Die bpbBestellenNewsletterPressePartnerImpressumKontakt

Home
   
FAQ Index
Suche

Themen
Publikationen
Veranstaltungen
Dokumentationen
Made in Italy / Made in Germany
KinderMedien-
Konferenz 2009
Politik im Freien Theater 2008
Wissen
Lernen


Veranstaltungsdokumentation (Juni 2006)

"Die Generation Love Parade war politisch"


Tim Renner in einem Interview über Punk, Pop, knallende Türen und das Politische von Musik.

bpb: Sie fingen an als eine Art Günter Wallraff der Musikindustrie. Warum haben Sie den Journalismus dann doch sein lassen?

Renner: Die Skandale, die ich als investigativer Journalist in der Musikindustrie entdecken konnte, hatten keinen boshaften Hintergrund, waren eher durch Unbedarftheit und Ungeschick bedingt, darüber kann man kein Buch schreiben. Stattdessen bekam ich ungeahnte Gestaltungsmöglichkeiten und Freiheiten, die mich begeisterten. Ich konnte mein eigenes Label aufbauen und so wurde aus der Recherche dann plötzlich eine Karriere.

Zur Person
Tim Renner arbeitete ab Mitte der Achtziger Jahre als Journalist, später beim Musikverlag Polydor. Er gilt als Entdecker von Bands wie Element of Crime, Tocotronic oder Rammstein. 1994 gründete er mit Motor Music sein eigenes Plattenlabel, von 1998 bis 2004 war er Chef von Universal Music. Danach hat er Motor Music weiter ausgebaut und mit motorFM ein Webradio gegründet, das in erster Linie Musik jenseits des Mainstreams spielt.
Internet: www.motor.de

bpb: Journalismus sagt man nach, er berge die Möglichkeit zu gesellschaftspolitischem Engagement außerhalb der Politik. Aber wie politisch ist Musik?

Renner: Kunst ist per se immer politisch, denn sie drückt subjektive Befindlichkeiten aus und bringt diese somit in einen gesamt gesellschaftlichen Diskurs. Pop ist dabei sicher eine der sublimsten künstlerischen Formen. Man kann sich ihm nicht entziehen, die Musik verfolgt einem und hinterlässt ihre Botschaften. Dabei werden die Musiker zunehmend wieder konkreter: Mia setzten zum Beispiel den Ton beim Thema linker Patriotismus, Peter Licht steuert mit seiner aktuellen Platte bewusst einen wichtigen Beitrag zum Thema Kapitalismuskritik bei.

bpb: Lassen sich Jugendliche ihrer Meinung nach überhaupt über Musik politisieren?

Renner: Die Pop und Rockmusik erneuert sich ständig, da sie Mittel der Jugend zur Abgrenzung ist. Es geht darum, die eigene Persönlichkeit zu definieren und dabei hilft alles, was Eltern und Lehrer nicht verstehen. Nehmen sie zum Beispiel Techno. Mit Reduktion auf zwei Akkorde konnte die Vorgängergeneration dank Punk ja gerade noch umgehen, aber dass nun jeglicher Refrain entfiel und meist auf Textbotschaften zur Gänze verzichtet wurde, war für sie nicht nachvollziehbar. Sie warfen Techno vor, völlig unpolitisch zu sein. Aber gerade dadurch, dass man sich nicht mehr politisieren ließ, war auch die Generation Love Parade politisch. Momentan findet diese Art Provokation wohl am deutlichsten im Bereich des Hip Hop statt. Die Angst vorm Absturz der ganzen Gesellschaft wird von Sido, Bushido und Co. mit der Sehnsucht nach dem Ghetto gekontert.

bpb: Kommt zuerst die Jugend-Bewegung und dann die Musik – wie bei den Globalisierungsgegnern und Manu Chao etwa – oder geht das auch andersherum?

Renner: Musik ist integrativer Bestandteil von Jugendbewegungen, denn Musik ist die Kunstform, die man am leichtesten erlernen kann und auf die man am schnellsten Reaktionen bekommt. Denken Sie an die Zimmertür, die die Eltern zuknallen, weil ihre Musik zu laut ist, oder die Blicke der Mitschülerinnen, wenn man dann in der Schule das erste Mal mit der Gitarre auf der Bühne steht. Wenn sich eine Jugendbewegung ausdefiniert, tut sie das über Musik. Wenn sie nicht automatisch mit einem eigenen Klang verbunden wird, ist es keine Jugendbewegung. Globalisierungsgegner etwa bringen keine Merkmale von Jugendbewegungen zu Tage, ihre Treiber und Idole sind dafür auch bedeutend zu alt. Die Musik, die mit ihnen verbunden wird, klingt eher wie ein Soundtrack für eine Bedürfnisgruppe, ihr haftet deshalb leider ein bisschen der Geruch von Marketing an…

bpb: Inwieweit können Songs von Bands aus dem anglo-amerikanischen Teil der Welt auch Jugendliche hier, mit aktuellen, typisch deutschen Problemen, affizieren?

Renner: Es gibt Themen wie Liebe und Pubertät die global sind. Wer sich allerdings hierzulande mit sogenannten Shoot-outs in amerikanischen Slums identifiziert, wirkt zwangsläufig weltfremd und nimmt eine Pose ein. Ob der englischen Texte wird, wenn überhaupt, meist eh nur der Refrain verstanden. Wer ist denn schon geschulter Simultanübersetzer?

bpb: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der zunehmende Erfolg von deutschsprachiger Musik bei jungen Leuten?

Renner: Vor 25 Jahren war die neue Deutsche Welle eine Provokation, die bewusst den Minimalismus des Punk mit der verhassten Schlagerlyrik der 50er Jahre verbunden hat. Auf Dauer ist das unerträglich und so konnte es dann auch irgendwann keiner mehr hören. Jetzt versuchen die Bands, die deutsche Sprache wieder für Botschaften zu nutzen. Es macht sehr viel Sinn, die Landessprache zu nutzen, wenn man seinen Mitmenschen etwas zu sagen hat. Dies ist kein Trend, das ist einfach eine logische Konsequenz und deshalb unumkehrbar.

bpb: Musik ist ein Jugend-"Ding" – Selbstfindungsprozesse, Haltung zeigen, sich abgrenzen, all das ist über Musik möglich. Warum reichen die gängigen Radiosender dafür nicht aus?

Renner: Radiosender suchen den kleinsten gemeinsamen Nenner um das größtmögliche Publikum im Sinne ihrer Kunden aus der Werbewirtschaft zu bedienen. Das heißt aber, dass all das, was für Jugendliche wichtig wäre – also Ecken, Kanten, Profile, Aussagen – entfallen. Dementsprechend verliert das Radio mittlerweile auch das juvenile Publikum und schliddert in eine Existenzkrise.

bpb: Muss die junge Generation selbst ihre Wahl treffen oder sollte der Staat über die Öffentlich-Rechtlichen anfangen, dem opportunistischen Einerlei ein Ende zu setzen?

Renner: Wenn die öffentlich-rechtlichen Stationen nicht ihre Existenzberechtigung verlieren wollen, sollten sie in eigenem Interesse ihren Auftrag wahrnehmen. Trauen sie sich das, beleben sie auch wieder den Radiomarkt, wie man in Berlin mit den durchaus mutigen RBB Stationen Multikulti, Radio 1 und Fritz beweist. Bietet man den Jugendlichen nicht Programme jenseits des Mainstreams, wird man sie endgültig an das Internet, das Medium, in dem sie heute schon ihre Individualität ausdrücken können, verlieren. Dort tummeln sich schon tausende von Radiostationen, die sich etwas trauen.

Interview: Anne Haeming
Themen | Wissen | Veranstaltungen |
Publikationen | Lernen |
Die bpb | Bestellen | Newsletter | Presse | Partner |
Impressum | Datenschutz | Kontakt | Home
09. Februar 2012
Druck-Version
Artikel versenden
Die Jugendmedientage

Übersicht

Interview Günter Wallraff

Interview Klaus Liedtke

Interview Wolf Lotter

Interview Tim Renner

Interview Christoph Schlingensief

Statements von Teilnehmenden
Veranstaltungs-
dokumentation
Jugendmedientage 2005
Jugendmedientage 2005
Hamburg – Tor zur Medienwelt. Nur konsequent, dass sich die diesjährigen Jugendmedientage in der Hansestadt mit Europa und der Zukunft der Medien beschäftigten.
Jugendmedientage 2005