Hinter dem Begriff der "nationalen Interessen" sieht Prof. Dr. Gunther Hellmann eine Denkweise, die im außenpolitischen Bereich überwunden geglaubte Trennlinien neu zieht. Da der Begriff zwangsweise Konflikte provoziere, spricht er lieber von "Zielen deutscher Außenpolitik".
Dr. Carlo Masala fordert: Deutschland muss mit den anderen Großmächten auf gleicher Augenhöhe sein. Nur so könne es die internationale Politik und das internationale System gestalten und Souveränität erhalten.
Für Prof. Dr. Herfried Münkler haben sich die Kriege verändert: Erstens seien die Staaten nicht mehr die alleinigen Herren des Krieges. Zweitens habe das Militär das Monopol auf die Fähigkeit der Kriegsführung verloren, und drittens sei es zu einer Asymmetrierung der Kriege gekommen.
Der Sicherheitsbegriff hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte erheblich erweitert. Prof. Dr. Reinhard Meyers weist darauf hin, dass man Sicherheit über den militärischen Aspekt hinaus betrachten muss, sei es die soziale oder ökonomische Sicherheit. Aber auch die sichere Überlieferung von Wertevorstellungen und politischen Grundhaltungen zähle dazu.
In Afghanistan werde nicht die Sicherheit Deutschlands, aber mit der Stabilisierung des Landes wichtige Interessen verteidigt. Gleichzeitig vermisst Winfried Nachtwei, Gründungsmitglied der Partei "Die Grünen", ein sicherheitspolitisches Grundkonzept für Auslandseinsätze der Bundeswehr.
Europa gerät unter den Druck der Vereinigten Staaten, die derzeit unter dem Einfluss einer politisierten Religiösität stehen – so Prof. Dr. Thomas Jäger. Konfliktfeld in der Ordnungspolitik wird der Mittlere Osten, "verdeckte Operationen" werden zunehmen.
Es gibt in den Vereinigten Staaten und in Deutschland gemeinsame Werte und Interessen; Karsten D. Voigt plädiert daher für einen Dialog auch mit den religiösen Kräften in den Vereinigten Staaten. Der Hauptunterschied bestehe in zeitlicher Vorstellung und in der Bereitschaft, militärische Mittel anzuwenden.
Betrachtet man die Außenpolitik Deutschlands seit 1990, stellt Prof. Dr. Wichard Woyke fundamentale Veränderungen fest. Dabei habe Deutschland noch keine neue strategische Zielrichtung gefunden. Deutschland muss in Europa ausgleichen, gleichzeitig müssen Europa und die Vereinigten Staaten auch unter den neuen internationalen Strukturen miteinander kooperieren.
Deutschlands nationale Interessen bestehen in der Funktionstüchtigkeit Europas, im Fortbestehen der transatlantischen Zusammenarbeit und in der Stärkung der entsprechenden Strukturen, meint Dr. Christoph Bertram. Deswegen müsse Deutschland bereit sein, eine effektive Führungsbereitschaft zu übernehmen und gleichzeitig die Zustimmung anderer zu gewinnen.
Nach 1989 und dem Ende des Primats der Deutschlandpolitik findet Deutschland allmählich seinen Platz im neuen internationalen Umfeld. Laut Joscha Schmierer strebt Deutschland eine europäische Außenpolitik an, innerhalb derer es seine Interessen in einem demokratischen Prozess definieren muss.
Deutschland genieße vor allem aufgrund seiner Irak-, Balkan- und Afghanistanpolitik große Anerkennung, zumindest aber Respekt weltweit, meint Gernot Erler. Sein Ziel sei es, die Integration in eine europäische internationale Politik zu erreichen, die einen Präventionscharakter hat und vor allem vorausschauende Friedenspolitik ist.
In Deutschland gibt es eine Erosion an Gestaltungsfähigkeit und Gestaltungswillen; dies betrifft vor allem die europäische Außenpolitik, die stets auf US-Initiativen angewiesen ist, erklärt Prof. Dr. Hans Maull.
Deutschlands Rolle habe sich nach 1989 verändert, und der Stil sei "selbstgewisser" im Auftreten geworden, etwa im Wort von der "Verantwortungsübernahme". Tatsächlich aber seien die deutsche Außenpolitik und der außenpolitische Diskurs immer noch ein wenig "provinziell", so die Analyse von Prof. Dr. Dr. h.c. Wilfried von Bredow.
Bernd Mützelburg glaubt, dass Deutschlands Außenpolitik über den Tag hinaus formuliert werde. Sie sei eine "nationale Außenpolitik" mit übernational formulierten Interessen.
Knut Brünjes glaubt, dass Außenpolitik und Außenwirtschaftspolitik – trotz Spannungen auf bestimmten Feldern – abgestimmt werden müssen. Es sei notwendig, die globalen Märkte und den globalen Warenverkehr mit Regeln zu versehen und einen regelbestimmten Handel zu erreichen.
Nationale Einflüsse seien angesichts der Vergemeinschaftung der Handelspolitik geschwunden. Das Agendasetting erfolge über ein aktives Lobbying. Grundsätzlich wird die deutsche Außenwirtschaftspolitik nach außenpolitischen Grundsätzen geregelt, und das Bundeswirtschaftsministerium habe einen Teil seiner Rolle verloren – so das Fazit von Prof. Dr. Andreas Falke.
Im Zentrum der transatlantischen Spannungen stehe eine unterschiedliche Bedrohungsperzeption in Bezug auf den islamistischen Terrorismus in Verbindung mit Massenvernichtungswaffen. Dr. Friedbert Pflüger ist der Ansicht, dass Deutschland wieder einen strategischen Dialog mit den USA braucht.
Deutschland muss ein Bündnis mit Westeuropa – Großbritannien und Frankreich v.a. -, aber auch wieder mit den USA suchen, ohne allerdings den europäischen Osten aus dem Auge zu verlieren, meint Prof. Dr. Manfred Görtemaker. Eine Konzentration auf Frankreich allein reiche nicht aus.
Dr. Klaus Scharioth sieht gute Chancen für eine transatlantische Wiederannäherung: Beide Seiten bräuchten Erfolge – beim Wiederaufbau im Irak, in der Iranpolitik u.a.
Der Irakkrieg habe als Katalysator für eine europäische Außen- und Sicherheitspolitik gewirkt. Eine erneute Erweiterungsrunde der Europäischen Union könnte deren Integrationskraft übersteigen, meint Prof. Dr. Gisela Müller-Brandeck-Bocquet.
Dr. Stefan Mair konstatiert, dass es gibt ein Umdenken in der Entwicklungspolitik gibt, etwa eine stärkere Staatsbetonung, aber noch keine festen Strategien. Die verschiedenen Politikfelder müssten wieder verknüpft werden, um vor allem zunächst "Stabilisierung” zu erreichen; die Entwicklungspolitik dürfe sich dabei insgesamt nicht überfordern.
Entwicklungspolitik kann heute klare Kriterien an eine "angepasste Entwicklungsorientierung” anlegen – meint Dr. Uschi Eid. Was man braucht seien Strukturveränderungen, aber auch finanzintensive Reformen. Afrika, das zunehmend wirtschafts- und sicherheitspolitisch selbständig wird, müsse einen zentralen Stellenwert in der Entwicklungskooperation einnehmen.
Nach Prof. Dr. Dirk Messner ist Entwicklungspolitik heute globale Strukturpolitik. Die entwicklungspolitische Agenda sei größer als nur die Armutsbekämpfung, auch wenn dieses Ziel nicht aufgeweicht werden darf, und betrifft heute vor allem Außen- und Sicherheitspolitik allgemein.