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9. Bundeskongress für Politische Bildung (März 2003)
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Dem Morgen begegnen, heißt Hoffnung haben |

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7 Bemerkungen eines hoffnungsvollen Pessimisten
Dr. Rafik Schami
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Dr. Rafik Schami
Käme ein Besucher von einem fremden Stern auf unsere Erde , würde er sich über eine eigenartige Diskrepanz wundern. Er würde den Wissensstand universell und den Wirtschaftsstand global nennen. Er würde aber lange nach einem geeigneten Begriff für den Stand der Zivilisation suchen.
Die Menschheit hat heute die gleichen Probleme wie eh und je. Und den Grad der Zivilisation einer Gesellschaft erkennt man allein daran, wie sie diese Probleme löst. Sicher ist es eine ungeheuere Errungenschaft der Technik, dass man von jedem Ort der Erde aus jeden anderen erreichen kann, aber das ist nicht Zivilisation, wenn zugleich auf dieser Erde wie zur Steinzeit Kinder vor Hunger sterben, Menschen gequält werden oder Konflikte mit Gewalt geregelt werden.
Information zirkuliert um die Welt, und mit einer Digitalantenne kann man bis zu 1500 Programme empfangen. Aber Wissen allein macht nicht weise. Es braucht die Hefe der Begegnung mit anderen Kulturen, um zu Weisheit zu werden, so wie man Mehl oder Hefe eben nicht getrennt genießen kann.
Wir können uns darüber lustig machen oder die Köpfe vor Verzweiflung schütteln, dass ein Präsident der USA trotz hochbezahlter Berater, trotz Geheimdienst und gegen jede Vernunft das Wort Kreuzzug in den Mund nimmt. Für jeden Orientalen bedeutet Kreuzzug schlicht und ergreifend 200 Jahre Mord und Totschlag.
Aber woran liegt das, dass amerikanische Soldaten ihr Leben aufs Spiel setzen wollen, ohne auch nur den Unterschied zwischen dem Iran und dem Irak zu kennen?
Oder ein naheliegenderes Beispiel: Ich lebe seit 32 Jahren hier in Deutschland und habe Land und Leute durch Erzähltourneen einigermaßen kennen gelernt. Mögen einige unter Ihnen nun das, was ich jetzt sage für orientalischen Charme halten, aber es handelt sich um ein sehr nüchternes Urteil: Ich finde Deutschland wunderschön und liebe das Land, seine Sprache und Leute, die mir und meiner Literatur eine Heimat geben.
Aber sagen Sie das einmal einem Deutschen. Er wird erröten, als hätte man ihm etwas Unanständiges gesagt. Warum? Kann man sein Land, seine Sprache, seine Bevölkerung nicht wunderbar finden, ohne einfältig stolz zu werden oder unsicher nach einem Leithammel zu suchen?
Als könnte man nicht kritisch sein und trotzdem einen See, einen Wald oder Menschen schön finden. Bei all meiner Kritik an der arabischen Gesellschaft, die Sie heute noch hören werden, halte ich Damaskus nach wie vor für die schönste Stadt der Welt. Ich werde sie besingen, solange ich atmen kann.
Ich könnte die Liste der Unzulänglichkeiten beliebig fortsetzen. Ihre Ursache liegt im Unwissen über die eigene Kultur und die der anderen. Sicher, Wissen allein genügt nicht, wie ich oben ausführte, aber es stellt die Weichen für die Weisheit. Im Gegensatz dazu hat Unwissen immer verheerende Folgen.
Ich plädiere seit über einem Jahrzehnt dafür, im Lehrplan der Schulen wöchentlich eine Stunde für Kulturen der Welt vorzusehen. Hier könnten Wissen und Begegnung Früchte tragen.
In dieser Stunde der „Kultur der Völker“ können sich junge Menschen offen und kritisch, aber mit Respekt über andere Kulturen informieren und darüber diskutieren.
Aber bitte, ich plädiere nicht für zusätzliche Hausaufgaben, zusätzliche Klausuren und Kosten.
Mögen einige dieses Vorgehen für einen langen Weg halten. Ich würde dem nicht einmal widersprechen. Ganz im Gegenteil. Aber ein großes Problem unserer Zeit ist die Eile. Wir fahren schneller und haben immer weniger Zeit.
Eine Folge davon ist das kurzfristige Denken und Planen. Wir planen Veränderungen gewaltigen Ausmaßes, die innerhalb weniger Monate ausgedacht, vorbereitet, ausgeführt und abgeschlossen sein sollen. Das kann nicht gut gehen.
Nehmen wir uns also die Zeit für eine weise Erziehung unserer Kinder. Schul- und Erziehungsprogramme sind keine unumstößlichen Naturkonstanten, sondern sie wandeln sich mit der Zeit. Das bessere Wissen um die anderen Kulturen ist ein Wissen über uns selbst. Mathematik, Deutsch, Englisch, Kunst u. a. Fächer sind wichtig, aber damit unsere Kinder ihr Wissen zukünftig gebrauchen können, müssen sie mit den Kindern anderer Völker die Welt bewohnbar machen, zivilisieren. Ich bin sicher, dass ein Kind, das mehrere Jahre in Ruhe die Kulturen, die Sitten, die Religionen anderer Völker kennen gelernt hat, nicht arglos rassistische Witze weitererzählt, die gegen Juden oder Muslime, Inder oder Afrikaner sind. Ganz einfache Dinge sind das und dennoch entscheidend für den Quantensprung zwischen Wissen und Weisheit. |
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10. Februar 2012
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Veranstaltungs- dokumentation |
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9. Bundeskongress für Politische Bildung
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Information |
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