Als ich Mitte September an
einer Buchhandlung vorbei
ging, die verlagsneue
Bücher zu reduziertem Preis
verkauft, fiel mir ein
Bücherstapel mit dem Titel
„Die globale Bedrohung -
Neue Gefahren des
Terrorismus“ von Walter Laqueur auf (Laqueur 1998). Das Buch ist 1998 erschienen. Es
gibt einen leicht verständlichen Überblick über die weltweite Szenerie des heutigen
Terrorismus sowie seine historischen Vorläufer und es will auf die Gefahren aufmerksam
machen, die modernen Gesellschaften durch den Terrorismus drohen, zumal angesichts
relativ leichter Zugänglichkeit von Massenvernichtungswaffen. Die Preisbindung für
Bücher im deutschen Buchhandelssystem lässt Preisnachlässe im allgemeinen nur zu,
wenn ein Verlag einen Titel aus dem normalen Sortiment nimmt und die Restauflage
billig abgibt, „verramscht“, wie es im Deutschen so schön heisst. Zumeist ist dies ein
Zeichen für ein unerwartet geringes Publikumsinteresse an dem jeweiligen Titel.
Ich weiß nicht, ob der Verlag seine Entscheidung, diesen Titel aus dem regulären
Programm zu nehmen, nach dem 11. September bereut hat.
Aber der Schock, den die
Ereignisse dieses Tages ausgelöst haben, hat dieses Thema, das lange wenig beachtet
oder als Angelegenheit anderer Weltgegenden abgetan wurde, auf brutale Weise auf die
Agenda der Öffentlichkeit gesetzt. Noch kann niemand sagen, welches die längerfristigen
Auswirkungen der Anschläge und der Reaktionen des Westens sein werden. Aber es
waren gewiss nicht nur leere Worte, wenn nach den Anschlägen immer wieder gesagt
wurde, die Welt sei nach dem 11. September 2001 eine andere als zuvor. Ein zentraler
Aspekt dieses „Anderen“, das sichtbar geworden ist, ist eine Verletzlichkeit der
modernen Gesellschaften, gegenüber der andere Risiken für die Demokratie, die
gleichwohl fortbestehen, von einem Tag auf den anderen in den Hintergrund treten. Der
„Rückzug ins Private“, vor dem unser Tagungsthema warnt, erscheint plötzlich als ein
vergleichsweise geringes Übel, ja, auf den ersten Blick jedenfalls, fast als ein Luxus-phänomen
von modernen Gesellschaften - hätten wir doch sonst keine Probleme, ist man
versucht im Lichte des 11. September zu sagen.
Ich bitte um Ihr Verständnis dafür, dass ich angesichts der Terroranschläge das Thema
meines Vortrags kurzfristig verändert habe - verändert im Sinne vor erweitert. Denn
tatsächlich sehe ich einen gewissen Zusammenhang zwischen bestimmten - nicht allen -
Formen des „Rückzugs ins Private“ und jenen Stilen politischen Denkens, die wir im
Hintergrund des Terrorismus vermuten dürften. Selbstverständlich ist dies kein kausaler
Zusammenhang, das eine ist nicht für das andere verantwortlich. Aber Fundamentalismus
und politische Apathie sind verbunden durch ein Unbehagen an der Moderne. Dieses
Unbehagen kann Gefühle der Hilflosigkeit und der Ohnmacht erzeugen - die in
Resignation, aber auch in Aggression und Hass umschlagen können. So gesehen verkürzt
man das Problem, wenn man die Attentate des 11. September allein als Angriffe von
außen betrachtet, wenngleich sie dies offenkundig auch sind. Aber schon die Spuren der
Attentäter führen auch in unsere Gesellschaften hinein, wo diese Menschen offenbar
längere Zeit gelebt haben - und wie wir alle wissen, waren dies zwar die bisher brutalsten
und wirkungsvollsten terroristischen Angriffe in den westlichen Demokratien, aber
keineswegs die ersten.
Die Moderne ist in dem Prozess ihrer Entwicklung und ihrer weltweiten Verbreitung
immer wieder von einer „Nachtseite“ (Beck 1993) begleitet worden, auf der sich das
Unbehagen an ihren Zumutungen sammelt - das Unbehagen am Verlust an Sicherheit,
Gewissheit und Geborgenheit, den die Offenheit moderner Gesellschaften mit sich bringt.
Dieses Unbehagen hat in der Geschichte der Moderne höchst vielfältige
Ausdrucksformen gefunden: in den harmloseren kleinen Fluchten von der Romantik bis
zur Esoterik, im kleinen privaten Fundamentalismus unerschütterlicher religiöser oder
politischer Überzeugungen ebenso wie in wirkungsvollen fundamentalistischen
Bewegungen, im Terror kleiner Gruppen wie in terroristischen politischen Systemen, die
sich nicht nur in der islamischen Welt finden, sondern in einer gar nicht so weit zurück
liegenden Vergangenheit mit dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus mitten in
Europa. Selbst die religiös motivierte politische Gewalt ist uns näher, als uns lieb sein
kann, man denke an den Nordirland-Konflikt und die früheren Terroranschläge der IRA
in England oder an Attentate fundamentalistischer Abtreibungsgegner in den USA, auch
wenn diese Formen von Gewalt bisher keine den Anschlägen in New York und
Washington vergleichbaren spektakulären Formen angenommen haben. Durchaus
spektakulär und von einem hohen Bedrohungspotenzial war dagegen der Giftgasangriff
der Aum-Sekte auf die Tokioter U-Bahn 1995, wo es nur einer gewissen technischen
Unbedarftheit der Attentäter zu verdanken war, dass es bei zwölf Toten und 5500
Verletzten blieb.
Als „Aufstand gegen die Moderne“ hat der Politikwissenschaftler Thomas Meyer den
Fundamentalismus treffend bezeichnet (Meyer 1989). Aber auch wo sich das Unbehagen
an der Moderne nicht politisch organisiert, wo es eher diffus bleibt und z.B. in einem
resignativen, von Ressentiments geprägten Rückzug aus der Politik seinen Ausdruck
findet, bleibt die Nachtseite der Moderne eine stetes Risiko für Freiheit und Demokratie.
Offenbar bleibt die immer neue Integration der nachwachsenden Generationen in eine
politische Kultur der Freiheit eine schwierige, mit vielen Gefährdungen konfrontierte
Aufgabe.
Spätestens an dieser Stelle muss nach den möglichen Leistungen politischer Bildung
gefragt werden. Kann politische Bildung ein „Gegengift“ gegen die Bedrohungen der
Demokratie durch die verschiedenen Formen der Flucht aus der Moderne, durch
politische Apathie, Fundamentalismus und Terrorismus sein, und wenn ja, in welchem
Sinn? Gibt es durch die aktuellen Terroranschläge neue Herausforderungen, neue
Aufgaben oder zumindest neue Gewichtungen in den Aufgaben der politischen Bildung?
Ich möchte diesen Fragen in drei Schritten nachgehen. Zunächst werde ich sehr kurzer
Form auf Möglichkeiten und Grenzen der unmittelbaren Reaktion politischer Bildung auf
die aktuelle politische Situation eingehen. Zweitens frage ich grundsätzlich nach den
Aufgaben und Möglichkeiten politischer Bildung als Gegengift im genannten Sinn.
Drittens schließlich möchte ich einige Überlegungen zu möglichen neuen
Akzentuierungen für die weitere Entwicklung der politischen Bildung zur Diskussion
stellen.
Politische Bildung: keine Feuerwehr, aber eine wichtige Dienstleistung
Zweifellos muss politische Bildung sich mit den Terroranschlägen vom 11. September
und den unmittelbaren und mittelbaren Formen direkt auseinandersetzen. Dies ist einer
der - meist wenig erfreulichen - Anlässe, aus denen die aktuelle Politik alle Lehrpläne,
Schulbücher und schulinternen Absprachen außer Kraft setzt.
Allerdings kann politische Bildung gewiss keinen unmittelbaren Beitrag zur Lösung der
aktuellen politischen Probleme leisten. Politische Bildung ist keine Feuerwehr; ihre
Handlungsmöglichkeiten im Sinne einer politisch unmittelbar wirksamen Intervention
sind marginal. Auch muss politische Bildung sich vor jeder Form von Populismus und
Propaganda hüten.
Dennoch kann politische Bildung auch aus der Sicht der Bürgerinnen und Bürger in einer
solchen Situation wichtige Leistungen erbringen. In der Bundesrepublik wurde am 14.
und 15. September, also wenige Tage nach den Terroranschlägen, eine Stichprobe von
rund 1000 Personen danach befragt, welche Informations- und Bildungsangebote sie sich
zu den Terroranschlägen in den USA und den Reaktionen der NATO wünschen, die sie
auch tatsächlich nutzen würden. Befragt wurden Menschen über 14 Jahre, also Schüler
wie auch Erwachsene (Rudolf 2001). Auch wenn man sicher nicht zu schnell von einer
geäußerten Teilnahmeabsicht auf eine tatsächliche Teilnahme an entsprechenden
Veranstaltungen schließen darf, sind der Bedarf und die Erwartungen die politische
Bildung offenbar sehr hoch. Einige Ergebnisse aus der Befragung: Bezogen auf mögliche
Veranstaltungsformen äußersten 70% der Befragten, sie würden an Veranstaltungen
teilnehmen, „in denen man mit hier lebenden US-Amerikanern zusammenkommt und mit
ihnen über ihre Sicht der Entwicklung reden kann“ . 48% wünschten sich entsprechende
Veranstaltungen mit hier lebenden Menschen islamischen Glaubens. Bezogen auf
mögliche Inhalte von Bildungsveranstaltungen wünschten sich 70% der Befragten
Analysen zu langfristigen politischen und wirtschaftlichen Folgen der aktuellen
Ereignisse, 65% Hintergrundinformationen zum Nahost-Konflikt und jeweils knapp über
60% Tipps für eigenes Engagement und für den kritischen Umgang mit der
Medienberichterstattung.
Es gibt also offenbar hohe Erwartungen an die politische Bildung in der Bevölkerung.
Die Leistungen, die sie in einer politischen Krise wie der gegenwärtigen erbringen kann,
liegen in der Unterstützung der Individuen bei der subjektiven Bewältigung der
Krisenerfahrung sowie in der Schaffung von Orten für den gesellschaftlichen Diskurs
über die gemeinsamen Angelegenheiten. Indirekt leistet politische Bildung mit solchen
Angeboten auch einen Beitrag zur politischen Kultur der Moderne, in der Deutungen und
Bedeutungen nicht von einer religiösen oder staatlichen Autorität verbindlich
vorgegeben, sondern in der Gesellschaft ausgehandelt werden. Für die Individuen, für die
Teilnehmenden an Bildungsangeboten politischer Bildung, bietet sich die Chance, in der
Verständigung mit anderen und in der Auseinandersetzung mit Expertenwissen
Orientierung und Urteilssicherheit zu gewinnen. Genau dies aber, Orientierungs- und
Urteilsfähigkeit auch in unübersichtlichen Situationen, auch in Krisen zu gewinnen und
zu bewahren, ist ein Gegengift gegen die Gefühle der Hilflosigkeit und der Ohnmacht,
aus denen politische Apathie oder die Suche nach der einfachen Lösung erwachsen
können.
Anstiftung zur Freiheit
Dies führt bereits zu meiner zweiten Frage, der nach den prinzipiellen Möglichkeiten
politischer Bildung als Gegengift gegen die Bedrohungen, die aus der Nachtseite der
Moderne, aus Ängsten und Verunsicherungen erwachsen können. In einem berühmten
Buch über den Nationalsozialismus hat Erich Fromm in der „Furcht vor der Freiheit“ die
wesentliche subjektive Bedingung für die Anfälligkeit von Menschen für antimoderne
Bewegungen gesehen (Fromm 1966). Tatsächlich ist die politische Freiheit die
Integrationsidee moderner Demokratien und in normativer Hinsicht ihr kleinster
gemeinsamer Nenner. Politische Bildung ist dieser Idee verpflichtet. Sie ist dies nicht nur
deshalb, weil die Idee der politischen Freiheit eben den Basiskonsens markiert, der für
jede Form des Politischen, die mit der Welterfahrung der Moderne verträglich sein soll,
unverzichtbar ist. Sie ist es auch deshalb, weil politische Bildung in einem
demokratischen Sinn ihre Existenzberechtigung eben aus der politischen Freiheit für alle
Bürgerinnen und Bürger erhält. Politische Bildung als ein Lernangebot für alle Menschen
- und nicht für Eliten - ist ja letztlich deshalb notwendig, weil in einer freiheitlichen
politischen Ordnung alle Menschen das Recht haben, ihren eigenen politischen Urteile zu
bilden, diese Urteile zum Ausdruck zu bringen - z.B. in Wahlen - und sich auch darüber
hinaus aktiv politisch zu betätigen. Eben dafür, für politisches Urteilen und Handeln,
kann man in der politischen Bildung Kompetenzen und Wissen erwerben und verbessern,
dies macht ihren praktischen Sinn und Nutzen aus (vgl. Sander 2001).
Politische Bildung ist Anstiftung zur Freiheit. Sie befähigt und sie ermutigt Menschen,
politische Freiheit zu leben - denn in der Tat bedarf es für Erfolg versprechendes
politisches Handeln in freiheitlichen Gesellschaften nicht nur politischer Urteils- und
Handlungskompetenzen, es bedarf auch, wie Immanuel Kant so treffend sagte, des
Mutes, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und von seiner Vernunft öffentlichen
Gebrauch zu machen.
Scheinbar ist dies in modernen Demokratien, in denen die Menschenrechte garantiert
sind, eine leichte Übung, nicht zu vergleichen mit dem Mut, den politischer Widerspruch
in diktatorischen Systemen erfordert. Aber schnell macht, wer sein engeres soziales
Umfeld verlässt und sich auf die komplexe Struktur der Öffentlichkeit moderner
Gesellschaften einlässt, Erfahrungen, die produktiv auszuhalten auch erst gelernt werden
muss. Pluralität und kulturelle Differenz konfrontieren das Individuum mit der Relativität
seiner eigenen Weltsicht, Instanzen, die verbindliche Wahrheiten festlegen können, gibt
es nicht mehr, politische Entscheidungen sind unter Bedingungen unvollständigen und
unsicheren Wissens zu treffen. „L.A. - a world of difference“ war im vergangenen Jahr
auf Plakaten überall in Los Angeles zu lesen. Tatsächlich ist die gesamte moderne Welt
eine der Differenz, eine Welt, die aus unzähligen Welten besteht und die diese Pluralität
zum Programm macht. Aber Differenz bedeutet auch Unsicherheit, und wo der Mut fehlt,
sie zu ertragen, kann die „Gegenmoderne“ (Beck 1993) Fuß fassen.
Dies schließt keineswegs die Möglichkeit und Legitimität subjektiver Glaubensüberzeugungen
aus. Von Mullah Mutawakkil, dem „Außenminister“ der Taliban, wird
berichtet, er sehe das irdische Dasein des Menschen als erzwungenen Aufenthalt in der
Wüste, als Transit: „Unser Ziel ist das Paradies, alles andere ist für uns ohne Bedeutung.“
(zit. nach Lüders 2001, 19) Dieses Bild des irdischen Lebens als „Jammertal“ ist uns aus
der Geschichte des Christentums wohl vertraut. Jeder Mensch hat das Recht, die Welt so
zu sehen. Niemand aber kann in der Moderne mehr das Recht für sich an Anspruch
nehmen, Konsequenzen aus seinen Gewissheiten für andere zu ziehen. Die schwierige
Forderung der Moderne an jeden Menschen ist, seine Suche nach Gewissheit - oder
seinen Verzicht auf eine solche Suche - mit der Anerkennung des Rechts aller anderen
Menschen auf ihre eigene Sicht der Welt zu verbinden. Davon, dass Menschen diese
Fähigkeit entwickeln, hängt auf längere Sicht nicht nur der Fortbestand der Freiheit
innerhalb einer modernen Gesellschaft, davon hängt in einer globalisierten Welt auch das
Überleben aller menschlichen Gesellschaften ab.
Noch einmal: In welchem Sinn kann die politische Bildung Gegengift gegen die
Verführungen der Gegenmoderne sein? Gewiss nicht in dem Sinn, dass sie den
geschlossenen fundamentalistischen Weltsichten einer andere geschlossene Weltsicht
gegenüber stellt. Auch nicht in dem Sinn, dass sie moralisch appelliert oder Menschen zu
belehren versucht. Aber politische Bildung kann Menschen in der Auseinandersetzung
mit Politik Lernerfahrungen ermöglichen, die Gefühlen der Ohnmacht und der
Hilflosigkeit entgegenwirken.
Solche Lernerfahrungen sind ganz wesentlich Kompetenzerfahrungen. Politische Bildung
stellt Politik als Feld menschlichen Lebens vor, zu dem Menschen sich selbstbewusst
verhalten können, das sie nicht als bloßes Schicksal hinnehmen müssen. So ermöglicht
politische Bildung Komplexitätszuwächse im politischen Urteilen. Hierzu gehört
beispielsweise, mittel- und längerfristige Problemlagen hinter aktuellen politischen
Ereignissen zu identifizieren und in die eigene Urteilsbildung einzubeziehen, Folgen und
Nebenfolgen politischer Entscheidungen zu bedenken, die Perspektiven Andersdenkender
einzunehmen, ein Stück weit hinter die Kulissen der medialen Präsentation und
Inszenierung von Politik zu schauen. Komplexitätszuwachs im politischen Urteilen kann
Formen des Verstehens und der Orientierung ermöglichen, die ohne eine Tabuisierung
von unbefragbaren Gewissheiten auskommen, ja die am Ende auch die eigenen
Denkvoraussetzungen im politischen Denken, etwa das eigene Menschenbild, der
Reflexion zugänglich machen. Zudem findet politische Bildung in aller Regel in
Lernsituationen statt, die gewissermaßen durch eine Mikropluralität gekennzeichnet sind,
weil die beteiligten Menschen ihre individuellen und zumeist ja verschiedenen Bilder von
Politik mitbringen. Darin trainiert sie das Aushalten, ja die produktive Nutzung von
Differenz für die eigene Sicht des Politischen.
Weiterhin ermöglicht politische Bildung Kompetenzzuwächse im politischen Handeln.
Die vielfältigen Formen des Auftretens in der Öffentlichkeit, die Nutzung und Gestaltung
von Medien, die Kooperation mit anderen, aber auch das Aushalten einer
Minderheitenposition, Interessen organisieren und vertreten, aber auch Kompromisse
schließen zu können - dies sind Beispiele für handlungsbezogene Kompetenzerfahrungen,
zu denen politische Bildung verhelfen kann.
In diesem Zusammenhang sind auch die Lernkulturen und die institutionellen Rahmen-bedingungen
in der politischen Bildung von erheblicher Bedeutung. Zu den wichtigsten
Ergebnissen der in diesem Jahr erschienenen internationalen Vergleichsstudie
„Citizenship and Education in Twenty-eight Countries“ (Torney-Purta u.a. 2001) gehört,
dass es einen deutlich positiven Zusammenhang gibt zwischen der politischen
Urteilsfähigkeit und der Engagementbereitschaft von Jugendlichen auf der einen Seite
und dem Ausmaß ihrer Erfahrungen mit praktischer Partizipation und einer offenen
Lernkultur in der Schule auf der anderen Seite. Es ist offenbar eine wesentliche
Bedingung für erfolgreiche politische Bildung, dass die Lernenden in der sozialen
Situation des Lernens die Erfahrung machen können, ernst genommen zu werden und
Einflusschancen zu haben. Vielleicht hat dieser Zusammenhang ja etwas mit der
erwähnten Ermutigung zu tun, von der eigenen Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen.
Ein Gegengift gegen die Versuchungen der Gegenmoderne ist politische Bildung also
dadurch, dass sie im Wissen um die Unsicherheit allen Wissens Menschen befähigt und
ermutigt, ihre politische Freiheit zu leben. Allerdings kann politische Bildung nicht vor-schreiben,
auf welche konkrete Weise Menschen dies tun sollen. Ein verbindliches
Bürgerleitbild kann es in einer freiheitlichen Gesellschaft nicht geben. Selbst der
Rückzug ins Private ist nicht von vorneherein problematisch, immerhin gehören die
Erfindung der Privatsphäre und das Recht auf Privatheit zu den Bedingungen der Freiheit
in modernen Gesellschaften. Nicht jeder, vielleicht ja auch nur zeitweilige, Rückzug aus
der politischen Öffentlichkeit ist mit politischer Apathie gleichzusetzen. Problematisch
für die Demokratie und eine Herausforderung für die politische Bildung sind nur jene
Formen des Rückzugs von der Politik, die ihre Wurzeln in Gefühlen der Ohnmacht und
der Orientierungslosigkeit, in Ressentiments, Angst und Aggression haben.
Nach dem 11. September 2001: neue Herausforderungen für die politische Bildung
Hat sich an diesen grundlegenden Aufgaben politischer Bildung mit den
Terroranschlägen vom 11. September etwas geändert? Mein Antwortvorschlag auf diese
Frage wäre: „nein, aber...“. Sicher machen uns die Anschläge auch wieder bewusst, dass
es in unserem Fach am Ende um Probleme von großem Ernst, um Fragen von
grundsätzlicher Bedeutung für Leben und Überleben geht. Es wird wieder deutlicher
sichtbar, dass manche Aspekte des politischen Tagesgeschäfts, mit denen wir uns in der
politischen Bildung immer wieder auch befassen müssen, weil sie die Schlagzeilen in den
Medien und die Zugänge der Menschen zu Politik prägen, eben doch nur
Oberflächenphänomene sind. Eine stärkere Konzentration auf das Grundproblem des
Politischen, wie wir als Menschen gerade angesichts unserer Unterschiede unser
Zusammenleben in Gesellschaften gestalten wollen, dürfte mancherorts angebracht sein.
Aber eine neue Theorie politischer Bildung folgt daraus noch nicht.
Dennoch müssen wir über neue Akzentuierungen in den Aufgaben und neue Felder für
die Praxis politischer Bildung nachdenken. Politische Bildung ist keine Feuerwehr, hatte
ich gesagt, sie kann mit ihren Mitteln aktuelle politische Probleme nicht lösen. Aber ihre
Aufgabe ist es doch, einen Beitrag zum vorbeugenden Brandschutz in der Demokratie zu
leisten. Kann, so wäre zu fragen, dieser Brandschutz verbessert werden, gibt es
möglicherweise Bereiche, in denen ein intensiveres Engagement notwendig ist oder die
gar bisher ganz übersehen wurden? Ich möchte vier Aspekte ansprechen, in denen ich
solche Notwendigkeiten sehe. Nochmals betone ich, dass dies ganz aus meiner
Wahrnehmung der deutschen Situation heraus gesagt wird; ich bin gespannt darauf, in
der Diskussion zu erfahren, ob sich diese Fragen aus der Perspektiven der
Bildungssysteme in anderen Staaten möglicherweise anders darstellen. Zu keinem dieser
Punkte kann ich ein fertiges Konzept anbieten, überall gibt es wohl noch mehr Fragen als
Antworten. Wofür ich plädiere ist, diese Fragen als Herausforderungen für unser Fach
anzunehmen.
1. Interkulturelles Lernen
Die politische Bildung muss dem Bereich des interkulturellen Lernens quantitativ mehr
Gewicht geben und ihn qualitativ schärfer profilieren. Damit es nicht zu einem „Clash of
Civilizations“ (Huntington 1996) kommen kann, muss der Dialog zwischen den
Zivilisationen bzw. Kulturen intensiviert werden. Auf die aktuelle Problematik bezogen
ist dies für die politische Bildung zunächst ein Dialog, der innerhalb der modernen
Gesellschaft zu organisieren ist, denn der Islam ist in den westlichen Gesellschaften
präsent (Leggewie 1993). Interkulturelles Lernen ist ein wichtiges Medium für diesen
Dialog. Allerdings müssen wir heute bewusster wahrnehmen, dass sich inmitten
westlicher Gesellschaften geschlossene subkulturelle Milieus bilden können, von denen
aus eine aggressive Politik gegen die westlichen Demokratien betrieben werden kann.
Wir müssen heute Warnungen wie die von Bassam Tibi, der radikale Islamismus
versuche, „die Islam-Diaspora im Westen zu hijacken“ (Tibi 2001, 43), sehr viel ernster
nehmen als bisher. Selbstverständlich sollen damit islamische Minderheiten nicht unter
einen Generalverdacht gestellt werden, das wäre völlig unangemessen und
kontraproduktiv.
Im Gegenteil muss bei der Konzeption interkultureller Lernangebote
stärker als bisher die Zusammenarbeit mit liberalen Gruppen und Führungs-persönlichkeiten
in Migrantenkulturen gesucht werden. Auch ist nicht zu erwarten, dass
Menschen mit einem geschlossenen fundamentalistischen Weltbild und womöglich
bereits ausgeprägter Gewaltbereitschaft von interkulturellen Lernangeboten noch erreicht
werden können. Wohl aber muss intensiver daran gearbeitet werden, der Bildung solcher
Immigrantenmilieus entgegenzuwirken, in denen gewaltbereite Fundamentalisten
Unterstützung erhalten. Unsere Bildungssysteme müssen frühzeitig und intensiv,
beginnend im Vorschulalter, dazu beitragen, dass sich keine antidemokratischen
Gegengesellschaften inmitten der westlichen Demokratien bilden. Gewiss ist dies keine
einseitige Erwartung an Einwanderergruppen, gewiss sind auch ein stärkeres Interesse
und eine größere Dialogbereitschaft von Mehrheitskulturen erforderlich. Zugleich aber
darf eine dialogisch ausgerichtete interkulturelle Bildung keinen Zweifel daran lassen,
dass die Akzeptanz von kultureller Differenz ihre Grenze findet, wo die Freiheit aller
berührt wird. Nach meinem Eindruck muss diese Grenze deutlicher als bisher vertreten
werden. Die Akzeptanz von kultureller Differenz ist keine Alternative zu einer
universalistischen Grundlegung interkultureller Bildung, sie setzt diese im Gegenteil
gerade voraus.
2. Interreligiöses Lernen
Moderne Gesellschaften sind auch in religiöser Hinsicht pluralistisch, wie wir alle
wissen. Es ist ein Gewinn für die Freiheit aller, dass der moderne Staat religiöse
Überzeugungen zur Privatangelegenheit der Bürger gemacht hat. Wenn allerdings aus
religiösen Überzeugungen politische Konflikte bis hin zu massiver Gewalt erwachsen, ist
dies keine Privatangelegenheit mehr. Auch hier kann das Bildungswesen eher im Bereich
des Brandschutzes denn als Feuerwehr wirken. Aber es scheint auch hier, dass dieser
Brandschutz ernster genommen werden muss. Es ist notwendig, dass die
Bildungseinrichtungen institutionalisierte Orte für interreligiöses Lernen bieten. Ein
solches interreligiöses Lernen muss auf der Grundlage wechselseitiger Toleranz, aber der
gemeinsamen Akzeptanz der Entscheidungsfreiheit der Individuen basieren. Es kann
jungen Menschen helfen, sich über ihre eigenen Einstellungen zu Religion genauere
Klarheit zu verschaffen und auch in dieser Hinsicht in Toleranz für andere ihren eigenen
Wege gehen zu lernen. Welches der richtige Ort für ein solches Lernen ist, mag in
verschiedenen Schulsystemen unterschiedlich sein. Civic education oder social studies
können prinzipiell ebenso geeignete Fächer sein wie Philosophie oder Ethik. In jedem
Fall aber sollte die Kooperation mit den Fächern der politischen Bildung im engeren Sinn
gesucht werden.
In der Bundesrepublik Deutschland gibt es den Religionsunterricht als
konfessionell geprägtes Schulfach unter Mitwirkung der Kirchen. Auch wenn ich keinen
Zweifel daran habe, dass in diesem christlich-konfessionell geprägten Unterricht in aller
Regel gegenüber anderen religiösen Überzeugungen ein Klima der Toleranz herrscht,
scheint mir dieses Modell überprüfungsbedürftig zu sein. In seiner Konsequenz liegt im
Zuge der weiteren religiösen Pluralisierung der Gesellschaft die Einführung von eigenem
Religionsunterricht an Schulen auch für Angehörige anderer Religionen. Dies wird
derzeit in Deutschland für einen islamischen Religionsunterricht diskutiert und es ist nur
eine Frage der Zeit, wann eine weitere Differenzierung erfolgt, beispielsweise durch
jüdischen Religionsunterricht. Im Blick auf die Notwendigkeit eines interreligiösen
Lernens dürfte dies eine kontraproduktive, ja gefährliche Entwicklung sein. Hier sollte
über ein neues, interreligiös ausgerichtetes Konzept für den Religionsunterricht
nachgedacht werden.
3. Interkulturelle politische Bildung an Universitäten
Mit Entsetzen haben die betroffenen Universitäten in Deutschland wahrnehmen müssen,
dass Studierende aus arabischen Ländern an den terroristischen Anschlägen in den USA
maßgeblich beteiligt waren. Auch hier muss vor vorschnellen Verallgemeinerungen und
von einem Generalverdacht gegen Studierende aus der islamischen Welt gewarnt werden.
Auf der anderen Seite wäre es jedoch naiv anzunehmen, es habe sich hier um bloße
Einzelfälle gehandelt, die in keiner Weise auf ein entsprechendes subkulturelles Umfeld
bezogen waren. Wir dürfen die Weltoffenheit unserer Universitäten nicht aufgeben,
sondern müssen sie im Gegenteil weiter fördern. Aber wir müssen auch wahrnehmen,
dass es offenbar möglich ist, in einer westlichen Gesellschaft zu studieren, ohne sich im
Sinne einer Offenheit für interkulturelles Lernen auf diese Gesellschaft einlassen zu
müssen.
Manches spricht für die Vermutung, dass dies besonders in
naturwissenschaftlich und technisch ausgerichteten Fächern ein Problem sein kann, da
die Studieninhalte selbst hier eine solche Auseinandersetzung nicht nahe legen. Es wäre
darüber nachzudenken, ob und in welcher Weise im Rahmen des Studiums für
ausländische Studierende Lernangebote etabliert werden können, die zu einer
intensiveren Auseinandersetzung mit der westlichen Zivilisation und den Grundlagen
moderner Demokratien anregen. Selbstverständlich muss hier jeder Anschein einer
politischen Belehrungsveranstaltung vermieden werden. Nicht nur muss der thematische
Zugriff über politische Fragen im engeren Sinne hinaus breiter angelegt sein, auch muss
als Service und konkrete Hilfe ein praktischer Nutzen für die Orientierung im Alltag
einer modernen Gesellschaft gegeben sein. Aber es scheint mir dringend erforderlich zu
sein, dass die Situation des Studierens in einem westlichen Land für ausländische
Studierende nicht nur im Sinne des Fachstudiums, sondern auch im Sinne einer
persönlichen, produktiven, auch politische Fragen einschließenden interkulturellen
Lernerfahrung verstanden und angeboten werden muss.
4. Globalisierung des politischen Denkens und der politischen Bildung
Wissenschaft ist international. Aber man muss wohl feststellen, dass dies für die Politik-
und Sozialwissenschaften eher in abgeschwächter Form gilt und für die politische
Bildung noch weniger. Vielleicht ist eine internationale Konferenz wie diese gerade der
falsche Ort, den nationalen Provinzialismus der politischen Bildung zu beklagen, und ich
weiß wohl um das Engagement gerade des Center for Civic Education und der
Bundeszentrale für politische Bildung für die Entwicklung eines transnationalen
Kooperations- und Diskussionszusammenhang im Fach. Aber täuscht der Eindruck, dass
sich Internationalisierung der Wissenschaften von der Politik und von der politischen
Bildung bisher im Wesentlichen im Rahmen der westlichen Demokratien bewegt?
Jedenfalls scheint mir gerade der Dialog mit der islamisch geprägten Welt in den Feldern
des politischen Denkens und der politischen Bildung schwach ausgeprägt zu sein, um es
vorsichtig auszudrücken. Es dürfte eine bedeutsame Aufgabe sein, diesen Dialog zu
entwickeln. Wir müssen in einen dichteren intellektuellen Diskurs mit der islamischen
geprägten Welt eintreten, der auch das Gespräch über die Frage einschließt, wie junge
Menschen in verschiedenen Kulturen am besten auf das gemeinsame Leben in einer sich
globalisierenden Welt vorbereitet werden können. Hier liegen erhebliche
Herausforderungen auch für die auswärtige Kulturpolitik.
Noch können wir bei weitem nicht absehen, was es einmal bedeuten wird, dass sich seit
dem 11. September 2001 die Welt verändert hat. Noch stehen wir unter dem Schock
dieser Ereignisse. Nicht nur als Bürger, auch als Experten für politische Bildung müssen
wir uns mit dieser Herausforderung auseinandersetzen. Ich zitiere abschließend noch
einmal Thomas Meyer: „Der fundamentalistische Rückfall kann auch zur Chance für die
Moderne werden. Nicht durch das, was er will, und auch nicht durch das, was er tut,
sondern durch die Selbstbesinnung der Kräfte der Aufklärung, die er wider Willen
mobilisiert.“ (Meyer 1989, Klappentext) Zu diesen Kräften gehört auch die politische
Bildung.
Literatur
Beck, Ulrich: Die Erfindung des Politischen. Frankfurt/M. 1993
Berger, Peter L. / Berger, Brigitte / Kellner, Hansfried: Das Unbehagen in der
Modernität. Frankfurt/M./New York 1975
Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit. Frankfurt/M. 1966
Huntington, Samuel P.: The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order.
New York 1996
Laqueur, Walter: Die globale Bedrohung. Neue Gefahren des Terrorismus. Berlin:
Ullstein, 1998 (englische Originalausgabe: Dawn of Armageddon. New York 1998)
Leggewie, Claus: Alhambra - Der Islam im Westen. Reinbek: Rowohlt, 1993
Meyer, Thomas: Fundamentalismus. Aufstand gegen die Moderne. Reinbek 1989
Lüders, Michael: Blow out ins Paradies. Warum bin Ladens Gotteskrieger lebende
Bomben sind. In: Frankfurter Rundschau vom 25.9.2001
Rudolf, Karsten: Nach den Terroranschlägen: Erwartungen an politische Bildung.
Unveröffentlichtes Manuskript, erscheint voraussichtlich in DIE - Zeitschrift für
Erwachsenenbildung 1/2002
Sander, Wolfgang: Politik entdecken - Freiheit leben. Neue Lernkulturen in der
politischen Bildung. Schwalbach 2001
Tibi, Bassam: Öffnung für andere Kulturen und Aufklärung über Rechtsradikalismus der
„Anderen“ - Dialog mit dem Islam, Warnung vor dem Islamismus. In: kursiv - Journal
für politische Bildung 1/2001
Torney-Purta, Judith / Lehmann, Rainer / Oswald, Hans / Schulz, Wolfram: Citizenship
and Education in Twenty-eight Countries. Civic Knowledge and Engagement at Age
Fourteen. Amsterdam 2001
PDF-Version des Textes (50,3 KB) |
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