparteien (NDPD und DBD) als auch auf den Stellenwert der weiteren revolutionären Neugründungen (Bündnis 90 u.a.) und deren Schicksal im vereinten Deutschland hingewiesen.
Zusammenfassender Kommentar
Die hier diskutierten Sektionen bezogen sich vorwiegend auf Politikgeschichte und sind offenkundig vergleichsweise einfach mit der Tagungsfragestellung in Verbindung zu bringen. Wirklich prüfen lässt sich die Tragfähigkeit des Konzepts einer "integrierten deutschen Nachkriegsgeschichte" so allerdings nicht, denn naturgemäß werden jene Forscher, die die deutsch-deutsche Dimension für die Geschichte des jeweiligen Teilstaates für nachrangig oder belanglos halten, erst gar nicht zu einer solchen Tagung beitragen. Dies gilt vor allem für die Geschichte der Bundesrepublik. So wird etwa der Mainstream der Historiker die Westernisierung von Politik und Gemeinwesen Westdeutschlands als das wichtigste Charakteristikum der Nachkriegsgeschichte behandeln, wie die gängigen Metaphern vom "langen Weg", der "Umkehr" und der "Ankunft im Westen" belegen. Die DDR stellt sich in diesem Prozess eher als anachronistischer Ballast dar, der bestenfalls mit der zivilgesellschaftlichen Bereicherung durch die Bürgerbewegung des Herbstes 1989 aufgewogen wird. Auch für die DDR-Geschichte sind wesentliche Felder nicht notwendig in erster Linie unter dem Gesichtspunkt des deutsch-deutschen Zusammenhanges zu betrachten. Die gesamte Grundstruktur des diktatorischen Systems zum Beispiel leitet sich aus dem Vorbild Sowjetunion ab (wenngleich natürlich die besondere Situation des "Sozialismus in einem halben Lande" einiges erklärt). So wird etwa die – von Hermann Weber auf der Tagung zu Recht als wichtigstes aktuelles Desiderat der DDR-Forschung beschriebene – Geschichte der SED kaum von einer integrierten deutschen Perspektive dominiert werden.
Mit anderen Worten: so löblich und dringend die Horizonterweiterung gegenüber den klassischen DDR-Forschertagungen ist, so deutlich tritt doch die Asymmetrie hervor, die die "Verflochtenheit" der beiden Nachkriegsdeutschlands prägte. Ein gemeinsames Geschichtsbild, wie es, zuweilen mit einem gewissen nationalpädagogischen Unterton, gefordert wird, ist deshalb weder erreichbar noch in einer pluralen Gesellschaft erstrebenswert. Wie die Referate und Diskussionen insbesondere in den Sektionen zum Kalten Krieg der Geheimdienste und zu gesellschaftlichen Diskussionen gezeigt haben, ist die deutsch-deutsche Dimension eine unter mehreren. Mindestens ebenso wichtig sind je nach Gegenstand etwa die Einbindung in die internationalen Blöcke, die innergesellschaftliche Dynamik oder die transnationale Beeinflussung sozialer und kultureller Prozesse. Ob man zum Beispiel ohne weiteres behaupten kann, die deutsch-deutschen Beziehungen seien wichtiger gewesen als etwa die deutsch-amerikanischen oder deutsch-französischen Beziehungen, ist keineswegs entschieden.
Vor diesem Hintergrund lässt sich zusammenfassen: Die Initiative der Veranstalter zu diesem Kraftakt eines "Relaunch" dieser Tagungstradition, die natürlich auch erheblich in die interessierte Öffentlichkeit ausstrahlt, ist außerordentlich zu begrüßen. Thematisch ist mit dem Aufbruch aus dem "Schrebergarten" DDR schon einiges gewonnen, doch ließe sich diese Perspektive noch ausbauen und verdient jede Unterstützung für die kommenden Jahre.
Zum Schluss geht ein ganz besonderer Dank an das Team des Instituts für Zeitgeschichte, der Stiftung Aufarbeitung und der Bundeszentrale für politische Bildung für die perfekte Tagungsorganisation, die es ermöglichte, sich voll und ganz auf die Sache zu konzentrieren.
Text: Jens Gieseke |
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10. Februar 2012
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