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Kongress "Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0"
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Neue Medien = neue Formen der Demokratie? |

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Thesenreferat von Volker Grassmuck
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1. Der klassischen Form von massenmedialer Öffentlichkeit, wie sie gestern besprochen wurde, ist dank der digitalen Revolution eine neue Form von Öffentlichkeit an die Seite getreten.
Das klassische Modell als Karikatur: TV schauen, am Stammtisch seine Stimme darüber erheben und sie im
Politischen alle vier Jahre abgeben. Dirk Baecker hat gestern feiner von "asymmetrischen Strukturen einer
interaktionsfreien Kommunikation" gesprochen. Öffentlichkeit aus systemtheoretischer Sicht, haben wir gelernt,
"besteht aus der Möglichkeit des Themenwechsels". Die Zapper und Surfer seien frei zu entscheiden, worauf sie
ihre Aufmerksamkeit richten. Der Sourverän, das hat Baecker nicht gesagt, aber der Anschluß liegt nahe, ist
weiterhin das Volk - mit der Fernbedienung in der Hand. Eine mit Verlaub dürftige Version von Öffentlichkeit
im Vergleich zu der, die das Internet ermöglicht.
2. Das Neue ist nicht das Alte in grün (/rot).
Revolutionen pflegen struktruelle Verschiebungen zu bewirken. Das Gewohnheitstier Mensch mag keine
grundlegenden Veränderungen, auch wenn es sie selbst hervorbringt. Besonders, wenn es um handfeste
ökonomische Interessen geht, darf das Neue nur eine Variante des Alten sein.
Der Inhalt eines neuen Mediums,
hat McLuhan gelehrt, sind die alten Medien. Das Automobil war zuerst das "horse-less cariage". Für die Presse-, Musik- und Filmindustrie ist das Internet nur eine Gelegenheit, dasselbe Geschäft zu machen, nur jetzt ohne
die Hersteller und ohne den Einzelhandel. Für die Politiker ist es im Wesentlichen eine Gelegenheit, die
Wahlkampfbroschüren jetzt auch auf eine Webseite zu stellen. Für die GEMA ist ein Music-on-Demand System
das gleiche wie ein Plattenpresswerk.
Das Neue wird in das Prokrustesbett des Alten gezwängt und damit die
Chance für eine wirkliche Veränderung vermauert. Die zwar nicht ausgerufene, aber gleichwohl von allen
Seiten begrüßte digitale Revolution wird sich natürlich nicht aufhalten lassen, aber sie stellt ganz offensichtlich
hohe kognitive Anforderungen.
In den letzten Tagen haben ich in mehreren Gesprächen über ganz
unterschiedliche Aspekte der digitalen Wissensordnung die Einschätzung gehört "bevor sich da was ändert,
müssen wir warten, bis eine Generation wegstirbt".
3. Die digitale Revolution bringt den informationellen Kommunismus.
Natürlich hatte Habermas recht, als er die Kommerzialisierung und Konzentration der Öffentlichkeitsmedien
beklagte. Die Probleme einer privatwirtschaftlich organisierten Vierten Gewalt zeigen sich z.B. wenn zur
Novellierung des Urhheberrechts eine kritische Berichterstattung unterbleibt, nicht, weil es nicht kritische
Journalisten gäbe, sondern, weil die Verlage ein Interesse daran haben, möglichst schnell und reibungslos neue
Instrumente zur Wahrung ihrer Interessen zu bekommen. Die alte Frage nach dem Eigentum an
Produktionsmitteln ist so aktuell wie immer.
Die digitale Revolution hat mit PC und Internet das universale
informationelle Produktiosmittel und ein ebensolches Distributionsmittel von globaler Reichweite in die
Möglichkeit von jedermann in der ersten Welt gebracht. Damit fällt das Nadelöhr von Verlagen und
Redaktionen, beschränkter Airtime und Ladenstellfläche. Die Fernsehvision waren 500 Kanäle. Das Internet hat
500 Millionen eröffnet.
Der große Wissenschaftssoziologe Robert Merton identifizierte 1947 Kommunismus als eine der vier Säulen der
wissenschaftlichen Ethik. "Kommunismus im nicht technischen und erweiterten Sinne von gemeinschaftlichem
Eigentum an Gütern ist ein integrales Element des wissenschaflichen Ethos. Die Resultate der
wissenschaftlichen Autorschaft sind Produkte der sozialen Kooperation und werden der Gemeinschaft
zugesprochen. Eigentumsrechte an Wissenschaft sind auf ein Minimum reduziert." Nämlich das auf
Namensnennung und das gegen Entstellung. Darüberhinaus ist das Wissen Erbe aller und Grundlage für die
Fortschreibung durch alle Interessierten.
Ohne, so darf man unterstellen, Merton oder gar Marx gelesen zu haben, halten es die Gemeinschaften der
freien Software und anderer freier Wissensformen ganz genauso. Wenn die Produktions- und Distributionsmittel
in den Händen aller liegen, macht es einfach keinen Sinn mehr, proprietär zu produzieren und die Produkte
künstlich zu verknappen.
4. Vernetzung tritt an die Stelle der Struktur der Massenmedien.
Die Massenmedien haben eine Zentrum-an-alle-Struktur. Das Internet ist grundsätzlich ein Punkt-zu-Punkt-
Medium wie das Telefon. Darüberhinaus erlaubt es aber auch Punkt-an-viele-Kommunikation wie in
Mailinglisten und Viele-an-einen-Punkt wie bei Wikis. Das Internet erlaubt grundsätzlich auch massenmediale
Strukturen -- die Harald-Schmitt-Show ist im Netz ähnlich gefragt wie im TV und auch netz-native Sites mit
Millionen Zugriffen gibt es -- aber grundsätzlich ist die Architektur des Netzes dafür nicht besonders geeignet.
"Ge-slashdoted" meint eine Site, die auf Slashdot, dem größten Forum der Freien Software Community,
gefeatured wurde, und in kürzester Zeit so viele Zugriffe erhielt, dass der Server in die Knie gegangen ist.
Nicht Massenstrukturen sind die große Stärke des Netzes, sondern (im Anschluß an Baecker) "symmetrische
Strukturen einer interaktiven Kommunikation", und zwar in Gemeinschaften von Hunderten oder Tausenden
Mitgliedern.
5. Durch die neue mediale Verschaltung tritt die konnektive Intelligenz hervor.
Gemeinsam Lieder zu singen, sich Geschichten zu erzählen und Bilder zu zeigen ist selbstverständliche
Grundlage für allen menschlichen Austausch. Wir kommunizieren über und mit Hilfe von kreativen
Schöpfungen, die uns angehen.
Mit Beginn der industriellen Produktion von Textträgern, also mit dem Gutenbergschen Buchdruck, entsteht
das Copyright, und damit Kultur als Ware, als Industrie, als Einwegprozess von professionellen Sendern an
empfangende Konsumenten, die erst durch diese Adressierung zu Konsumenten wurden.
"Viele Köche verderben den Brei", "wenn alle mitreden dürfen, kommt der kleinste gemeinsame Nenner
heraus", "das Mittelmaß obsiegt" oder pseudo-wissenschaftlich in der Form von Garrett Hardins Allmende-
Dilemma: "wenn alle über eine gemeinsame Ressource mitbestimmen dürfen, bedeutet das den Ruin für alle."
Mit solchen Vorstellungen wird traditionell jeder Versuch gemeinschaftlicher Ressourcennutzung,
gemeinschaftlicher Produktion und direkter Demokratie diffamiert.
Tatsächlich erweist sich ein vermaschtes Netzwerk aus intelligenten Knoten als mehr nicht als weniger denn die
Summe seiner Teile. Im Grunde seines Wesens weiß der Kapitalismus, dass ihm die konnektive Intelligenz
überlegen ist. Dieses Wissen sollen die ideologischen Konstrukte von Hardin und Co. abwehren. Elinor Ostrom
hat Hardin empirisch widerlegt und nachgewiesen, dass die Allmendenutzung natürlicher Ressourcen sehr wohl
funktionieren kann.
Im digitalen Wissensraum wird die Macht des freien Austausches offensichtlich: die freie
Software war die Avantgarde. Von ihr inspiriert folgen freie Wissenprojekte wie Wikipedia, die Bewegung der
freien Funknetze, die Wissenschaft, die sich aus dem Würgegriff der oligopolistischen Wissenschaftsverlage
befreit.
6. Das Internet ist nicht nur Kommunikations- sondern Handlungsraum
Das Netz ist nicht nur ein Kanal für Dinge, die an den Endpunkten enstehen, wie die Briefpost. Es ist ein Dritte
Raum, in dem man gemeinsam etwas schaffen kann. Nicht Post sondern Werkstatt.
Concurrent Version Systems (CVS), die Umgebung für die gemeinsame Arbeit an Quellcode von Software;
Wikis, Weblogs, RSS-Feeds, freie Content Management Systeme, Formen von p2p-Netzen -- der
Werkzeugkasten für offene Kooperationen wird ständig erweitert. We ain‘t seen nothing yet.
Soziologisch könnte man von einer Rückkehr zu den "schriftstellernden Privatleuten" sprechen, aus der Zeit, die
Habermas die "liberale Ära" nennt. Die Akteure sind häufig "Amateure", also im Wortsinn Leute, die etwas aus
Liebe zur Sache tun. Nicht etwa im pejorativen Sinne von dilletierenden Hobbyisten. Frei Software wird sehr
wohl auch von Profis geschrieben, aber eben oft in ihrer Freizeit. Auch Wikipedia zeigt, dass aus nichts als
Liebe zur Sache eine für alle wertvolle Ressource entsteht, die den "professionellen" Nachbarn gleichkommt
und sie übertrifft.
Zeitgemäßer könnte man auch von der "Digitalen Allmende / Digital Commons" sprechen oder genauer mit
einem Begriff von Yochai Benkler von "peer-gestützter Allmende-Produktion."1 Es geht nicht um
Konsumptions-, sondern um Produktionsgemeinschaften.
7. Das Internet ist das ideale Instrument der sog. Zivilgesellschaft
Die genannten freien Wissensbewegungen sind nicht primär politisch oder gar parteipolitisch ausgerichtet. Jeder
mag sich hauptsächlich in seiner Community, in seiner Teilöffentlichkeit bewegen, doch Themen von
Bedeutung für Viele diffundieren in kürzester Zeit in alle interessierten Kreise.
Kampagnen wie die gegen McDonalds und jüngst gegen die Einführung von Software-Patenten in Europa
zeigen, wie das Internet es Graswurzelgruppen ermöglicht, auf großer und größter Bühne zu agieren und globale
Gegner mit nahezu unbeschränkten PR- und Rechtsanwaltsetats erfolgreich zu konfrontieren. Die sog.
Zivilgesellschaft wird zur Fünften Macht im Staate. Sie wird die Hauptgewinnerin der digitalen Revolution sein. |
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10. Februar 2012
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Strukturwandel der Öffentlichkeit |
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