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Mediatoren der Internetöffentlichkeit
Christoph Neuberger
Inhalt

Kritik an demokratischen Netz-Utopien

Politische Akteure als Kommunikatoren im Netz

Vermittlungsstrukturen in der Öffentlichkeit

Ist Vermittlung im Internet notwendig?

"Informationsflut" und "Informationsmüll"

Engpass wandert von der Anbieter- auf die Nutzerseite

Neue Angebotstypen als Mediatoren

Suchmaschinen und Nachrichtenaggregatoren

Weblogs und Warblogs

Peer-to-Peer-Angebote

Wirkungen politischer Internetöffentlichkeit?

Offene Fragen

Literatur

Kritik an demokratischen Netz-Utopien
Wie verändert sich politische Kommunikation unter den Bedingungen eines neuen technischen Mediums? Dass es solche Auswirkungen eines Mediums geben kann, hat das Fernsehen hinlänglich bewiesen: Der Zwang zur Visualisierung, Personalisierung, Emotionalisierung und Inszenierung hat die Politik verändert, hat zu einer Aufwertung symbolischer Politik gegenüber der Realpolitik geführt.

Im Falle des Internets wird seit längerer Zeit eine intensive Diskussion über die Folgen für das demokratische Gemeinwesen geführt. Die Phantasie der Netz-Utopisten wurde durch bestimmte Eigenschaften des Internets angeregt: durch die Dezentralität, die eine Regulierung erschwert, den einfachen Zugang zur Öffentlichkeit für jene, die sich in einem Forum oder auf einer eigenen Website zu Wort melden wollen, und durch die vielfältigen Informationsmöglichkeiten für die Nutzer. Die normativen Bedingungen, die Jürgen Habermas für die Öffentlichkeit formuliert hat, schienen im Internet greifbar nahe zu sein (vgl. Roesler 1997: 182f.; Welz 2002: 3; Winkel 2001: 145): Jeder soll an der Kommunikation teilnehmen dürfen, und jedes Thema soll behandelt werden können. Zwischen den Teilnehmern soll Gleichheit herrschen, und nur die Kraft des besseren Arguments soll im herrschaftsfreien Diskurs zählen.

Zahlreiche Kritiker haben sich darum bemüht, diese Vorstellungen als idealistisch zu entlarven. Ihr Hauptargument: Das technische Potenzial bestimmt nicht den Gebrauch eines Mediums. "Der Grundirrtum des Mythos besteht darin zu glauben, daß Öffentlichkeit ein technisches Problem darstellt, das sich mit einem geeigneten technischen Instrumentarium lösen läßt." (Roesler 1997: 191; H.i.O.) Unbeachtet blieben die negativen Effekte, die mit der sozialen Einbettung, der Verwendung des Internets einhergehen (vgl. zum Folgenden: Hoecker 2002; Papacharissi 2002; Welz 2002; Winkel 2001: 146-148; Jarren 1998: 16-20; Marschall 1998: 47-51; Roesler 1997: 186-190).
    1. Kritiker sehen die Gefahr einer sozialen Segmentierung, einer "digitalen Spaltung" innerhalb einer Gesellschaft und zwischen Gesellschaften, weil die Voraussetzungen für den Zugang zum neuen Medium nicht gleich verteilt sind (Englischkenntnisse, Ausdrucks- und Schreibfähigkeit, Computerkenntnisse, Zahlungsfähigkeit, Vorhandensein der technischen Infrastruktur, staatliche Beschränkungen beim Zugang [vgl. Roesler 1997: 186f.]). Überrepräsentiert sind unter den Online-Nutzern immer noch Männer, Weiße, Akademiker, junge Menschen sowie Bewohner Nordamerikas und Westeuropas.

    2. Außerdem, so die Kritiker, werden sowohl die Bereitschaft als auch die Fähigkeit der Online-Nutzer überschätzt, sich im Internet aktiv politisch zu betätigen. Die "Illusion vom hyperaktiven Publikum" (vgl. Schönbach 1997) besagt, dass im Internet permanent und kompetent die Möglichkeiten der Information und Kommunikation genutzt werden. Das Internet kann "Partizipation zwar erleichtern, den Willen dazu bei den Wählern aber nur bedingt erzeugen" (Welz 2002: 9).

    3. Im Internet steigen die Anforderungen an die User im Vergleich zu traditionellen Medien, betrachtet man das Angebot quantitativ und qualitativ: Die "Informationsflut" und der "Informationsmüll" im Internet, so die Annahme, führen zu einem Verlust an politischer Orientierung.

    4. Kritiker richten ihr Augenmerk auf politische Extremisten und fundamentalistische Gruppen, die das Internet für ihre Zwecke nutzen. Deren Bereitschaft zum herrschaftsfreien Diskurs dürfte eher gering ausgeprägt sein.

    5. Außerdem erwarten sie eine Fragmentierung des öffentlichen Raums in eine Vielzahl getrennter, politisch homogener Teilöffentlichkeiten, in denen sich Gleichgesinnte treffen.

    6. Schließlich würden durch die Kommerzialisierung – vergleichbar dem Fernsehen – politische Informationen durch Trivialinformationen verdrängt; die Nutzer würden nicht mehr als Bürger, sondern nur noch als Konsumenten angesprochen (vgl. Winkel 2001: 148).
Diese weitgehend berechtigte Kritik an den demokratischen Netz-Utopien zeigt, dass direkte Schlüsse vom Medium auf seinen Gebrauch technikdeterministische "Kurzschlüsse" sind. Die Entwicklung des Internets ist wegen seines Optionenreichtums besonders schwer vorhersehbar. Weil das Potenzial weite Grenzen setzt, ist kaum abzusehen, wie Akteure unter einer Vielzahl von Möglichkeiten selektieren. Im letzten Jahrzehnt ist eine enorme Vielfalt an Angebotstypen, an unterschiedlichen Formaten entstanden, die Pauschalaussagen über das Internet verbieten. Aus diesem Grund ist es inzwischen wichtig, sich statt mit Potenzialen stärker mit der Empirie der Online-Kommunikation zu befassen.

Jedoch hat auch die Argumentation der Kritiker der Internetöffentlichkeit einen zentralen Schwachpunkt: Sie ignoriert weitgehend, dass sich im Internet bereits Angebote zur Vermittlung öffentlicher Kommunikation herausgebildet haben, die die negativen Folgen von "digitaler Spaltung", von "Informationsflut" und "Informationsmüll", der Fragmentierung des öffentlichen Raums und der Kommerzialisierung abmildern können. Sie fungieren als "Gatekeeper" und Qualitätskontrolleure, haben aber mit dem traditionellen Journalismus wenig gemeinsam.
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14. März 2010
Strukturwandel der Öffentlichkeit

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