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Veranstaltungsdokumentation ( Mai 2004)

Das war schön – und wie geht´s weiter?


Tagungsbericht und Wünsche für die Zukunft - Christoph Strack

Die Turnschuhe, die sind so ein Beispiel. "Mit Turnschuhen für 100, 200 Euro", erinnerte sich ein Teilnehmer aus Stuttgart, "zu Brent-Spar-Zeiten BP blockiert." Und fügte ironisch hinzu: "Das ist ja noch kein Dialog zwischen politischer Bildung und Wirtschaft." Und "Turnschuhe" kamen wieder im Verlauf der Diskussion - als Beleg für Engagement der Wirtschaft. Puma sei ausgezeichnet worden mit einem Preis für sein Engagement gegen Kinderarbeit, für Bemühungen, "die nicht kostenneutral sind".

Wie viel kann Wirtschaft leisten, wie viel muss Wirtschaft leisten an politischer Bildung - das blieb nicht der einzige rote Faden der Diskussionen. Viele Schilderungen oder auch die mittäglichen Präsentationen im "Markt der Möglichkeiten" machten deutlich: Vieles leistet Wirtschaft bereits. Allerdings, so schien es: Je größer, desto entschiedener, desto unabhängiger auch, vielleicht auch nicht mit ausreichender Kommunikation hinein in die politische Bildung. Die Deutsche Bank oder die Telekom suchen nicht mehr nach den Anbietern politischer Bildung, um Zusammenarbeiten aufzubauen oder Elemente zu integrieren, sondern sind selbst aktiv. So wie multinationale Konzerne als Global Player eigene Schritte in der Entwicklungshilfe gehen. Frank Trümper, Leiter Corporate Cultural Affairs der Deutschen Bank, verwies auf einen Milliarden US-Dollar starken Fonds von Banken, aus dem Mikrokredite für Existenzgründer finanziert werden. "Das System ist selbst reproduzierbar", erläuterte er. Es war der Wink an die Akteure politischer Bildung, nicht zuerst nach finanziellen Beiträgen der Wirtschaft zu fragen, sondern Kompetenzen und Spezialwissen zu nutzen. Das Beispiel der Kleinstkredite passt auch zu jenem Aspekt, der gerade für große Unternehmen wichtig ist bei einem Engagement in Bildungsarbeit: win-win-Effekte (und win-win wurde später bei einem Forum als eine mögliche Definition von Nachhaltigkeit bezeichnet).

Sensibel wurden Diskussionsteilnehmer aus diesem Bereich der Wirtschaft, wenn sie sich in die Ecke gestellt sahen: Wenn, aus der Sicht von Bildungsarbeitern, die "Riesendistanz zwischen Wirtschaft und politischer Bildung" beklagt wurde, gleich ergänzt mit der Bemerkung: "Ich verteile jetzt gar keine Schuld." Wenn das sicher nicht immer unberechtigte Klagelied anhub "Die politische Bildung versucht's mit aller Teufelsgewalt. Vergeblich. Was will die Wirtschaft denn?" Die Wirtschaft will - siehe oben - win-win-Konzepte, und sie will nicht in Kooperationen hineinfinden, bei denen sie allein Finanzen bereitstellt, nicht aber mitredet bei Konzepten und Strategien. Da war (Dominique Döttling) von einer "Spur Misstrauen" die Rede, von den hohen Kosten politischer Bildung, von der Sprachdifferenz. Und wie sagte, im Gegenzug, Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, zum Auftakt: "Es geht nicht darum, dass politische Bildung instrumentalisiert wird, um Unternehmensstrategien zu verfolgen...." Es bleiben also Spannungen, aber Spannungen können Energien freisetzen. Bis hin zum "Grenzdurchbruch", den Bundestagspräsident Wolfgang Thierse mit der Begegnung von Wirtschaftsunternehmen und politischer Bildung beschwor: Jahrzehntelang gebaute Mauern der Abgrenzung zwischen beiden Bereichen müssten fallen. Aber Thierse schob auch gängige Kritik der politischen Gestalter an wirtschaftlichen Akteuren nach: Deren Planungshorizonte würden immer kürzer, während es die Politik "eher mit Langfristigkeit zu tun" habe.

Diversen Erwartungen müssen sich die Kräfte politischer Bildung also stellen. Wolfgang Sander, Didaktik-Experte der Universität Gießen und auf verschiedenen Ebenen im Bereich der politischen Bildung aktiv, sprach von dem seit den 90-er Jahren wachsenden Bewusstsein vieler Führungskräfte, "dass es heute für den wirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens zunehmend wichtiger wird, in welcher Weise es sich zu einem gesellschaftlichen und politischen Umfeld positioniert". Die Unternehmen würden eben zu Akteuren der Zivilgesellschaft. (Dazu passte Frithjof Finkbeiners Hinweis "Wirtschaft - das sind wir alle", der letztlich auch hinaus verwies aus dem Schöneberger Rathaus in die aktuelle Reformdebatte und die Auswirkungen der Globalisierung auf die innerdeutsche Debatte um Besitzstandswahrung und soziale Gerechtigkeit).

Der Gegensatz, zumindest die Spannung zwischen Politik und Wirtschaft klang immer wieder durch. Nur "die" Wirtschaft - das lässt sich eben auch schwer sagen: Die großen Konzerne mit eigenen Bildungskonzepten, Good-Practice- oder Corporate-Identity-Konzepten sind das eine. Kleine und mittelständische Unternehmen (mit 70 Prozent aller Arbeitsnehmer, 80 Prozent aller Lehrlinge, wie Gotlind Ulshöfer betonte) sind das andere. Dort müsse es darum gehen, die win-win-Frage auch kommunal oder regional zu verorten (Ulshöfer) oder "praxistaugliche Lösungen" (Aßländer) aufzuzeigen. Es gehe um "Innovationen der politischen Bildung", die die eigene Nützlichkeit für die Wirtschaft klarer formulieren muss. Auf diese Innovationen, so wirkte es, wartet Wirtschaft. Politische Bildung muss den Dialog suchen und Modelle der Zusammenarbeit intensivieren, aber Klischees, auch Feindbilder außen vorlassen.

Ob mit Klischees oder ohne Vorurteil: Eine kritische Größe scheint erreicht, wo Unternehmen eigene Weiterbildungsabteilungen bekommen. Als "größtes Hindernis für weitergehende Kooperationen" bezeichnete sie eine Bildungsexpertin. Da funktionierten dann Abgrenzung und auch Stolz gegenüber Impulsen von außen. Die Mauern, von denen Wolfgang Thierse sprach, stehen auf beiden Seiten.
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19. März 2010
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