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Veranstaltungsdokumentation (Januar 2008)

Mit Gratiszeitungen lässt sich Geld verdienen


"Heute"-Herausgeberin Eva Dichand über Crossmedia, junge Leser und die Erfolsgeschichte ihrer Zeitung

bpb: Frau Dr. Dichand, Sie sind Geschäftsführerin der österreichischen Gratiszeitung "Heute". In ihrem Panel ging es um die Frage, wie die journalistische Ausbildung der Zukunft aussieht. Bilden Sie in Ihrem Verlag Volontäre aus?

Dichand: Bei uns arbeiten Studenten als Praktikanten, die wir manchmal in Festanstellung übernehmen. Volontäre bilden wir nicht aus. Mit 50 Redakteuren ist unser Haus zu klein dafür.

Zur Person
Dr. Eva Dichand, Jahrgang 1975, ist Geschäftsführerin und Herausgeberin der österreichischen Gratiszeitung "Heute". Die frühere Investment-Expertin wurde 2005 vom "Österreichischen Journalist" als Medienmanagerin des Jahres ausgezeichnet. Sie ist mit Christoph Dichand verheiratet. Christoph Dichand ist Chefredakteur der "Kronen Zeitung" und Sohn des Herausgebers Hans Dichand.

bpb: Vergleichbare Verlage in Deutschland stecken Zeit und Geld in die Ausbildung des journalistischen Nachwuchses. Wieso bleibt "Heute" außen vor?

Dichand: Unsere Redaktionen sind sehr knapp besetzt. Volontären sollte man auch etwas beibringen. Das könnten wir momentan nicht leisten. Wir sind in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, dass wir immer Journalisten gesucht haben, die uns sofort weiterhelfen mussten.

bpb: Wie sieht die Alterstruktur Ihrer Redaktion aus?

Dichand: Wir haben eine sehr junge Redaktion. Die meisten Kollegen sind zwischen 25 und 35 Jahren.

bpb: Was muss ein Bewerber mitbringen, um bei Ihnen einen Job zu bekommen?

Dichand: Unsere Kernforderung: Er muss Erfahrung bei einer Tageszeitung gesammelt haben. Journalisten von Wochenzeitungen oder Magazinen sind mit der schnellen Produktion einer Tageszeitung häufig überfordert.

bpb: "Heute" startete 2004, wie hat sich die Zeitung seit dem entwickelt?

Dichand: Am Anfang erschienen wir ausschließlich in Wien mit einer Auflage von 150.000 Stück. In der Zwischenzeit gibt es uns auch in Nieder- und Oberösterreich. Wir haben eine Gesamtauflage von 540.000 Exemplaren. Die Hauptredaktion sitzt in Wien, dort wird auch der Mantelteil für die Lokalausgaben produziert.

bpb: Wie kommt die Zeitung zu den Lesern?

Dichand: "Heute" wird nicht verteilt. Die Leser nehmen die Zeitung aus Boxen, die in der Wiener U-Bahn und landesweit in Bahnhöfen, Krankenhäusern, Schulen, Universitäten und Bäckereien stehen.

bpb: Mit "Heute" gelingt Ihnen, wovon viele ihrer Kollegen träumen: Die Zeitung ist vor allem bei jungen Lesern beliebt. Haben Sie ein Geheimrezept?

Dichand: Bei den unter 30-Jährigen haben wir eine tägliche Reichweite von 39 Prozent - eine Zahl, die kaum eine Kaufzeitung in Europa erreicht. Inhaltlich und vom Layout – kurze Texte, hoher Bildanteil, übersichtlicher Seitenaufbau – ist "Heute" speziell auf junge Leser zugeschnitten. Natürlich kommt uns auch entgegen, dass wir mit unserem Vertriebsweg junge Leute ansprechen: Pendler und Jugendliche, die zur Schule oder Universität fahren. Interresant dabei: 50 Prozent unserer Leser lesen keine andere Tageszeitung. Das sind junge Frauen und Männer, die leider keine Zeitungsabos mehr bestellen. Die lesen "Heute", alle weiteren Informationen besorgen sie sich im Internet.

bpb: Schreiben Sie mit "Heute" schwarze Zahlen?

Dichand: Ja.

bpb: Das Thema Crossmedia beherrscht die Verlagsbranche seit einigen Jahren. Wie sehen die crossmediale Zukunft der Zeitung?

Dichand: Da bin ich anderer Meinung als viele meiner Kollegen. Ich glaube nicht, dass man Journalismus ins Internet bringen muss. Das Internet lebt von einer gewissen Freiheit und von Communitys, die Inhalte selbst herstellen. So bald Inhalte kontrolliert werden, gehen die Userzahlen zurück. Viele englische Verlage investieren deswegen Online nicht in klassische Nachrichtenbereiche, sondern in soziale Netzwerke oder Community-Plattformen.

bpb: In Deutschland gibt es den Trend, Zeitungen im handlichen Kleinformat anzubieten wie "Welt kompakt" oder "Frankfurter Rundschau". Auch bei "Heute" setzen Sie auf Tabloid. Warum?

Dichand: In Österreich ist die "Kronen Zeitung" unheimlich erfolgreich, sie hat fast 50 Prozent Marktanteil. Dieser Erfolg ist meiner Ansicht nach auch eine Frage das Formats. Das kleine Tabloidformat liegt den Menschen einfach besser – es ist übersichtlich und handlich.

bpb: Gibt es Unterschiede zwischen dem deutschen und österreichischen Zeitungsmarkt?

Dichand: Österreich ist das Land der Zeitungs-Abos. Die großen überregionalen Zeitungen, wie zum Beispiel die "Kronen Zeitung", der "Kurier" und die "Kleine Zeitung", haben einen Abo-Anteil von mehr als 70 Prozent. Das ist eine viel höhere Eintrittsbarriere für Kaufzeitungen. Für eine neue Zeitung kündigt kaum jemand ein Abo, dass er breits jahrelang bezieht. Gratiszeitungen hingegen werden zusätzlich genommen.

bpb: In Österreich hat sich mit "Heute" eine Gratiszeitung durchgesetzt. Ähnliches gilt für den skandinavischen Zeitungsmarkt, Großbritannien, Schweiz und Frankreich. Warum gibt es in Deutschland keine erfolgreiche Gratiszeitung?

Dichand: Diese Frage stelle ich mir auch. Eigentlich müssten Verlage, die ihr Geld mit Qualitätszeitungen verdienen, Gratisblätter auf den Markt bringen. Das ist eine gute Ergänzung mit der sich Geld verdienen lässt. Beide Angebote – Qualitätszeitung und Gratisblatt - sind so unterschiedlich, dass sie sich weder Leser noch Werbekunden wegnehmen. Aber in Deutschland gibt es nur wenige große Verlage. Und die haben das bisher unterbunden. Vor allem für den Springer-Verlag wäre eine Gratiszeitung ein Problem, weil Kaufzeitungen wie die "Bild" wahrscheinlich stark an Lesern verlieren würden.

bpb: Es gab Versuche, eine Gratiszeitung in Deutschland zu etablieren: Der Schibsted-Verlag hat es 1999 mit "20 Minuten" in Köln versucht. 2007 prüfte die Deutsche Post den Einstieg ins Zeitungsgeschäft. Ist es nur eine Frage der Zeit bis sich eine Gratiszeitung durchsetzt?

Dichand: Eine überregionale Gratiszeitung kann ich mir in Deutschland schwer vorstellen. Dafür sind die Verlage zu finanzstark. Die werden – wie in Köln - alles tun, um ein Gratisblatt zu verhindern. Als Markteinsteiger bräuchte man schon unglaublich viel Kapital, um diese Materialschlacht zu überstehen.

bpb: Gibt es in Ihrem Verlag Pläne, eine Gratiszeitung in Deutschland zu starten?

Dichand: Nein. Osteuropa ist als Markt für Gratiszeitungen derzeit viel interessanter. Dort liegen die Umsatzrenditen bei über 35 Prozent. Von solchen Zahlen können wir in Mitteleuropa nur träumen.

Interview: Andreas Braun

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